Hitch-Hiking… oder wie wir einmal mitten im Winter durch England trampten, um Julian Assange von Wikileaks zu sehen.

A HITCH-HIKER’S GUIDE THROUGH

THE GALAXY WESTEUROPA“

Was man machen kann. Was man lieber lassen sollte, aber trotzdem macht. Was man echt nicht machen sollte. Wo man pennt. Was man isst. Wie man sich notfalls den Arsch rettet. Deutschland, Belgien, Holland, Frankreich, England. Fünf Tage, vier Nächte. Und das alles so gut wie für lau.

30.12.2010, 8.00 Uhr

Gypsy und ich hatten Glück. Schon nach wenigen Minuten hielt ein Auto an und wir wurden bis Liége (Lüttich) mitgenommen und trampten von dort bis nach Brüssel.

Der Mann, der uns mitnahm, war ein 35-jähriger Hardcorechrist, der ursprünglich aus Serbien kam – und beschwerte sich während der Fahrt sehr sehr langwierig über den Islam. Das wären ja eh nur Terroristen. Sollten die sich doch zerbomben; Gott hätte uns doch sowieso viel lieber.

In der belgischen Hauptstadt schlugen wir uns bis zum Bahnhof durch und fuhren mit drei Zügen und einem Reisebus schwarz nach Calais, Frankreich. Nur ein einziges Mal begegnete uns ein Kontrolleur, und zwar nur, um freundlicherweise meinen Schal aufzuheben. Davon könnte sich die Deutsche Bahn echt mal ’ne Scheibe abschneiden. Es wurde dunkel als wir in Calais ankamen, wir waren seit etwa 11 Stunden unterwegs. Ich hatte am Vortag den guten alten Zaubertrick Schlafen auf Raten angewandt, der mich (noch) davor bewahrte, einfach irgendwo auf dem Boden zu pennen. Es war zwar verhältnismäßig warm am Meer und es lag weit und breit kein Schnee, aber nein, wir mussten es erst einmal bis zur Fähre schaffen und dann nach London. „Schnell raus aus Frankreich. Diese Sprache klingt, als müsste man sich pausenlos übergeben.“ „Ich finde, die Laute gehen schön fließend ineinander über“, protestierte Gypsy, deren Französisch ziemlich nach Alkoholvergiftung klang. „Sag ich doch. Wie Kotze.“

30.12.2010, 20.00 Uhr

Vor dem Kartenverkauf für die Fähre kampierten Gypsy und ich etwa eine Dreiviertelstunde, bis wir eine nette Frau aus Deutschland und ihren keinen Sohn Henry trafen. Für 20 Euro pro Person nahm sie uns mit in ihr Auto und fuhr auf das Schiff. Normalerweise hätte uns ein Ticket je 50 Euro gekostet. Außerdem wurde wegen Silvester sowieso alles teurer.

Ob zwei oder vier Personen im Auto sitzen, macht preislich nur einen geringen Unterschied. Autofahrer sind auf der Fähre jedenfalls besser dran als Fußgänger. Schön ist außerdem das entspannte Einchecken. In meinem Rucksack, auf den ich in einer langweiligen Unterrichtsstunde „Free Assange“ gekritzelt hatte, befanden sich unter anderem Streichhölzer, Wodka, eine Spraydose, diverse Feuerwerkskörper und ein Messer. Viel Spaß damit am Flughafen.

Die Fähre fuhr kurz nach 23.00 Uhr richtung Dover ab und an Bord trafen Gypsy und ich einen Typen aus San Francisco, der irgendwie Franzose und Deutscher und irgendwie Christ und Moslem war. Nachdem er ein bisschen über sich und die Serie „Family Guy“ erzählt hatte und wir alle deutschen und amerikanischen Stereotypen durch waren*, entbrannte eine lange, zähe Diskussion darüber, ob der WikiLeaks-Informant Bradley Manning befreit oder als Staatsfeind gehängt werden sollte. Meine Meinung stand jedenfalls in meinen Haaren: Auf der einen Seite „FREE“ und auf der anderen „BRAD“.

*Ein Beispiel:

„Ich will mal zum Oktoberfest gehen. Wegen der Bier trinkenden, Latzhosen tragenden Nazis!“

„Nazis?! Und ihr seid alle fette, dumme Öl- und TV- abhängige Kriegsfetischisten!“

„WTF! Euer Außenminister ist schwul und eure Kanzlerin irgendwie… ’ne Frau?!“

„Tzz, der 11. September ist eine Erfindung der amerikanischen Regierung!“

„Sauerkraut-Hitler!!!“

„Pepsi-Palin!!!“

Gypsy und ich latschten dem Typen hinterher, als wir in Dover auscheckten und fuhren mit dem Zug nach London. Es war 1 Uhr morgens englischer Zeit, als Gypsy und ich todmüde und ohne Aussicht auf einen Schlafplatz im leeren Bahnhof standen. Meine Freundin, die am 30.12. ihren Geburtstag und gleich danach Silvester in London feiern wollte, war höchstwahrscheinlich sternhagelvoll und dachte gar nicht daran, an ihr Handy zu gehen. Eigentlich hatten wir vereinbart, sie und ihre BF in London Downtown zu treffen und bei ihnen im Hotel zu schlafen.

Verzweifelt wandte sich Gypsy an den erstbesten Menschen, der uns in diesem ausgestorbenen Bahnhof begegnete und sich – halleluja – als Couch Surfer entpuppte. Um sicher zu gehen, ließen Gypsy und ich uns seinen Ausweis zeigen. Der junge Mann hieß Paul, hatte gerade sein BWL-Studium abgeschlossen und verfügte über alles, was man sich in diesem Alter wünscht: 1. Ein großes Haus, das die Eltern finanzieren. 2. Reiche Eltern, die sich nicht im besagten Haus aufhalten.

Eigentlich hatte Gypsy nur fragen wollen, wo es ein 24-Stunden-MCDonald’s gab, in dem wir schlafen konnten – der Klassiker. Doch die Optionen Bett, Essen und Dusche erhellten unsere Gemüter gleichermaßen. Noch war mir der Typ allerdings etwas suspekt, doch Gypsy mochte ihn sofort. Also ließ ich sie reden und vertrieb mir die Fahrzeit zu Pauls Bude mit dem Tippen von Tweets und Sms. Nach kurzer Zeit stiegen wir aus dem Zug und latschten zu Pauls Auto. Eigentlich war es ein Wäschekorb mit vier Rädern… und zwar die Art von Wäsche, die man eigentlich schon hätte verbrennen müssen. Dann fuhr Paul in den Wald. Keine Menschenseele mehr, keine Häuser, kein Licht, einfach gar nichts. Nicht mehr lustig.

31.12.2010, 02.00 Uhr

Hinter dem Wald lag ein kleines Dorf, allgemein als der Teil des Londoner Stadtrandes bekannt, in dem es keine mit indischen Einwanderern vollgestopften Slums gab. Paul stellte uns den Familienhund Basti vor, bot uns etwas zu trinken an und zeigte uns die Zimmer. Gypsy schlief natürlich im Hippie-Zimmer von Pauls Bruder. Ich, immer noch angepisst und ohne den Blick von meinem Handy abzuwenden, bekam Pauls Zimmer zugeteilt, denn der schlief lieber in einem, das tatsächlich sauber war.

Eine Art Mount Everest aus dreckigen Socken füllte den Großteil des Raumes; neben dem siffigen Bett lagen Bücher mit Titeln wie “The Mathematics of Poker“ und an den Wänden hingen Poster von Pornodarstellerinnen. 100% Junggesellen-Klischee also. Aber einem geschenkten Gaul soll man ja nicht ins Maul schauen. Auf die Titten aber doch?

Die neun Weiber, mit denen ich mir diese Nacht ein Zimmer teilen musste, glotzen mich unendlich behämmert an. Sie hatten fette Schlauchbootlippen und trugen Stofffetzen, die irgendwie unbequem aussahen, aber Bequemlichkeit war nicht deren Sinn – so viel hatte ich mittlerweile auch kapiert.

Während ich meinen Kram auspackte, überlegte ich, welche von denen ich geil fand. Lesbenqualifikationen: Null. Aber auch von Kerlen hatte ich erst mal die Schnauze voll, als ich durch eine Bartstoppelwiese im Badezimmer tapste, um mir die Zähne zu putzen.

Reisezahnbürsten sind ein Symbol für Freiheit. Wer eine Reisezahnbürste dabei hat, scheißt drauf, wen er trifft und wo er pennt. Gypsy hingegen war vor ein paar Monaten mit dem Fahrrad verunglückt und hatte sich so sehr auf den Bürgersteig gemault, dass sie vom Zähneputzen gänzlich befreit zu sein schien. Nicht, dass sie zahnlos herumlief wie ein Greis! Ihre Zähne sahen perfekt aus. Alles künstlich eben. Apropos künstlich… Gedankenverloren ging ich zurück ins Zimmer. Die Weiber sahen immer noch scheiße aus; da war leider nichts zu machen.

31.12.2010, 10.00 Uhr

Draußen war es hell und es lag kein Millimeter Schnee. Gypsy und Paul fuhren Einkaufen, ich blieb da um zu schreiben und lernte Pauls kleine Schwester Louise kennen.

Die Mädels, mit denen wir Silvester verbringen wollten, waren – laut Sms – nun in Camden.

Na gut, bitches. Erst mal frühstücken.

Wir futterten ein bisschen von dem Popcorn, das Paul hin und wieder in London verkaufte. Die Familie hatte ein ganzes Lager voll von selbstgemachtem Popcorn mit Nuss-, Karamell- oder Schokoladengeschmack.

Schließlich bedankten und verabschiedeten wir uns von Paul und betraten das Shoppingcenter Brent Cross, zu dem er uns gefahren hatte. Dort tauschten wir noch ein paar Euroscheine in Pfund um und setzten uns in ein Starbucks. Heute konnte diese Kette meiner Meinung nach so viele Kinder zu Hungerlöhnen Kaffeebohnen pflücken lassen wie sie wollten. Frühstück oder Amoklauf im Brent Cross, basta.

Etwas später fragten Gypsy und ich uns bis zur Tube Station durch und fuhren nach King’s Cross, wo wir uns an die verdreckte Themse setzten und danach in ein Burger King.

Ich versuchte jetzt schon seit 24 Stunden, die Mädels zu erreichen, die uns im Hotel schlafen lassen sollten. Als ich sie eeendlich am Telefon hatte, erfuhr ich, dass die Beiden bereits ausgecheckt hatten, weil es billiger war, einfach bis Neujahr durchzumachen und dann zurückzufahren.

Ich erlitt einen mittelschweren Nervenzusammenbruch, aber – wie Hippies nun mal so sind – blieb Gypsy optimistisch. Okay, wir hatten also keinen Schlafplatz und kannten keine Sau im ganzen Land. Aber, verdammt, wir waren bis nach London gekommen! Für 20 Euro! Wir hatten noch genug Geld, um es an New Years Eve so richtig krachen zu lassen und wenn wir niemanden aufreißen konnten, würden wir eben in der U-Bahn schlafen und mit der Tube immer hin und zurück fahren. Die Fahrten am Silvesterabend waren sowieso kostenlos.

Wir streiften durch mehrere Restaurants, rauchten meine Lieblingskippen und schauten hinaus auf den Fluss und die Lichter. Das London Eye wurde abgesperrt, denn dort sollten die berühmt-berüchtigten Feuerwerke gezündet werden. Obwohl der Schnee glücklicherweise schon vor unserer Abreise geschmolzen war, fror man sich draußen zu Tode. Gypsy und ich drückten unsere Kippen aus machten uns auf die Suche nach einem wärmeren Ort. Sogar das MCDonald’s an der Westminster Bridge war brechend voll und vergab Stehplätze nur an zahlende Kunden. Zu unserer Erleichterung bekamen wir nach einer Viertelstunde Wartezeit noch einen Tisch in einem (echt guten) chinesischen Restaurant an der Brücke und blieben, bis es schloss.

BBC war da, um zu filmen und ein DJ legte auf. Die Stimmung auf der Brücke war geil, die Leute flippten aus. Langsam aber sicher bildete sich ein Circle Pit, in dem Inder tanzten und ein paar coole Breakdance-Moves hinlegten. Einer der Inder versuchte immer wieder, Gypsy oder mich in den Kreis zu ziehen und ich versicherte ihm: “Later, later!“ Ein anderer hing so sehr an Gypsy, das er wirklich anfing uns auf den Keks zu gehen. Dann kam auch noch ein Typ, der unbedingt mit mir tanzen und mich küssen wollte. Och nö. Ich steckte mir eine Kippe nach der anderen an, er wollte immer wieder meine Hand nehmen – ich war kurz davor, ihm ein Brandmal zu verpassen. Genervt drehten Gypsy und ich uns weg, suchten eine andere Stelle zum Tanzen, spielten ein Lesbenpärchen… Aber nichts half. Wir waren ratlos.

Merken: Die “Don’t touch my girlfriend!“-Nummer klappt eigentlich immer. Egal, ob Heroinjunkie mit rosa Haaren oder besoffener finnischer Eishockeyfan (Ja, Kakadu, genau der). Wenn nicht, braucht frau einen starken Begleiter oder zumindest jemanden, der richtig böse gucken kann. Oder rumbrüllen.

Zum Glück nahm meine Hippie-Freundin mal wieder kein Blatt vor den Mund. Als die Typen immer aufdringlicher wurden und wir uns schon fast wie die einzigen weiblichen Personen in ganz London vorkamen, brüllte Gypsy unfassbar laut: “Don’t touch my ass!!!“ Was gäbe ich für diese BBC-Aufnahme…

„Fuck off!“, sagte ich endlich zu dem nervtötenden Kerl – und kurz bevor der Countdown begann, tanzten Gypsy und ich tatsächlich in dem Circle Pit. Tausende Menschen riefen die Sekundenzahlen, dann kam das gigantische Feuerwerk zwischen London Eye und Big Ben.

Man sah nur die wunderschönen Lichter, tausendfach auf Kamera- und Handydisplays und einmal ganz groß und hell über unseren Köpfen.

Der nervige Typ kam wieder und zog erst endgültig ab, als er seinen dümmlichen Plan ausgeführt hatte, um Mitternacht ein Mädchen zu küssen. Kotz. “I said: Fuck off!“

Gypsy und ich fotografierten das Feuerwerk natürlich auch; meine Kamera beschloss wohl, dies sei ein schöner Moment zu sterben und hauchte (natürlich kurz nach Ablauf der Garantie) ihr letztes bisschen Akku und ihr Elektro-Leben aus. Die konnte ich vergessen, aber den Chip mit den Bildern hatte ich immerhin noch.

Als das Feuerwerk vorbei war, wurden die Absperrungen geöffnet und eine riesige Menschenmasse strömte richtung Downtown. Ein netter (nicht aufdringlicher) Inder namens Shyam fragte, ob er meine Streichhölzer haben könnte, da sein Feuerzeug nicht funktionierte. Dafür konnte ich mir auch eine Kippe gammeln. “I wanted to stop this year“, erklärte ich.

“So… When did you start?“

Grinsend steckte ich meine Streichhölzer wieder ein. „Yesterday.“

Shyam besorgte uns einen Schlafplatz bei einem Freund aus Wimbledon. Allerdings war die Tube Station so voll, dass wir – überglücklich, endlich pennen zu können – eine Stunde lang zu dem B@1-Club latschen mussten, um uns dort die Zeit zu vertreiben.

Bis sechs Uhr morgens mussten wir noch durchhalten, Shyam gab einen aus und seine Kumpels tanzten als ginge die Welt morgen unter.

Irgendwann legten wir uns einfach auf die Couch in der Sitzecke. Mehr schlaftrunken als betrunken schmissen Shyam und ich Gläser um. Dem Türsteher gefiel es jedenfalls gar nicht, dass wir den Club als Schlafplatz nutzten.

01.01.2011, 05.00 Uhr

Als der Laden schloss, fuhren Gypsy und ich mit dem Typen, der der uns den Schlafplatz versprochen hatte, zum Wimbledon Stadion. Wenige Kilometer entfernt lag seine kleine Wohnung, es gab nur ein Bett und ein Sofa. Er bot freundlicherweise an, uns im Bett schlafen zu lassen, während er selbst und ein Freund im Wohnzimmer bleiben und fernsehen würden.

Gegen sieben Uhr lagen Gypsy und ich endlich im Bett. Ich hackte wie gewöhnlich noch ein paar Nachrichten und Tweets in mein Handy, dann schliefen wir ein.

Nur zweieinhalb Stunden später kam der Typ ins Zimmer und erklärte, im Wohnzimmer sei es ihm zu kalt. Er legte sich demonstrativ zwischen Gypsy und mich, was uns nicht weiter störte, schließlich war es sein Bett. Aber als der Typ anfing, sich an uns heranzuschmeißen, beschlossen wir, zu gehen. Ich an seiner Stelle würde jedenfalls keine Mädels betatschen, die prinzipiell mit Pfefferspray und Messer unterm Kopfkissen schlafen.

(Merken: Nächstes Mal auch Pass dazutun, so wie Gypsy. Man weiß nie, wann es ums Lieblingsoberteil im Rucksack oder ums Leben geht.)

Wir drehten uns einfach weg. Frustriert zog der Kerl nun wieder ins Wohnzimmer ab; Gypsy und ich packten unseren Kram, putzten uns die Zähne und gingen zur Tür.

“Just because we sleep in your bed that doesn’t mean you can touch us“, sagte Gypsy.

Der Kumpel, der erst jetzt kapierte, worum es ging, sah ziemlich schockiert aus. Wir verließen die Wohnung. Kurze Bilanz: Seit Silvester 21 Stunden wach, 2 ½ Stunden Schlaf, ein ganzer Tag ohne Schlafplatz vor uns – ab nach Norden!

01.01.2011, 09.30 Uhr

Draußen lag, wie während unserer ganzen Englandreise, kein Schnee. Ein Wasserrohr war aufgeplatzt und hatte ein großes Loch in die Straße gerissen. Das Wasser sprudelte wie aus einem Springbrunnen heraus. Wir stellten uns davor und machten Fotos mit Gypsys Kamera. Auch ’ne Art zu duschen.

Ja, das neue Jahr hatte etwas chaotisch begonnen. Aber wir hatten bis jetzt wohl mehr Glück als Verstand gehabt, womit wir unsere kleine Reise auch fortführten.

Am Bahnhof King’s Cross holten wir unser restliches Gepäck ab, das wir für acht Pfund dort eingeschlossen hatten. Kann man an jedem fast Bahnhof machen und ist total praktisch. Auf der anderen Straßenseite gab es ein MCDonald’s, wo wir uns die Haare wuschen und uns umzogen. Shyam antwortete auf Gypsys Sms, in der sie ihm berichtet hatte, was sein toller Freund für ein Idiot war. Shyam entschuldigte sich; er hätte gedacht, ein verheirateter(!) Mann wäre erwachsen genug, so einen Scheiß zu lassen.

Zurück in der Tube Station fuhren wir mit unserer Tageskarte richtung Liverpool Street und landeten schließlich in einer Art großem Kaff namens Ipswich.

Merken: In England werden Fahrkarten nicht von Schaffnern kontrolliert, sondern von Automaten, die sich am Ein- und Ausgang der Stationen befinden. Heulen is nich, Schätzelein. Da Gypsy und ich bisher nur in London für Tickets bezahlt hatten (was leider fast unumgänglich ist), besaßen wir natürlich keines für Ipswich. Erst schminkten wir uns seelenruhig auf der Bahnhoftoilette, und zwar bis der Zug, mit dem wir gekommen waren, wieder abfuhr. Dann gingen wir zu einem Bahnbeamten, der an den automatischen Ausgangskontrollen stand und erzählten ihm, wir hätten unsere Fahrkarten dummerweise im Zug liegen lassen. Er fragte nach dem Preis der Karten und wir hatten natürlich keinen Plan – das lustige Rätselraten begann. Da wir aber immerhin Tickets für London besaßen und somit nicht komplett schwarz gefahren waren, beließ er es bei einer Verwarnung. Gypsy und ich beschlossen, das nächste Mal einfach einen kleinen Umweg zu machen. Die Fenster der Bahntoilette ließen sich zwar nicht öffnen, aber vielleicht konnte man ja über den Wald abhauen und auf die andere Seite gelangen.

Da Neujahr als Bank Holiday gilt, war kein Geschäft geöffnet und es fuhren auch keine Busse. Die Einöde der Grafschaft Suffolk umgab uns wie eine Wüste aus Beton. Also beschlossen Gypsy und ich, Ipswich zu verlassen und nach Bungay zu trampen. Wenn wir erstmal dort waren, mussten wir nur noch die Ellingham Hall finden und nach Mr. Julian Assange fragen, den Gründer von Wikileaks, der zur Zeit extrem geliebt, gehasst und vor allem gehypet wird – und mit Fußfessel, Hausarrest und Medienverbot bei einem Freund in Ellingham wohnt.

In unseren Köpfen war das alles so leicht: Hinfahren, interviewen, wegfahren.

Da wir die Papierrolle verloren hatten, auf denen unsere Hitch-Hike-Stops standen, klaubten wir ein Stück Karton aus einer Mülltonne und Gypsy schrieb mit grünem Filzstift Bungay darauf.

Sie verlor ihren hippie-typischen Optimismus allerdings bald, als wir merkten, dass wir noch kilometerweit vom Highway entfernt waren. Außerdem brachte ich es fertig, so ausgiebig über meine Rückenschmerzen zu jammern, dass sie mir beim Gepäcktragen half, hehe.

Doch gerade, als wir beide die Schnauze voll hatten, hielt ein grauhaariger Rocker mit Ohrring an, der gerade aus Bungay kam und zurückfahren würde, wenn wir ihn an der Tankstelle mit ein bisschen Kohle unterstützen könnten. Wie wir erfuhren, hieß der Rocker Terry, spielte in einer Band und kannte sogar ein Mitglied der Rolling Stones. Staunend hörten wir uns seine Geschichte an. Terry, den ich bis dahin schon so ins Herz geschlossen hatte, dass er in meinen privaten Reisenotizen nur noch The Rockstar hieß, war außerdem Sozialarbeiter und kannte sich ergo mit Pennern wie uns aus. Auf dem Beifahrersitz saß die winzige, fluffige Hunddame Daisy – die er gerettet hatte, nachdem jemand sie einfach aus dem Auto geworfen geworfen hatte – und schaute uns mit großen Kulleraugen an. Alle Engländer haben Hunde. Es ist einfach so. Machmal kaufen sie sie, machmal züchten sie sie, manchmal fallen sie ihnen einfach in die Arme.

Um Terry nicht mit unserer (peinlichen) Wir-klingeln-bei-Assange-und-gucken-was-passiert-Geschichte zu belasten, erfand Gypsy kurzerhand Andrea, eine Freundin ihrer Tante, was mir fast das Herz brach, weil wir ihn (wenn auch aus nachvollziehbarem Grund) belogen und hilfsbereite Menschen sollte man nicht verarschen.Und Rockstars erst recht nicht, kapiert?!

Statt uns an der nächsten Tanke rauszuschmeißen, suchte Terry verbissen nach der Hall Road, in der die ominöse Andrea ohne Nachnamen wohnen sollte.

Wir bedankten uns tausendfach, als er uns zur Ellingham Hall brachte und versicherten ihm glaubhaft, ab hier den Weg zu kennen.

01.01.2011, 19.00 Uhr

Es war zu dunkel, um irgendwas oder -wen auf dem Privatgelände zu erkennen. Wir schlichen ein wenig umher, aber ich kannte nur Fotos von der verschneiten Ellingham Hall bei Tag, weshalb ich mir nicht sicher sein konnte, ob wir wirklich richtig waren. Dann schaltete sich derBewegungsmelder ein. Frei nach dem Motto: Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht! Wir verkrümelten uns lieber, liefen die Hall Road wieder hinunter und klopften an die Tür, an der Terry kurz vorher eine Wegbeschreibung bekommen hatte.

Diese Nacht schliefen wir bei Sarah und Clint, in dem – meiner Meinung nach – schönsten Haus der Welt. Es war keine Villa, im Gegenteil. Aber die Familie kannte sich mit Antiquitäten aus und schmückte ihr Haus mit einem sehr eigenen, wunderbaren Stil. Sie hatten natürlich auch einen Hund, der kaum noch stehen konnte und 15 Jahre alt war. (Ich möchte ihm an dieser Stelle ein langes, gesundes Leben wünschen, weil ich eine Wette gewinne, sollte er jemals der älteste Hund der Welt sein.) Sarah bot uns sofort Abendessen und Tee an; es kam mir vor als würden wir uns schon ewig kennen.

Merken: Für alle, die sagen: „Englisches Essen: Bäh.“ Kniet nieder vor der Globalisierung! Chinesisch in London, French Toast in Ellingham.

Der arme Clint fuhr eine halbe Ewigkeit herum, um „Andrea“ zu finden und rief sogar in der Ellingham Hall an. (Ob Assange dran war?) Aber unsere Story war wasserdicht uns so bekamen wir ein großes Bett mit Heizdecke und frischen Laken zur Verfügung gestellt. Gypsy und ich fielen halbtot in die Kissen und schliefen 12 Stunden durch.

02.01.2011, 08.30 Uhr

Am nächsten Morgen frühstückten und quatschten wir mit Sarah, die zwar gerade erst von ihrer Nachtschicht als Altenpflegerin kam, aber trotzdem gut drauf war. Ich werde wohl nie kapieren, wo Menschen diese Energie herbekommen…

Sarah erwähnte beiläufig, dass „dieser Typ“ hier wohnte.“This Wikipedia guy or something like that.“Sie erzählte, wie zwei Wochen zuvor all die Paparazzi und Journalisten in der Hall Road gestanden hatten. Wie sie den Fernseher einschaltete und in den Nachrichten ihren eigenen Vorgarten sah. Im Fernsehen, sagte Sarah, hätten sie es etwas schöner gemacht uns so bearbeitet als würde es draußen schneien. Und als sie aus den Fenster sah, schneite es wirklich! Und all die Fotografen glotzten in ihr Wohnzimmer! Zum Glück, so Sarah, hätten sie alle ihre Interviews bekommen und seien dann abgehauen.

Gypsy und ich machten uns auf den Weg, um nach „Andrea“ zu suchen. Bei Tageslicht würden wir sie bestimmt finden, außerdem erwarte sie uns ab heute. An ihr Handy ginge sie leider nicht, aber wir würden uns bei Sarah und Clint melden, sobald wir sie fänden. Die beiden schrieben uns ihre Adresse und Telefonnummer auf.

Sarah entschuldigte sich sogar noch dafür, uns nur eine Heizdecke gegeben zu haben und bot uns an, uns zum Bahnhof zu fahren, sollten wir „Andrea“ nicht finden. Ob man diese Leute adoptieren kann?!

Gypsy und ich schlichen uns links am Eingangstor vorbei und liefen auf dem Hof herum. Plötzlich riss Vaughan Smith, der Besitzer des Anwesens, Soldat, Pilot und Journalist, die Tür auf und fragte, was wir hier wollten. Wieder musste unsere unsichtbare Freundin Andrea hinhalten. „This is a private road“, erwiderte Smith sichtlich genervt. Wir entschuldigten uns und gingen zum Tor zurück. Dort schmissen wir unser Gepäck in ein Gebüsch und überlegten, was nun zu tun war.

„Wir sind doch nicht 700 Kilometer weit durch die Prärie getrampt, um vor diesem scheiß Tor stehen zu bleiben!“, stellte ich fest. Gypsy sah das auch so. Ich starrte auf die Taschen und Rucksäcke im Gebüsch, raufte mich noch einmal zusammen und versuchte, nicht daran zu denken, dass Vaughan Smith Scharfschütze war und die 270 Hektar Land, die seit einem viertel Jahrtausend zum Familienbesitz gehörten, eine riesige Jagdzone waren. Als Gypsy und ich abermals den Hof betraten, fiel – wie so oft – ein Schuss und irgendwo im Wald klatschte eine Ente zu Boden.

Smith riss erneut die Tür auf. “We found our friend“, sagte ich beschwichtigend und Smith entspannte sich, als er sah, dass unsere Taschen weg waren. Allerdings glaubte er uns nicht ganz, dass hier in der Nähe noch irgendwer wohnte. Als er eine Straße und Hausnummer sehen wollte, stubste ich Gypsy an, die ihm den Zettel zeigte, auf den Sarah und Clint ihre Adresse geschrieben hatten. Endlich glaubte er uns. “Our friend told us“, fuhr ich fort, „that Julian Assange lives here. Is that true?“ Smith bejahte. “Okay. Well…You may now think that we are crazy …“ – Smith bejahte -„We thought that… maybe we could get an interview with him?“ Smith erklärte, Julian habe eine Menge zu tun, außerdem sei heute Sonntag und wir hätten uns anmelden müssen. Aber wenn wir wollten, könnten wir ihm unsere Handynummern aufschreiben und in den Briefkasten werfen.

Wir gingen zurück zu unseren Taschen und obgleich ich wusste, dass der Handynummern-Kram bloß eine Taktik war, uns abzuwimmeln, kritzelte ich begeistert einen Brief an Julian Assange in meinen Notizblock. Einen Teil, der nur unsere Namen und Gypsys Handynummer beinhaltete, wollte ich in den Briefkasten werfen und den anderen, in dem ich den Hintergrund unserer Schnapsidee erklärte, legte ich in die Einfahrt.

Gypsy kletterte über das kleine Metalltor auf die große Parkwiese und schmiss Steine auf den eingefrorenen See, während ich allein und etwas zittrig zur Hall zurück musste. Ich warf also den Zettel in den Briefkasten und wagte vorsichtig einen Blick durchs Fenster. Am Küchentisch saß ein fröhlicher Julian Assange und frühstückte. Als er mich ansah, verließ ich schnellen Schrittes den Hof. „Das glaubt mir eh keiner“, sagte ich etwas enttäuscht zu Gypsy und schmiss ebenfalls einen Kieselstein. Auf der anderen Seite des Geländes verreckten wieder ein paar Vögel.

Wir warteten noch etwa zwei Stunden, hörten im Geiste etwas zehn Mal Gypsys Handy klingeln, hängten eine Christbaumkugel, die ich in Wimbledon gefunden hatte, an einen kleinen Baum, den wir in den eingefrorenen See vor uns rammten und hielten uns mit einer von Gypsys Rettungsdecken warm. Für ein paar Minuten kam sogar mal die Sonne raus und wir absorbierten die ersten Sonnenstrahlen des Jahres 2011.

Gypsy rief Sarah an und erklärte, wir seien hier ganz falsch und unsere Mütter wollten, dass wir die nächste Fähre nach Hause nahmen. Zum Glück kannte ich noch die Ellingham Hall in Nordirland, falls Sarah und Clint unsere Behauptungen jemals überprüfen sollten.

Zurück bei der lieben Familie futterten wir Cheese Crackers und Kekse (bzw. Sarah und ich, Gypsy ist natürlich Veganerin, obgleich sie behauptet, kein Öko zu sein). Gegen Abend fuhr Sarah uns nach Beccles, das etwa zehn Minuten nördlich von Ellingham lag.

02.01.2011, 16.00 Uhr

Wir versicherten ihr, sie könne jederzeit zu uns nach Deutschland kommen und verabschiedeten uns wie alte Freunde. “I hate goodbyes“, sagte sie uns wir stiegen in den Zug.

Dort gab es ausnahmsweise einen Kontrolleur, der allerdings sehr nett war und unser spärliches Pfund-Euro-Gemisch annahm, um uns Karten bis Harwich International zu verkaufen; in diesem Hafen fuhr unsere Fähre kurz nach 23 Uhr ab.

Umsteigen mussten wir in Manningtree, ein kleiner Ort, dessen Name mir gefiel, weil Bradley Manning der WikiLeaks-Informant war, über den ich mit einem jungen Mann auf der Hinreise lange diskutiert hatte. Gypsy machte ein Foto von meinem “FREE BRAD“-Haarschnitt und dem Ortsschild am Bahnsteig.

Gegen 19 Uhr kamen wir in Harwich an und die unermüdliche Gypsy fand schon nach wenigen Minuten jemanden, der uns mit aufs Schiff fahren würde.

Diana, eine nette Universitätsprofessorin mit großem Herz für Hunde, Hitch-Hikers und Wut auf prügelnde Polizisten nahm uns mit. Es war etwa 21 Uhr, als wir unser Deck erreichten. Diese Fähre ging glücklicherweise direkt nach Holland. Für etwas mehr als 35 Euro pro Nase (alle Pfund weg, perfektes Timing) bekamen Gypsy und ich eine große Schlafkabine, die wir erst einmal gehörig abfeierten. Mit Dusche! Und Bettwäsche! Und Heizung!

Wir schliefen bis sechs Uhr morgens deutscher Zeit, futterten leckeres Bonzen-Fähren-Frühstück (ich) und Ökobrot mit Mandarinen (Gypsy) und stiegen in Holland pünktlich zum Sonnenaufgang in einen Zug, der über kleinere Umwege zur deutschen Grenze fuhr. Da war ja wieder der Schnee.

Für K&I, die hoffentlich wenigstens ein halb so cooles Silvester hatten wie wir. Dafür war eures immerhin doppelt so teuer xD Für alle, die uns geholfen haben (Leute auf der Fähre, The Rockstar, Sarah & Clint, …) Für Kakadu (Nach dem Abi ziehen wir so ’nen Scheiß nicht 5 Tage, sondern 3 Monate durch, Baby!) und natürlich für Gypsy, die mich die ganze Zeit ertragen hat.

mk

Alle Fotos von Gypsy & mir:

 

 

Feuerwerk in London: Bilder, wir brauchen alle mehr Bilder!
Alternativduschen in der Nähe vom Wimbledon Stadion
Geschafft! Auf der Fähre nach Holland noch schön das Zimmer verdrecken…

 

2 Gedanken zu “Hitch-Hiking… oder wie wir einmal mitten im Winter durch England trampten, um Julian Assange von Wikileaks zu sehen.

  1. von wegen liest keiner.
    wie immer geil geschrieben und voll super-verkauf das doch! :D
    kann man sich alles richtig vorstellen. :)

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