Die ehrliche Konzertkritik: Sweet Pain / Pussycat Boys / Thomsen

© Jens Anders
Pussycat Boys, © Jens Anders

Das Zweitbeste an Kulturjournalismus ist, dass man kostenlos auf Konzerte bekannter Bands gehen kann, für die man sonst ein kleines Vermögen ausgeben müsste. Und ja, ich erzähle immer noch jedem ungefragt, dass ich mal für 30 Sekunden mit Marilyn Manson gesprochen habe und sein Gitarrist mich angegraben hat, bis das böse Wort „Interview“ fiel und sich alle schnell vom Acker machten. Aber das Beste an Kulturjournalismus ist, dass man sich auch mal eher unbekannte Bands anschaut und überhaupt nicht weiß, was einen erwartet. Wenn es scheiße ist und das Publikum die Band ausbuht, kann man einen wunderbaren Verriss schreiben. Wenn die Band total abgeht, kann man sie guten Gewissens hypen. Auch wenn sie nur eine der Vorbands des Abends ist. So geschehen am Freitag im Musikzentrum Hannover…

Die erste Vorband, Sweet Pain, kann einem richtig leid tun. Es war noch nicht viel los, keiner war besoffen (außer vielleicht diese eine Clique stark geschminkter Oldie-Groupies, die mir zwischenzeitlich stark schwankend auf der Toilette entgegenkam). In der Printausgabe der Hannoverschen Allgemeinen vom 23. März habe ich ziemlich fies über Sweet Pain geschrieben, zum Beispiel, dass der Sänger aussieht wie Elvis, aber in der späten Phase. Und dass man echt nicht auf Englisch singen sollte, wenn man das „Th“ nicht aussprechen kann. Es klingt einfach scheiße. Beweis: „Thieves of Rock“ (http://sweet-pain.jimdo.com/media/music/) Sorry. Sie werden es schon verkraften. Immerhin ist der Sound schön dreckig, wie das bei echtem Rock sein muss.

Eine positive Überraschung war die zweite Vorband: In glänzenden Leggins, Leoprints, Cowboystiefeln und Fönwellen-Perücken zelebrieren die Pussycat Boys den Glam Rock und Hair Metal. Die Rockstarposen sind schon einstudiert, alle Klischees werden auf die Spitze getrieben. So erzählt Frontsänger „Nick Fancy“ vom Leben in Hollywood und Bassist „Leslie Rich“ von seiner Exfreundin Britney Spears. Die Hardrock Boygroup spielt Cover-Versionen von Popsongs, aber im Rock- und Metalstil. Mit im Repertoire: Die beste Version von „Oops, I did it again“, die man jemals zu Ohren bekommen wird. Und plötzlich können die ganzen coolen Metalheads den Text mitsingen. Yup, they will do it again: Am 8. Mai im LUX (Hannover, Schwarzer Bär). Wer nicht hingeht, hat einfach nur Angst, dass ihm/ihr Robbie Williams, Britney Spears & Co plötzlich gefallen könnten.

Videos auf: http://ilovepussycatboys.com/?page_id=23

Der Headliner des Abends war Thomsen, benannt nach ihrem Gründer René Thomsen (also bitte nicht verwechseln mit der beschissenen Nazi-Band Thompson). Die Power-Metal-Band hat sich Rage-Schlagzeuger André Hilgers ins Boot geholt, der auf sein Schlagzeug einprügelt, als hätte es ihn einen Hurensohn genannt. Das Ganze klingt dabei auch noch verdammt gut. Ganz ehrlich: Wann hört man sich schon freiwillig ein Schlagzeugsolo an, das unter anderem mit dem tashigen Eurodance-Hit „Cotton Eye Joe“ unterlegt ist?! Weil es mir ehrlich gesagt schwer fällt, auch nur halbwegs objektiv über langhaarige Schlagzeuger zu schreiben (ähem, ähem, Beuteschema), empfehle ich allen Metal-Fans, sich das Ganze mal selber anzuhören. Anscheinend ist der Lichttechniker an diesem Abend total besoffen, denn er blendet abwechselnd Band und Publikum. Immerhin verteilen Ventilatoren am Bühnenrand den künstlichen Nebel und lassen die Haare schön metal-mäßig wehen. Auch super: Sänger Denis Brosowski kann man verstehen. Ja, wie ein Ork rumbrüllen ist Metal, aber hohe Töne treffen und halten zu können, ohne sich dabei Lungen und Stimmbänder zu zerfetzen, auch.

 

Fazit: Ob sie nun mit Metal- und Rock-Klischees aufgeräumt, sie bestätigt oder parodiert haben, alle drei Bands haben auf ihre Weise Spaß gemacht. Nächstes Mal sollte man die Auftritte vielleicht besser timen, damit jede Band die Spielzeit bekommt, die sie braucht. ★★★★✰ und ein halber Stern für sexy Haare / Goldleggins.

 

 

2 Gedanken zu “Die ehrliche Konzertkritik: Sweet Pain / Pussycat Boys / Thomsen

  1. Ja, das war echt fies in der HAZ. Da arbeitet man jahrelang darauf hin in diesem Kleinod deutschen Qualitäts-Jounalismus erwähnt zu werden und dann das.
    Die journalistische Sorgfaltspflicht gebietet allerdings auch eine gründliche Recherche.
    Diese blieb aus. Deshalb hier zur allgemeinen Klarstellung:
    Elvis wog in besagter Phase 150 Kg und somit exakt 50 mehr als ich. Dabei bin ich sogar 4 größer. Das kann der Vollständigkeit halber durchaus erwähnt werden.
    Ich verstehe allerdings, dass mein ausgeprägter Resonanzkörper als holprige Hinleitung zu einem billigen Kalauer durchaus angreifbar ist.
    Deshalb werde ich nicht nur am TH sondern auch an meiner Fitness arbeiten.
    Versprochen.
    Was das alles ehrlicher Musik und fairem Journalismus zu tun hat?
    Leider gar nichts!
    In diesem Sinne
    Well, you can do anything
    But lay off of my blue suede shoes

    Frank „The King“ Hartmann

  2. Wenn Journalismus hundert prozentig neutral ist, kann man niemandem mehr auf den Schlips treten, nichts kritisieren und keine noch so winzige Information einordnen. Das wäre zum einen furchtbar langweilig und zum anderen könnte man Journalismus gleich ganz bleiben lassen, wenn eh alles super ist. Also verzeihen Sie mir bitte die „Unfairness“. Sie scheinen angesprochen auf Ihr Körpergewicht empfindlich zu reagieren, allerdings habe ich Ihr Gewicht nie erwähnt und mein Elvis-Vergleich zielte auch nicht explizit darauf ab. Ich freue mich schon auf weitere Sweet Pain – Konzerte und schreibe garantiert eine positive Kritik… insofern Sie sich ihren Humor erhalten und beim Konzert die Bude rocken.
    Liebe Grüße an den King,
    Mirjam Kay.

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