Iran Reisejournal – Teil 3: Massal, im grünen Nordiran

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7- 11. August:

Am Montag geht es noch auf einen Abstecher in die „Stadt des Tees“*, Lahijan, bevor wir unsere europäischen Freunde in Teheran aufgabeln werden. F. und ich erklimmen den Teufelsberg, der so heißt, weil man sich im Sommer die Fresse verbrennt, fast einen Kreislaufkollaps kriegt, und im Winter wahrscheinlich das Genick bricht, weil die Stufen vereist sind. Den ersten Abend nach der Anreise unserer Freunde verbringen wir auf dem Freiheitsplatz, wo auch die Grüne Revolution stattfand, und in einem nachts noch heimlich geöffneten Restaurant im „Elbenwald“. So nenne ich den märchenhaften Ort in Teheran, an dem sich Restaurants wie Baumhäuser zwischen Felsen, Wald und kleinen Wasserfällen übereinander stapeln. Endlich lerne ich F.s Kindheitsfreund M. persönlich kennen. M. spricht Deutsch und kämpft seit zwei Jahren mit österreichischen Behörden um sein Visum, da er schon längst von der Uni Wien angenommen wurde.

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Früher frenetische Anhängerin schwarzer Emo/Skinny-Hosen, habe ich mich nun nicht nur mit den weiten Pluderhosen und dünnen Mantos arrangiert, die ich hier tragen muss, sondern genieße diesen gemütlichen Gammel-Glam, den ich gerne albern als „luftig gruftig“ bezeichne. In einem der weniger konservativen Einkaufszentren decken wir uns mit Teheran-tauglicher Kleidung ein und fressen Eisbecher, die in Italien unbezahlbar wären. Am nächsten Tag besuchen wir das Wahrzeichen der Stadt, den Milad Tower, der an den Berliner Fernsehturm erinnert. Nur die Aussicht hier ist besser, denn die Lichter der Stadt scheinen unendlich. Nachts fahren wir außerdem noch zur Nature Bridge in einem der zahlreichen Parks. Aus Protest trage ich mein Kopftuch die ganze Zeit lang so schludrig wie möglich oder auch mal gar nicht. Viele iranische Kinder und Jugendliche sprechen uns sehr höflich auf Englisch an, übersetzen ihren Eltern, wo wir herkommen und sagen: „Welcome to Iran.“

In der Partykarre rasen F., sein bester Freund M., einer der vielen Mohammads** und ich der untergehenden Sonne entgegen und feiern zu persicher Asimucke. Wie alle, die in Teheran ihre Führerscheinprüfung abgelegt haben, kann M. gleichzeitig telefonieren, das Auto zwischen den Fahrbahnen zur Musik tanzen lassen und darauf achten, dass wir nicht mit einem anderen Wagen kollidieren. Nachts kommen wir in einem Kuhkaff an, wo wir die anderen wiedertreffen, die vor uns losgefahren und auf Klettertour gewesen sind. Zu zwölft mieten wir eine ranzige Ferienbude für vier Personen. Ich schlafe im Schrank – und das ist sogar richtig gemütlich. B. hatte im Vorfeld darauf hingewiesen, dass nur kleine Rucksäcke in den Kofferraum seiner Karre passen würden. Jetzt sehen wir auch, warum: B. hat seine Musik- und Lichtanlage mitgebracht, inklusive Nebelmaschine. Auch private Feiern, bei denen nicht verheiratete Männer und Frauen zusammen zu Musik tanzen, sind in der Islamischen Republik Iran verboten. Wir tanzen zu Goa und Techno – teilweise schon im Schlafanzug, was sehr viel bequemer ist als im Partyoutfit – saufen fiesen selbstgebrannten Rosinenschnaps, B. improvisiert eine Bong. Die Kleinstädte und Dörfer hier in der Gegend haben so tolle Namen wie Schwarzer Schwanz und Schaft, was in Kombination mit „Gol“ (= Blume, umgangssprachlich auch Gras) zu eher wenig niveauvollen Unterhaltungen führt. Ich habe F. lange nicht mehr so glücklich gesehen wie beim Spackotanz mit unseren Freunden.

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Am nächsten Tag ziehen wir weiter in ein kleines Ferienhaus nahe der nordiranischen Stadt Massal. Diese Gegend wird auch „der Himmel Irans“ genannt. Die sandigen Berge und Hügel des Südens weichen einem saftigen Grün. Unsere Autokarawane steht auf einer Libellen-umsurrten Wiese; die Clique sitzt ums Grillfeuer herum. Nachts heulen draußen die Wölfe und die abgemagerten Hunde bellen dann, um das schlimmste Tier Mensch aufzuwecken. Obwohl Hunde hier als genauso „unrein“ gelten wie Schweine und nur von wenigen Menschen gut behandelt werden, schützen sie das Dorf vor Angriffen und fressen eher die Abfälle der Menschen als deren frei herumblödelnde Hühner. Ein junger Hund schaut täglich vorbei und bettelt ängstlich um Fischgräten. B. wirkt die ganze Zeit bekifft und orientierungslos, aber gleichzeitig energiegeladen und abenteuerlustig. S. weckt mit seiner Tollpatschigkeit bei den Mädels „Muttergefühle“ (Zitat U.), N. und ich verstehen uns aufs Dissen von Kerlen. Ich komme mir etwas arschig vor, weil ich mich zum Schreiben zurückziehe statt mit den anderen zu feiern und dauernd müde bin. Schließlich habe ich mich so gefreut, alle wiederzusehen. Zwei Minuten nachdem ich das F. gebeichtet habe, kommt A. ins Zimmer hinein und schnaubt: „Ich will jetzt einfach nur lesen und mit keinem reden.“ Wir schlafen also im Misanthropenzimmer auf dem Boden, während der Großteil der Reisegruppe im Wohnzimmer Platz findet. J. schläft nicht gern auf Sofas, das muss ich mir merken. Er, N. und ich reden an einem Abend über Traumata und deren Behandlung. Akute Probleme bereiten aber eher die Kniebeugenklos und das ganze Auf-dem-Teppich-Gehocke. Darum kenne ich wahrscheinlich so viele IranerInnen mit Knie- und Haltungsschäden. Andererseits ist es echt heimelig, im Kreis zusammen auf dem Perserteppich zu mampfen. Weil wir keinen Ort finden, an dem wir gemeinsam schwimmen können, muss sich die Gruppe mal wieder in Männlein und Weiblein einteilen. Die Jungs plantschen halbnackt im Meer herum, während die Mädels komplett bedeckt schwimmen müssen und mehrfach von der Polizei auf nackte Haut wie etwa N.s „zu weiß leuchtende Schultern“ hingewiesen werden.

Wenn man abends auf der Holzpaletten-Veranda sitzt, frische Pfirsiche isst und entfernten Gewitterwolken lauscht, ist es so friedlich wie auf der Alm. Ab und zu kommt ein neugieriges Kalb vorbei oder ein paar Hühner zeigen den Küken wie man durch den Nachbarszaun entwischt. Seit die Internetverbindung und der Strom weg sind, lesen die Leute Bücher oder unterhalten sich. Mit großer Mühe schaffen es die lila Abendwolken, ein paar Regentropfen herauszuquetschen.

Einer der Mohammads weckt die Gruppe viel zu früh auf, weil er einen Termin in Teheran hat, von dem wir nichts wussten. Ich bitte F. darum, wenigstens A. und mich auspennen zu lassen, weil das Bad sowieso erst einmal von zehn anderen blockiert wird. Dies führt zu einer Diskussion auf Persisch, angeschrien gegen den Staubsaugerlärm – also Ziel „auspennen“ verfehlt. A. springt verwirrt auf, als müsste das Haus evakuiert werden. Während F. und B. eines der klapprigen Autos zur nächstgelegenen Werkstatt bringen, packen alle anderen ihre Rucksäcke. Wir sind gerade fertig damit, als Bullen in Zivil vorfahren. Irgendein Nachbar hat uns wohl verpfiffen, denn gestern hat B.s Boombox mal wieder alles gegeben. Die Sicherheitspolizei will unsere Reisepässe sehen. B.s Grasreste liegen noch unterm Sofa neben der Anlage, Wodka steht im Kühlschrank. Wir haben keine Zeit mehr, irgendetwas zu verstecken, weshalb M. nach draußen geht und sein ganzes diplomatisches Geschick aufwendet, um die Bullen draußen zu lassen. Der Hausbesitzer hätte bei der Polizei melden müssen, dass er ausländische Gäste hat, erklärt uns M., während er unsere Pässe einsammelt. „War einer von euch mal in Israel?“, fragt er. [Ich finde es seltsam, dass er nicht „besetztes Palästina“ sagt wie alle anderen. In iranischen Pässen steht geschrieben, dass es dem Besitzer des Dokumentes verboten ist, ins besetzte Palästina einzureisen. In Deutschland können F. und ich nicht einmal Granatäpfel einkaufen, ohne darüber zu diskutieren, ob die nun wie ausgeschildert aus Israel seien oder aus Palästina. Meiner Meinung nach war die UN-Resolution von 1947 die beste Lösung, an die man sich hätte halten sollen; seiner Meinung nach die einzige.]

Bis auf D. und mich geben alle ihre Pässe ab. D.s Pass liegt in B.s Auto und ich habe einfach keinen Bock. Die Männer sind schließlich in Zivil und ich habe deren Ausweise auch nicht gesehen. Da kann ja jeder kommen. M. richtet aus, dass sich alle vernünftig anziehen sollen. Gestern sind wohl ein paar Leute im Schlüpper durch den Garten gerannt. Der sei zwar Privatgelände, aber die Nachbarn können alles sehen. Wie sehr man sich denn an die Kultur des Gastlandes anpassen müsse, lautet die Frage, die uns immer wieder beschäftigt. Gerade wir Frauen haben es schwer, die Balance zu halten zwischen Höflichkeit und Menschenrecht, zwischen Zurückhaltung und „Dann guck halt weg, du Arsch.“ Die Sicherheitspolizei macht sich vom Acker, ohne die Wohnung durchsucht zu haben. Das verdanken wir auf jeden Fall M. und der Tatsache, dass F. und B. nicht auch noch dazustoßen, sondern später aus der Werkstatt kommen.

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Euer Ernst? Die Immigrationspolizei fotomontiert mir einen Chador übers Passfoto.

Auf dem Rückweg stoppen wir bei einer Polizeistation, weil D. und ich unsere Pässe nachreichen müssen, um mehr Ärger zu vermeiden. Ein Beamter schreibt meinen Namen falsch aus dem Pass ab, der andere fordert mich auf innerhalb des Gebäudes Chador zu tragen, was ich ablehne. F. regt sich übertrieben auf wie „die Touristen, die Geld ins Land bringen und Jobs finanzieren hier behandelt werden“. Er wirft den Chador zurück und sagt mir, ich solle draußen warten, während H. meinen Pass vorzeigen geht. „So ein bisschen freier Hals und Nacken macht die schon rattig hier, ist ja widerlich“, schimpft F., als wir die Polizeistation verlassen. Es wundert mich überhaupt nicht, dass er wegen seines Protests gegen Kleidungsvorschriften damals von der Uni geworfen wurde.

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U., A., N. und ich tragen unsere Kopftücher inzwischen wie der Religionsführer (Chameini, Chomeini, Ernie oder Bert) oder wie kurdische Frauen es traditionell tragen, nämlich als Kranz um den Kopf gebunden. Denn F. hat uns beim Frühstück erzählt, dass Kurdinnen hier gefürchtet werden, da sie oftmals bewaffnet sind. Das war uns recht sympathisch.

Auf der Rückfahrt läuft im Auto Justin fucking Bieber. Als Protest gegen die Religionsführung ist wohl jedes Mittel recht, auch der schlimmste Pop-Müll. Es gibt Imams, die ernsthaft behaupten, dass man von westlicher Musik HIV bekommt. Frauen, die ihre Kopftücher nicht vorschriftsmäßig tragen, werden übrigens jede Nacht vom Teufel vergewaltigt und nach ihrem Tod in der Hölle an den Haaren aufgehängt. Das sagt natürlich mehr über die perversen Phantasien mancher Imams aus, als über das Verhalten der Frauen.

Den Abend verbringen M., F. und ich in einer illegalen Reliun-Bar (=Schischa-Bar) in den Bergen; reden über Gott und die Welt. F. ist Atheist, ich Agnostikerin – „Also Opportunistin“, findet F. – und M. glaubt an Gott, wenn auch nicht an den Islam. „Schau dich doch mal um“, sagt er. Granatäpfel wachsen an den Bäumen am Felshang; die Sonne geht hinter den Bergen unter; der im Sommer fast ausgetrocknete Fluss schleicht sich durch die Schluchten. „Das hat doch irgendwer kreiert, vielleicht keine Person, aber eine Kraft, eine Intelligenz.“

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„Das intelligente und mutige Volk Irans spielt die Hauptrolle in der globalen Zivilisation.“ Na ja, wenn Fresh Dumbledore das sagt, wird es wohl stimmen.
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Die Islamische Republik erinnert einen freundlicherweise alle 200 Meter Autofahrt daran, in welchem Land man sich gerade befindet.

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*Ich empfehle TouristInnen, den schwarzen Tee unbedingt mit Wasser verdünnt zu trinken, denn sonst ist man die ganze Nacht hellwach, hat Schwindelanfälle, Brechreiz und die Zunge verbrennt man sich sowieso, da persischer Tee kochend heiß getrunken wird. Außerdem verursacht zu viel schwarzer Tee einen Eisenmangel, der zu Anämie (Blutarmut) führen kann. Ich habe das auf die harte Tour erfahren, also hört lieber auf mich.

** Mohammad, der Name des Propheten, ist der häufigste Jungen-Vorname in islamischen Ländern, vergleichbar mit Michael und Christian in Deutschland. Da der Name im Islam als heilig angesehen wird, darf man ihn nicht ändern lassen. Viele Mohammads, Muhammads und Mohammeds sind aber Atheisten und mögen ihren Namen nicht. Spitznamen wie Momo oder Hamed sind daher weit verbreitet. In Deutschland können ImmigrantInnen und Geflüchtete schon lange ihre Vor- und Nachnamen „eindeutschen“ lassen. Einerseits fördert dies die Integration, andererseits werden durch das Eindeutschen rassistische Strukturen einfach nur übertüncht, statt an der Wurzel behandelt.

Iran Reisejournal – Teil 2: Kaspisches Meer

Auf ans Meer! (© Dr. Dread)

Rasht, „Stadt des Regens“, August 2017

Alien mit Hoodie statt Hijab.

Den Großteil der ersten zwei Wochen im Iran verbringen Familie, Freunde und ich im Norden. Statt Kopftuch und Mantel trage ich die meiste Zeit meinen David Bowie-Kapuzenpulli. Doof angeguckt werde ich als offensichtliche Ausländerin sowieso.

Wir verbringen ein verlängertes Wochenende in einem Ferienhaus direkt am Meer. Wochenende ist hier Donnerstag und Freitag, was mich immer noch verwirrt. Die Ferienhäuser werden vor allem für pensionierte Regierungsmitarbeiter reserviert. Überall in der Stadt und auf dem Gelände hier sieht man Schilder wie: „Schwester, das Kopftuch ist keine Einschränkung, sondern Schutz.“ Das ergibt natürlich überhaupt keinen Sinn, da Schutz eine Form von Einschränkung ist. Nur zu gerne tauscht man doch einen Teil der eigenen Freiheit für Sicherheit ein [→gesellschaftlicher Vertrag, siehe dazu → Hobbes; → Locke; → Rousseau]. Am beknacktesten sind aber die vielen Plakate und Banner, die Frauen als wehrlose Beute darstellen, zum Beispiel als Süßigkeiten oder reine Diamanten… während die Männer mit Fliegen oder sonstigen Viechern verglichen werden, anscheinend keine Selbstkontrolle kennen und allesamt den Lörres nicht in der Hose behalten können.

Ghostbusters! Nananana… nope, just another poster promoting hijab and chador.

Das Meer wurde durch Holzpfähle und LKW-Planen in Badebereiche für Männer und Frauen aufgeteilt. (Allahs Wille, angeblich. Hätte er ja selber machen können, wenn es so wichtig wäre, oder?!) Bevor M. und ich zum Frauenstrand können, werden wir von einem sehr desinteressierten Mädchen am Eingang kontrolliert. Es ist von Vorteil, keine Kamera und keinen Penis dabeizuhaben. Männer scheinen für den Islam irgendwie fies und dreckig zu sein, wie Hunde oder Schweine. Hinter der Absperrung dann das Lesbenparadies: Nackte Frauen ölen sich ein und planschen im niedrigen Wasser herum. Aber im Iran gibt es ja gaaar keine Homosexuellen, findet zumindest Ex-Präsident und Witzfigur Ahmadinedschad.

Im mickrigen Badebereich patrouillieren Bademeisterinnen wie im Schwimmbad. Sie achten darauf, dass keine über die Absperrung hinausschwimmt. Eine von ihnen belehrt mich lange auf Farsi. Ich warte geduldig, bis sie fertig ist und antworte dann mit: „Do you speak English?“

Sobald M. erklärt, dass ich Ausländerin zu Besuch im Iran bin, bildet sich eine Frauentraube um ums. Das Wasser ist so klar, dass ich Fischschwärme entdecken kann. Exotische Vögel bewegen sich beim Fischfang wie Robben hinter der Absperrung. M. wirft einen Blick hinter den Vorhang, doch die Männer sind so weit entfernt, dass sie auch Enten sein könnten. Als Ausländerin genieße ich hier Sonderrechte, werde sogar hinter die Absperrung gelassen. Die Sonderbehandlung nervt ziemlich, auch wenn sie gut gemeint ist.

Während M. mit ein paar anderen Schwimmerinnen über die Hijab-Regeln schimpft, lerne ich N. und P. kennen, zwei Teenager-Mädels aus Teheran, die sehr gut Englisch sprechen. Als Europäerin mit blauen Augen und Tattoos werde ich hier beobachtet wie ein exotisches Tier im Zoo. N. und P. wollen die Welt bereisen, wenn sie erwachsen sind. Glücklicherweise scheint die Mutter der beiden relativ liberal drauf zu sein und wird die Mädels wahrscheinlich nicht an irgendwelche alten Säcke zwangsverheiraten. Ich hoffe, dass ich N. und P. mal auf Reisen wiedersehe, zum Beispiel in Kanada, wo sie Familie haben.

IranerInnen sind so unglaublich freundlich und interessiert an Fremden. Genau das Gegenteil der Machthaber im Lande. Die Visa-Bürokratie und Faxen der Sicherheitspolizei machen AusländerInnen das Reisen absichtlich schwer; da wundert es null, dass so ein vielfältiges und spannendes Land kaum TouristInnen hat. Außerdem nervt es hart, dass frau nirgendwo alleine hingehen kann. Entweder muss eine Aufpasserin dabei sein oder der Macker. Alleinsein zu wollen wirkt auf andere kauzig und suspekt. Wie in Brave New World oder 1984.

Instant happiness: Überbiss-Bro Puppy.

An einem Abend besuchen wir M.s Nichte. Ihr Vater ist im Iran-Irak-Krieg gestorben; seitdem ist sie für M. eher wie eine Tochter. Die Nichte wohnt mit ihrem Ehemann und einem einen fluffigen, niedlich-hässlichen Terrier zusammen, obwohl Hundehaltung verboten ist. Man sieht viele Hunde am Straßenrand verenden oder völlig verwahrlost in Mülltonnen nach Essen suchen, weil sich nur wenige Menschen trauen, ihnen nahezukommen und sich um sie zu kümmern. Während F. und ich mit dem überbiss-gesichtigen, energiegeladenen Vierbeiner spielen und Tee trinken, läuft die Glotze nebenbei. Über Satellit (auch verboten, aber alle scheißen drauf) kann man hier ausländische Nachrichten, Serien und schrecklich kitschige Musikvideos schauen. Auf einem Kanal redet ein Dicker im lila Seidenhemd davon, dass er für 10 000 € quasi jedes Visum besorgen könne. „Human trafficking“, kommentiert F. trocken. Ich hatte mir Schlepper eher wie kernige, vernarbte Piraten vorgestellt und nicht wie diesen Trauerkloß, der aussieht als könne er vor Selbstverachtung schon lange nicht mehr in den Spiegel schauen. Es ist wie Teleshopping mit anschließender Kaffeefahrt ins Nirgendwo.

Traue niemals einem Typen im Satinhemd.

 

Uuuund in der nächsten Folge: Der „Elbenwald“ von Teheran; Reise nach Massal („the heaven of Iran“); wo man was zu Saufen herbekommt; warum es ratsam ist, wie Kurdinnen rumzulaufen; erstes Treffen mit der Sicherheitspolizei (yeeah); Teufelsmusik und noch viel mehr…

 

 

Iran Reisejournal- Teil 1: Teheran

Vom Bordstein zur Skyline… nee Spaß, ersaufe immer noch in Bafög-Schulden :D

 

Bei jedem Umzug werden es mehr Kisten voller Notizbücher und jedes Mal frage ich mich, warum ich mir das eigentlich antue. Genau dann, wenn ich es mit den Journalen endgültig sein lassen will, kommt aber ein neuer Schreibauftrag. Dieses Jahr reise ich zum ersten Mal in die Islamische Republik Iran und wurde im Vorfeld von einigen Leuten gebeten, meine Erlebnisse aufzuschreiben. Einen Zeitungsartikel hatte ich auch schon fertig, habe aus Gründen des Quellenschutzes allerdings eine Veröffentlichung blockiert, da die “Art Direction” Porträtfotos von einem anonymen Interviewpartner forderte. Wenn Menschen den Mut haben, mit AutorInnen / JournalistInnen offen und ehrlich über Missstände zu sprechen, die ein Regime totschweigt, soll man sie dann etwa aus Geldgier ins Messer laufen lassen? Ich werde mich also auf Fotos beschränken, mit denen die Porträtierten einverstanden sind und kürze Namen ab.

Seit genau einer Woche bin ich jetzt im Iran. F. und ich flogen via Moskau nach Teheran, seine Heimatstadt.

Meme-Level über 9000: Souvenirs aus Moskau.

 

1./2. TAG

Ansagen auf Russisch, Chinesisch, Englisch. Die vor uns im Flugzeug sind Moslems und sprechen Deutsch, F. wechselt aus Paranoia vor Regierungsspitzeln zu Italienisch und ich lerne Persisch mit einem Podcast. Manche Frauen tragen Hejab, das muslimische Kopftuch, und Manto, einen langen, dünnen Cardigan, der den Körper verdeckt. Andere, vor allem die jüngeren Frauen, kramen erst dann genervt nach einem Schal, als das Flugzeug in Teheran landet. Ab jetzt gilt nämlich Kopftuchpflicht. M. und B. holen uns vom Flughafen ab und haben einen riesigen Strauß seidenschimmernder Blumen mitgebracht. Ich habe den Rotwein problemlos durch die Kontrollen gekriegt. Trotz Jetlag und allgemeiner Müdigkeit – Ortszeit: 4 Uhr früh – reden wir bis zum Sonnenaufgang und tauschen Geschenke aus. Geschenke sind in der iranischen Gast(geber)kultur sehr wichtig. IranerInnen bieten einem aus extremer Höflichkeit (= Tarof) auch noch ihr letztes Hemd an, wenn sie sonst nichts haben.

Mittags erwache ich von dem Gesang des Muezzins, der über Lautsprecher draußen zum Gebet ruft. Ich bin auf einem der handgeknüpften Perserteppiche eingepennt. Als ich den Vorhang beiseiteschiebe, bietet sich mir ein Anblick wie aus Star Wars: Glitzernde Wolkenkratzer, sandige Hügel und Berge, in der Ferne erkennt man den Dschungel und einen Park mit Wasserfall. M. und B. haben sich früher ein Zimmer mit der ganzen Familie geteilt; für die prunkvolle Wohnung im Tower haben sie hart gearbeitet. Stolz zeigen sie mir die selbst installierten LEDs und Kronleuchter.

Natürlich liegen in jedem Zimmer Perserteppiche und die vielen Spiegel an den Wänden stehen in der iranischen Kultur nicht für Eitelkeit, sondern Licht. Teheran ist die Stadt der Lichter… und der Lichtverschmutzung. Die Stadt strahlt einem schon entgegen, wenn man noch durchs Flugzeugfenster schaut; sie wirkt endlos und auch angeberisch mit ihrer jederzeit festlichen Beleuchtung. Energie wird verschwendet, als würden die Ölquellen des Landes nie versiegen. Auffällig sind auch die zahlreichen neuen und unfertigen Gebäude. Teheran wächst und wächst, ist mit seinen Regionen schon längst größer als Berlin.

Konservatives Einkaufszentrum in der Hauptstadt. (Wie immer: Handyfoto-Quali ohne Bearbeitung, außer zur Anonymisierung.)

Am Abend gehen wir in ein Einkaufzentrum, das (wie so viele andere Gebäude) der Militärpolizei Sepah gehört. Hier sind die meisten Frauen in Chadors gehüllt: blickdichte, meistens schwarze lange Mäntel mitsamt Kopftuch. Heute ist Mittwoch, White Wednesday also, der von Masih Alinejad ins Leben gerufene Protesttag gegen Kopftuchzwang. Verschwörerisch lächeln mir diejenigen Frauen zu, die ein weißes Kopftuch tragen wie ich. M. kauft mir Leggins und Mäntel, weil mein Kimono als zu kurz gilt und alle schon neugierig bis empört (Neudeutsch: getriggert) gucken. Wenigstens lässt sich der Stil gut mit meinem Gruftielook vereinbaren. Im Laden lästert die Verkäuferin über Chador-Trägerinnen, die kein Deo oder Parfüm benutzen und im, 30°C bis 50 °C (!) heißen August natürlich übel nach Schweiß müffeln. „Ich trage ja nur Chador, weil es hier auf der Arbeit die Kleidungsvorschrift der Sepah ist“, sagt sie. Als sie hört, dass ich Ausländerin bin, ist sie ganz entzückt. Religionsführung und Regierung machen es TouristInnen schwer, das Land zu bereisen, wollen den Kulturmix verhindern und haben berechtigte Furcht vor der Demoralisierung durch westlich-liberale Einflüsse. Als Nicht-Iranerin falle ich also auf wie ein bunter Hund.

Traditionsgemäß wünschen mir alle, denen ich begegne, „gesunde Kinder“, weil ich verlobt bin. Das überhöre ich aber schon bald. Gewöhnungsbedürftig finde ich eher die Kniebeugen-Klos (Sport statt sitzen, so läuft das hier) und die Tatsache, dass Fresh Dumbledores Konterfei immer zugegen ist. Er muss sich für einen richtig sexy Typen halten, wenn er überall Bilder von sich anbringen lässt.

Sicher keine Narzissten: Anführer der islamischen Revolutionsgarden Chomenei und sein Nachfolger Chamenei bzw. Big Brother und Fresh Dumbledore.

 

 

Im nächsten Teil: Schlepper, Tiere, Sensationen! Reise in den Norden des Landes ans Kaspische Meer. Ein Fernsehkanal nur für Visums-Teleshopping. Verbotene, aber dafür sehr fluffige Hunde. Mehr Kopftuchstress und wie Iran das Meer in Männerschwimmen / Lesbenparadies einteilt.

You’re an alien, I’m an elf and that is totally okay.

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© Ela Aram | All clothes designed by Ela Aram | unedited

Let me start this essay on the art of having your own style with a bit of drama, ok? Back in school people laught at me. Every. Single. Day. Because of my mohawk, the glossy black plateau boots, the blue and green lipstick, my self-made clothes and the ones I bought… Even at my „elf ear“, which is an especially dumb thing to do, because I didn’t choose it like an outfit, I was born with it. This story could go on over pages and pages full of self-pity and vengeance. But honestly, I never gave a fuck about those boring people. Peer-pressure created by the kids smoking at the school gate never worked for me and I’ll tell you why.

Even the ones who kicked me down to „prove“ that I couldn’t walk in those incredibly comfortable, though very high goth plateau boots I’ve had since I turned 15. And yeah, sure, I got a tattoo at 16 for the „attention“. Like being constantly touched and screamed at by strangers „Is this real or paint?!“ is something enjoyable. (By the way: Touching tattoos doesn’t make any sense, because the ink is approx. 3 millimeters under the skin, you dumb fucks can not feel a tattoo.) I still laugh about the nazis in our village who threatened to beat me up and rape me, because of my purple punk hairstyle. Also, getting called „anorexic“ by fat girls – gets me everytime. The most ridiculous guy in high school was probably the one who made fun of my big nerdy glasses just a year before nerd-glasses became popular and he started wearing them, too. Most people are scared of looking different, so they wait until something they secretly like becomes fashionable (again) and they can pull it off without being „the weird one“.

Nowadays, you might think that looking weird is the new normal. Well, it seems true at the first glimpse. Other pupils actually stopped laughing at my blue lipstick after that pop singer Rihanna wore it a few times. But that’s the thing about looking strange: When a famous person does it, it’s ok. When the girl in your history class does it, she’s either a disgusting alien or an attention whore.

Imagine a world where everyone can be themselves…

Ok, probably a lot of lunatics would be off their meds. What else? Yes, women would not be seen as sexual objects, but human beings. We’re still working on that part, sigh. Also, a lot of men would dress up and wear make-up without fear. There is this clichee that women ask men all the time: „Do I look fat in this?“ In reality, I often hear: „Does this make me look gay?“ The answer is: „No one cares.“ But it’s a lie. People get tortured and murdered for being homosexual (or bi or trans etc.) even in the European Union! How the fuck is this possible in the twentyfuckingfirst century (or 14th, when you are reading this in the Middle East). Therefor, a look labled as not suitable for a straight man might make you vulnarable in front of others. Actually, it has nothing to do with your appearance, but the fact that you were brave enough to pull it off and be the weird one in your town. It provokes the anger of those who have a deep desire for and at the same time great fear of being who they want to be.

Today, it still takes a lot of courage to live, love and look the way you want to. Some men look breathtaking with a bit of eyeliner (I know it best, I married one of them), but they would never go out like this in public, because they are scared of the reaction of others. Don’t give me this „I don’t care what people think“ bullshit. When you really do not care about anyone else’s opinion, you are a fucking narcissist and should seek professional help. Usually, we care about our friends‘ opions, because real friends want good things to happen to us, they love us and their advice is not a threat to us. When your best friends of 10 years tell you that you are smoking too much pot or that you are overworked and underfucked, they are probably right. But when they turn you into a social outcast for not liking HarryfuckinPotter, they are not your friends. This is why it was so easy for me to give zero fucks about popular classmates hating me. I knew that they do not and will never play any role in my private life. For me, they only existed in school, like sad toilet ghosts (no Harry Potter pun intended).

To know that those who do not tolerate you are irrelevant to your private life, will make it easier for you to face them and to keep on being yourself. Unless those people are in a powerful position and in charge of decisions that affect your life. Your teacher, your boss, the orange-faced reality-tv dude in the White House… This is when things get complicated. And when things get complicated, that is when you have to act instead of complain. Another source of good energy for the fights you will have to fight (against racism, sexism, nationalism, capitalism… pick at least one), except for real friends is art. I knew that I wasn’t an outcast, although some people wanted to make me think exactly that. I knew that I wan’t completely alone, even in the time before I was able to make actual friends. Because in that time, when it all seemed like I came from a different planet, there were Mr. Spock and Legolas (who both have elf ears like me), Bela B., David Bowie, Nina Hagen, Tank Girl, The Neverending Story, the show The Tribe. Art connects you to the thoughts of other human beings like psychedelic drugs make you think they do. I can cry like a baby when reading Kafka and I’m really not a crying-person, ask everybody who was at my dad’s funeral.

Art is on your side, that means, the person who created this art – dead or alive – was/is having similar thoughts and dreams as you or at least had/has a similar taste and style. This person was/is expressing this through music, literature, movies, clothes, whatever and so it found its way to you. Art is a beautiful form of communication through time and space. Now tell me, how dangerous would it be for you to go out there the way you want to be? With(out) headscarf, with(out) make-up, with(out) hair? Of course you don’t have to go so far that it puts your life in danger. A small change can already be the first step leading to are more open-minded society. Do you think you are an alien in a conservative neighbourhood, a boring city, a country ruled by a monkey? Then let me tell you: Being an alien is perfectly fine.

MK

PS: I wrote this essay in English, because I know a lot of awesome people, who do not speak German (yet), also I’m getting more comfortable with English and can write fluently. No idea why WordPress keeps the German setting for quotation marks + too lazy to fix it. If you see any other mistakes, tell me, so I will learn.

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