Die ehrliche Konzertkritik: Against Me!

Laura Jane Grace von Against Me! | Foto: Eddy Berthier
Laura Jane Grace von Against Me! | Foto: Eddy Berthier

WE DON’T NEED NO MAJOR LABELS – Against Me! | 24.04.2015 | FAUST

Die gute Nachricht: Against Me! klingen live viel besser als auf Platte. Die schlechte Nachricht: In die 60er-Jahre-Halle passen nur etwa 650 Besucher. Nach vier Jahren beehrt das Punkrockquartett wieder das Kulturzentrum Faust, und das Konzert ist ausverkauft. Draußen fragen Leute mit bunten Irokesen und Bartflechtfrisuren nach Restkarten. Es gibt zwei Vorbands: Die aus Bristol stammende Punkband Caves trifft keinen einzigen Ton – offensichtlich ist das so gewollt. Roger Harvey aus Brooklyn und seine Band wirken etwas uninspiriert. Sie klingen zwar deutlich melodischer als Caves, dabei jedoch aalglatt und mit so viel Hall als würden sie tatsächlich in einer Höhle spielen. Die Location ist wunderschön, die Leute sind entspannt. In den Umbaupausen geht man nach draußen, um das Frühlingswetter im Hof oder nebenan im Park zu genießen. Trinken, kiffen, quatschen, küssen.

Mann? Frau? Punk!

Atom Willards Schlagzeug glitzert silbern wie mit Pailletten überzogen. Im Hintergrund: Eine schwarze Flagge, auf der ein Skelett abgebildet ist, das sich selbst den Schädel abnimmt. Against Me! betritt die Bühne. Die Konzertbesucher schieben und schubsen sich bis in die Zwischenräume der Boxentürme, wollen von der Bühne ins Publikum springen oder im Moshpit pogotanzen. Wer besonders clever ist, lässt sich auf Händen von der Bühne zur Bar tragen, denn inzwischen ist es unmöglich geworden, zu Fuß dorthin zu gelangen. Frontfrau Laura Jane Grace wechselt rasend schnell die Gitarren, fährt sich durch lange Haar, lacht viel.

Natürlich spielt die Band ihren Hit „Teenage Anarchist“, den auch BesucherInnen kennen, die keine hartgesottenen Fans der Band sind. In dem Song geht es um die Jugend der Sängerin Grace, die als Punk oft mit dem Gesetz in Konflikt geriet und wegen seines Äußeren angefeindet wurde. „True Trans Soul Rebel“ und der Ohrwurm „Black me out“, den man wunderbar mitgröhlen kann, stammen beide aus dem aktuellen Album „Transgender Dysphoria Blues“. Es ist ein Konzeptalbum und die Songtexte von Grace sind so persönlich wie nie, denn es geht, wie der Albumtitel schon andeutet, um Graces Metamorphose von Mann zu Frau. Bis 2012 hieß Laura Jane Grace noch Thomas James Gabel. Den Namen „Laura“ nahm sie an, weil das der Name ist, den ihre Mutter ihr gegeben hätte, wenn Grace im Körper eines Mädchens zur Welt gekommen wäre; Grace ist schlicht und ergreifend der Nachname der Mutter, bevor sie heiratete.

Against Me! haben mit „Transgender Dysphoria Blues“ einen großen Schritt in Richtung künstlerische Freiheit getan und sich von dem Major Label Sire (Warner Music Group) verabschiedet, um auf dem eigenen Label Total Treble Music zu veröffentlichen.

„Don’t lose touch“ ist für einen Punksong ungewöhnlich tanzbar; wahrscheinlich einer der besten Songs des Abends. Das Stagediving artet ein wenig aus: Bald springen Leute auf die Bühne, um neben ihrem Idol zu stehen und wollen gar nicht mehr weg. Der pflichtbewusste Roadie schubst einen nervigen Fan von der Bühne. Auch Mitglieder der Vorbands lassen es sich nicht nehmen, noch einmal auf die Bühne zu kommen und mitzufeiern. Ich bin der Depp, der mit Block und Kugelschreiber im Moshpit untergeht und pogotanzend aufschreibt, was passiert. Das ist dann nicht wirklich lesbar. Aber man kann das Geschriebene ja im Anschluss ganz entspannt bei einem Bier (oder zwei oder drei) mit den Leuten, die man kennengelernt hat, entziffern und abtippen. Der Backstagebereich geht zum Hof raus. Man kann die Bands saufen sehen.
Fans, die Against Me! auf der Europatournee nachgereist sind, schwören, dass die Stimmung in Hannover bisher am besten war. Das glaubt man ihnen sofort.

Fazit: Ob ein Konzert gut wird oder nicht, entscheidet nicht allein die Band. Das Publikum muss auch wirklich Bock haben. Und das hatte es. Die Location ist sowieso perfekt. Die Stimmung war super. Die meisten Songs sind toll und die Texte kein typischer 3-Zeilen-lalala-Bullshit, im Gegenteil. Ich bin ab sofort Fan. ★★★★★

Eine kürzere und geschliffene Version dieses Artikels erschien am 27. April 2015 unter dem Titel „Anarchisten gegen Etikette“ in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.

„Don’t you remember when you were young and you wanted to set the world on fire?“

„Come on, black me out! I wanna piss on the walls of your house!”

 

„You’re so lost in modern art.“

 

Fotogalerie von Marcel Hübner:

http://www.twilight-magazin.de/news/3182-bildergalerie-against-me-am-24-04-2015-kulturzentrum-faust-in-hannover.html

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