Die ehrliche Konzertkritik: Milky Chance

Milky Chance im Capitol, Hannover am 24. Februar 2015

Warum gibt es bei Konzerten neuer, aufstrebender oder etablierter, immer mieser werdender Bands eigentlich keine Kommentatoren? So wie beim Fußball? Das würde funktionieren wie eine Konzertkritik in der Zeitung, aber live und mit der Band im Hintergrund. Dann könnten die Zuschauer entscheiden, ob sie sich die Band live ansehen wollen. Stören würde das die Fans der Band aber nicht, denn die Kommentatoren säßen, wie beim Fußball, in einer verglasten Kanzel abseits des Feldes, beziehungsweise der Bühne. So hat das jedenfalls bei Milky Chance wunderbar funktioniert…

Am Dienstag, dem 24. Februar, gab die junge Band Milky Chance ein Benefizkonzert für das Rehabilitationszentrum Ederhof, weil der Vorsitzende der zugehörigen Stiftung zufällig der Vater einer ihrer Schulfreundinnen ist. Süß.

Konzertkommentatorin: Aha, Vitamin B also. Wahrscheinlich wollten die Kinder vom Süderhof Ederhof gar nicht Milky Chance sehen, aber wen anders konnten die sich nicht leisten.

Clemens Rehbein und Philipp Dausch gründeten nach dem Abitur zusammen mit ihren Freunden das Label Lichtdicht Records. Im Oktober 2013 veröffentlichten Rehbein und Dausch unter dem Namen Milky Chance ihr Debüt-Album „Sadnecessary“, das in Europa viel Beachtung erhielt, aber auch über die europäischen Grenzen hinaus: Milky Chance performten ihre Hit-Single „Stolen Dance“ im Oktober 2014 bei „Jimmy Kimmel Live!“, ab März 2015 sind sie auf Tour in den USA. Trotz ihres derzeitigen Erfolgs wirken Milky Chance sehr bescheiden. „Hallo liebe Menschen, was geht?“, begrüßt Sänger Clemens Rehbein das Publikum im Capitol Hannover. „Wir freuen uns riesig, dass ihr zum Benefizkonzert gekommen seid. Ich red‘ nicht so viel, das kann ich nicht so gut. Viel Spaß.“

Konzertkommentatorin: Inkompetenz wurde erkannt und benannt!

Das Publikum besteht zum Großteil aus dreizehnjährigen Mädchen, die Selfies von sich machen und diese ungeachtet des Konzertverlaufs bei Facebook hochladen. Während Sänger Rehbein ins Mikrofon quakt, fischen die Mädchen nach Facebook-Likes für ihre Duckface-Selfies, schreiben irgendeinen Scheiß bei Whatsapp und halten ab und zu ihre Smartphones hoch, um ein Foto zu machen. Die Bühnendekoration erinnert an Totempfähle. Ein halbes Dutzend davon steht um die Musiker herum. Mit viel Hall und spielerischen Lichteffekten untermalt, beginnt Rehbein seine Songtexte zu nuscheln.

Konzertkommentatorin: Die Lichteffekte sind echt gut. Immerhin.

Diese etwas gequälte, emotionsgeladene Stimme ist neben seiner Sturmfrisur das Markenzeichen des Sängers. Auf der Empore wedelt ein junger Hippie mit seinem bunten Regenschirm und tanzt. Fast alle anderen im Publikum stehen stocksteif wie Soldaten. Dann das obligatorische Liebeslied: Pärchen kuscheln sich aneinander und wanken wie besoffen, obwohl es nur Limo für sie gab. Auffallend viele junge Herren tragen an diesem Abend hässliche karrierte Hemden.

Konzertkommentatorin: Vielleicht kommen die ja wirklich vom Holzhacken. Man kann ja nie wissen… Überhaupt scheinen Streifen, Punkte und Karos in Kombination mit scheinbar festgewachsenen Mobiltelefonen bei Milky Chance-Fans total angesagt zu sein. Konzertkommentatorin: Ich komme mir vor wie vor zehn Jahren bei H&M.

Als Rehbein das Lied „Nervermind“ ankündigt, jubelt genau ein Mädchen. „Kennt jemand den Song?“, fragt er. Das selbe Mädchen jubelt erneut. „Ja, schade“, stellt Rehbein fest.

Konzertkommentatorin: … zieht vor Lachen an ihrem Bier und trinkt ihre Zigarette.

Wie bei allen neuen Bands, sind die meisten im ausverkauften Konzertsaal für die Hits herkommen. Als die Band „Stolen Dance“ spielt, tanzen und singen alle mit. Rehbein wackelt in blauen Socken über die Bühne und nuschelt ins Mikrofon. Der Clou: Man versteht bei jedem Lied nur ein bis vier Wörter und das ist dann auch immer der Titel des Liedes. Beispiel: „Wshnshdlxnykl… down by the river…sdhcnysnkslsq…“
„Danke, dass ihr ein Herz für Kinder habt!“, ruft Rehbein nach einer Stunde Genuschel. „Es ist ganz toll, dass ihr für Leute da seid, denen es nicht so gut geht und dass das in Hannover passiert.“ Milky Chance bekommen Blumen vom Vorsitzenden der Stiftung überreicht. Als Zugabe spielen sie ihren zweiten Chart-Hit. Kein Schwein tanzt. Wünschen wir ihnen, dass es auf der USA-Tournee besser wird. Das Publikum hatte halt was mega Wichtiges auf Facebook zu bequatschen und am nächsten Morgen war ja auch Schule und so.

Konzertkommentatorin: Es besteht eine milchige Möglichkeit, dass das noch besser wird.

FAZIT: ★✰✰✰✰

Einen (meiner Meinung nach) sehr gelungenen Kommentar zu Milky Chance findet ihr hier: http://www.einslive.de/einslive/musik/thementag/plan-b/zugezogen-maskulin-essay100.html Danke an Katrin M. für den Tipp!

Wer eine nettere Version lesen will, die weniger wertend ist und mehr Informationsgehalt hat: Heute in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung by MK.

Foto: Florian Koppe via Wiki Commons (CC), Chemnitz 2014
Foto: Florian Koppe via Wiki Commons (CC), Chemnitz 2014

 

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