Die ehrliche Konzertkritik: Kool Savas

Foto: JoeJoeJoe93, lizenziert via Creative Commons
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Gladiator mit Plauze  – Kool Savas am 6. März im Capitol Hannover

„Letztes Mal, als ich hier war, dachte ich, die Empore kracht ein. Ihr da oben solltet also besonders feiern, weil ihr das wahrscheinlich nicht überleben werdet!“ Der Rapper Kool Savas hat im Zuge seiner „Märtyrer“-Tour 1700 Hip Hop-Fans ins Capitol gelockt. Sein aktuelles Album „Märtyrer“ und der titelgebende Song haben laut Kool Savas nichts mit Politik oder Religion zu tun. Es geht darum, dass seine Fans von ihm verlangen, sich für die Kunst kaputt zu machen, sich für sie zu opfern.

Selbsternannter Konzertkommentator aus der Reihe hinter uns: Alter, Kool Savas ist der Beste, Junge! Ich bin schon so heiser!

Seine Songs verknüpft Savas mit Überleitungen, in denen er von der deutschen Hip Hop – Szene erzählt, die seiner Meinung nach „gebrainwashed“ ist. Hin und wieder versucht sich der Rapper auch an Philosophie: „Zeit gibt es nicht. Zeit ist eine Erfindung.“ Oder: „Wer kann mir garantieren, dass ich nicht in einem Traum bin? Niemand!“ Manchmal erinnern seine Ansagen an Komiker Mario Barth: „Wer von euch hat `ne Freundin? Nicht so viele, ne? Kennste, kennste, Frauen sind nur am Sülzen. Den ganzen Tag. Aus diesem Gelaber müsst ihr das Beste rausfiltern.“ Aber dann kriegt Kool Savas doch wieder die Kurve zu seinem eigentlichen Thema, der Musik, und erklärt: „Ich laber euch auch so voll, auf jedem neuen Album. Ihr müsst das Wichtigste rausfiltern. Sonst denke ich, ihr habt mir gar nicht zugehört.“ Süß.

Selbsternannter Konzertkommentator aus der Reihe hinter uns: Ey, ihr Frauen labert echt so viel. (Fügt unsicher hinzu:) Aber das ist gut so.

Kool Savas, dessen Künstlername ungefähr so viel bedeutet wie Kalter Krieg (savas, türk. für Krieg), ist vielseitig engagiert: Er setzt sich ein gegen Rassismus, Mobbing, Drogenkonsum und Massentierhaltung. Insbesondere seine älteren Texte passen aber nicht zu diesem Engagement, weil sie zum Teil homophobe oder frauenfeindliche Passagen beinhalten. Manche Lieder sind einfach peinlich-pubertär. Titel wie „Lutsch meinen Schwanz“ werden vom Publikum abgefeiert. Oh Wunder, sind doch die meisten Leute hier unter 25 und männlich. Viele sind schon vor Konzertbeginn betrunken und haben sich nach einer Stunde heiser geschrien. Trotzdem jubeln sie immer noch ihrem Idol „Sav“ zu und krächzen jeden Liedtext mit.

Selbsternannter Konzertkommentator aus der Reihe hinter uns: Alter, meine Stimme ist so hardcore gefickt, Junge. Kool Savas ist der Beste!

Die Fans wollen „Das Urteil“ hören, eines der bekanntesten Lieder des Rappers und brüllen danach. Doch Kool Savas will den Diss-Track heute nicht spielen. Er sei gerade ein „labiles Kerlchen“. Auch sonst zeigt sich der Rapper an diesem Abend von seiner sensiblen Seite, beziehungsweise möchte sich lieber gar nicht von der Seite zeigen: „Wenn ihr mich filmt oder fotografiert, dann bitte nur von vorne. Ich habe eine Plauze. Die kann man von vorne nicht so sehen, aber wenn ich mich zur Seite drehe, kommt das voll raus.“ Zusammen mit seiner Crew rappt Kool Savas anschließend „Gladiator“.

Selbsternannter Konzertkommentator aus der Reihe hinter uns: Ey du bist doch von der Zeitung, schreib nur Gutes über den! Sav ist der Beste, Alter!

„Ich weiß nicht, ob ich hier noch einmal auftrete“, grübelt Savas. „Ich bin jetzt vierzig. Es könnte sein, dass ich vorher sterbe.“ Die Capitol-Besucher haben den Rapper an einem, sagen wir mal, melancholischen Tag erwischt. Er fährt fort: „Für den Fall, dass ich sterbe: Ich werde immer an euch denken. Ich werde euer Schutzengel sein. Wenn ihr irgendwann besoffen Auto fahrt und den Lenker rumreißt, dann bin ich da für euch. Hannover, ich bin euer bester Freund.“ Weißes Konfetti regnet bis auf die Empore und die Pyrotechnik vernebelt den Blick. Drama, Baby, Drama. Aber das passt zu Kool Savas.

FAZIT: Der „Märtyrer“ ist eigentlich ein Kuschelbär. Dafür, dass Kool Savas anscheinend einen Emo-Tag hatte, war das Konzert doch sehr energiegeladen und witzig. Meine Begleitung, die sonst eher Rock hört, war übrigens auch positiv überrascht. Persönlich finde ich pummelige Vegetarier im Allgemeinen und deren Musik im Besonderen (z.B. „Aura“) ziemlich süß. Von daher: ★★★✰✰

Eine andere Version meiner Konzertkritik, seriöser und gekürzt, habe ich der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung gespendet. Ihr findet sie hier: http://www.haz.de/Nachrichten/Kultur/Uebersicht/Kool-Savas-mit-melancholischem-Auftritt

Die (bessere!) Print-Version erscheint am 09.03.2015

 

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