Leider nein, leider Nazi*

In meinem Leben herrscht gerne mal das Chaos, in meinen Bücherregalen ein striktes System. Eines für eigenen Kram, eines für Comics/Mangas/Graphic Novels und das große, spezialangefertigte, jeden Umzug enorm verkomplizierende Regal meines Vaters, in dem die Bücher wohnen.

Ganz unten stehen die Bücher, die mir irgendwie peinlich sind, obwohl ich sie mag oder mal mochte: Selbstfindungsgesabbel von Hanif Kureishi, Vollidiot von Tommy Jaud (jup, sowas fand ich mit 14 cool), die Star Wars-Saga nacherzählt, The Tribe (immerhin die Erfindung der Future-Soap!) und selbstverständlich Sailor Moon (mit den Teilen habe ich lesen gelernt).

Das Fach über den Peinlichkeiten ist allein der Forschung und der Lehre gewidmet: Wörterbücher, Studienratgeber, Crashkurs Türkisch (hab ich noch nie reingeschaut), Spanisch in 30 Tagen (fast alles verlernt), Grundwortschatz Italienisch (= „Uno quarto litro de vino rosso por favore!“ …oder so ähnlich) und dann Reclam, Reclam, Reclam, wiiiinzige Schrift.

Eine 1930er Ausgabe von Mein Kampf direkt nebenb dem BMKomplex
Anfang 2011 war die Regal-Welt noch ok

Ganz oben stehen meine Lieblingsbücher, eine Etage tiefer Bücher aus der Kategorie „Muss man mal gelesen haben“ und das fünfte Fach, ganz in der Mitte, ist die Abteilung für politische Literatur. Eine 1930er-Ausgabe von Hitlers Mein Kampf** steht abgewetzt und tiefschwarz demonstrativ neben Marx‘ grellrosa Kapital.

Seit kurzer Zeit habe ich in eben jenem Fach eine Ecke nur für Autoren und Autorinnen, die ich mal mochte, bis sie anfingen, rechtspopulistischen, menschenverarchtenden Scheißdreck zu schreiben und/oder bei Interviews von sich zu geben. Kurz nachdem Günter Grass‘ sogenanntes “Gedicht“ Was gesagt werden muss veröffentlicht wurde, wanderte die Blechtrommel gaaanz nach rechts in die Ecke. Akif Pirinçcis Katzenkrimis (z.B. Felidae) habe ich als Kind geliebt, doch als im März 2014 sein Buch Deutschland von Sinnen erschien, in dem er gegen Homosexuelle, Frauen und Migranten wettert, musste in meinem Bücherregal wieder umsortiert werden.

Wenn Freunde mich besuchen kommen, nenne ich diese Ecke liebevoll meine Naziecke. Bücher, die dort stehen, werden zum „Mein Kampftrinken“ benutzt, ein Trinkspiel, dass 2011 in meiner ersten eigenen Bude erfunden wurde. Man sucht sich z.B. einen gewissen Text der, sagen wir mal, ausländerfeindliche Tendenzen enthält und trinkt dann Shots auf die wunderbaren Wörter „Wohlstandsmigration“, „Gutmenschentum“ und „gesunder Patriotismus“. Versprochen: Nach maximal zehn Seiten ist die ganze Runde besoffen.

Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab musste ich der Schulbibliothek zurückgeben, nachdem ich es über zwei Jahre lang bei mir zu Hause gebunkert hatte. Signiert. Ich habe Herrn Sarrazin damals gefragt, ob er verstehen könne, warum so viele Leute da draußen (es gab eine große Gegendemo) sauer auf ihn sind. Daraufhin bezeichnete er die DemonstantInnen und mich, die normal Eintritt bezahlt und zugehört hatte, als Linksfaschisten. Natürlich bin ich darauf immer noch ein bisschen stolz. Wenn ein Thilo Sarrazin dich scheiße findet, hast du eigentlich alles richtig gemacht.

Nun frage ich mich natürlich, warum so viele Autoren und Autorinnen im Alter nur noch wirres Zeug sabbeln. Dass dies kein rein männliches Dreiviertel-Live-Crisis-Phänomen ist, hat Sibylle Lewitscharoff ja eindrucksvoll bewiesen.

„Was gesagt werden muss“, „Man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass…“, „Einige meiner besten Freunde sind Ausländer!“, „Ich habe nichts gegen Ausländer/Homosexuelle/Juden/Moslems/usw., aber…“ Warum bedienen sich sogenannte Intellektuelle dieser Klischeephrasen? Man fragt sich doch, ob das abebbende Denkvermögen bereits den Lebensabend ankündigt oder ob diese Ideen schon seit viel längerer Zeit durch die Köpfe der Greise geistern. Hat es etwas mit ihrer Geschichte und Generation zu tun oder ist es einfach Altersstarrsinn? Wie viele Bücher werden noch von anderen Regalfächern in die „Leider nein, leider Nazi“-Ecke umziehen müssen? Werden wir auch Arschlöcher, wenn wir alt sind?

Wie gerne hätte ich eine Antwort auf diese Fragen parat, doch leider kann man nur abwarten und hoffen, dass die Alten (z.B. Martin Walser, aber auch Henryk M. Broder) nicht weiter nach rechts rücken. Europa hat zur Zeit mehr als genug Rechtspopulismus-Müll zu bieten (in Österreich, Frankreich, Deutschland, der Ukraine, im Süden, in Skandinavien,…) und mein Bücherregal nun leider auch.

FUßNOTEN/RECHTLICHES:

*Huch, habe ich jetzt etwa bekannte Autoren mit guten Anwälten ist die rechte Ecke gestellt? Ja, das habe ich. Aber nur symbolisch in meinem privaten Regal.

**Adolf Hitlers „Mein Kampf“ ist verboten? Nicht in allen Fällen. Als ehemaliger Vorsitzender der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit e.V. (AC) hat mein Vater das Buch lesen müssen und ich habe es vor dem Mülleimer gerettet, obwohl es vermutlich keinen besseren Ort dafür gibt.

Ein Gedanke zu “Leider nein, leider Nazi*

  1. […] Auto sitzt, während genau unter ihr ein Mann herumschraubt. Das Ganze sieht aus als hätte man Akif Pirinci und Eva Hermann mit Buntstiften, Pappe und ohne Vorgaben in einen Raum gesperrt. Igitt, jetzt stelle […]

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