Die ehrliche Konzertkritik: Antilopen Gang

Antilopen Gang – Beate Zschäpe hört U2

Zu Hip Hop pogen.
Die Antilopen Gang in der Faust, Hannover, am 8. Mai 2015

Eine vereinzelte Seifenblase schwebt zur Decke der 60er-Jahre-Halle. Auf den Schultern ihres Freundes sitzend, schmeißt ein Mädchen lachend Konfetti in die Menge. Die Band brüllt (in Anlehnung an Slime): „Wir wollen keine Bullenschweine!“ und vorne schubst man sich herum, anstatt zu tanzen. Das klingt jetzt alles nach einem Punkkonzert. Aber die Antilopen Gang macht Hip Hop. Linksextremen, wütenden und witzigen Hip Hop.

Dass die beiden so unterschiedlichen Musikgenres Punk und Hip Hop fantastisch harmonieren können, haben schon Bands wie Cypress Hill in den späten 1990ern und frühen 2000er-Jahren bewiesen (z.B. rappen sie in „What’s your number?“ auf die Bassline von The Clashs „Guns of Brixton“). Die Antilopen Gang ist der Beweis dafür, dass Punk und Hip Hop sich auch in ihrer politischen Botschaft einig sein können. Das Rapper-Trio, bestehend aus Danger Dan, Panik Panzer und Koljah, tritt, mit Unterstützung ihres Schlagzeuger-DJs, im Kulturzentrum Faust auf. Anscheinend hat man dort den Soundcheck verpennt, denn zu Beginn fehlt der Bass und man versteht kaum ein Wort, aber von Song zu Song wird es besser. Zwischen den Liedern skandiert das Publikum immer wieder: „Siamo tutti Antifascisti!” und „Nie wieder Deutschland!”
Es ist der 8. Mai und die Antilopen Gang feiert 70 Jahre Kriegsende mit ihrem bekanntesten Lied „Beate Zschäpe hört U2“. Rechtspopulismus und Rechtsextremismus erstarken in Deutschland und Europa wieder, Verschwörungstheoretiker verbreiten rechtes Gedankengut. „Beate Zschäpe hört U2“ handelt von der ,,Banalität des Bösen” nach Hannah Arendt. In dem Song zündet Max Mustermann ein Flüchtlingsheim an – es könnte also jeder normale Bürger sein. Gerne spielt die Antilopen Gang auch auf NPD-Wahlwerbung an. Die drei Rapper singen in „Enkeltrick“ gemeinsam: „Wir nehmen deiner Oma die Rente weg!“
Der Schlagzeuger und DJ mit dem gewöhnungsbedürftigen Künstlernamen Müllmann Moses Cool läuft um sein monströses Instrument-Kunstwerk herum, klettert darauf, zerlegt es in Einzelteile. Das Schlagzeug besteht aus Schrott: Metallkannen und -Tonnen, Einkaufswagenteile, Schellen und Deckel.

Die Antilopen haben ihr Publikum im Griff. Sie brüllen: „Was bringt die Uni?” Das Publikum brüllt zurück: „Die Uni bringt nichts!” Die Bandmitglieder müssen es ja wissen, sie studieren schließlich selbst. Alle pogen oder reißen die Arme hoch und springen herum; Danger Dan kippt sich Wasser über Kappe und Kopf. Der Rapper fordert: „Werdet bitte alle Homos!” und erzählt, dass es viele blöde Reaktionen auf das aktuelle Musikvideo der Band gab, weil Danger Dan darin einen Mann küsst. Den Text zu „Verliebt“ haben die Antilopen absichtlich geschlechtsneutral geschrieben, damit sich theoretisch jede und jeder mit den Zeilen identifizieren kann. Der Clou des Videos: Die Traumfrauen und -Männer sind allesamt bei der Polizei, feiern aber (in Uniform) wild auf Punkkonzerten, in Kneipen und der Disko ab.

Ein Kommentar zum aktuellen Bahnstreik muss natürlich auch sein. Die Band stellt klar: „Wenn wir sagen, die Bahn ist ein Hurensohn, dann meinen wir: Der BahnVORSTAND ist ein Hurensohn!” Denn was viele genervte Bahnreisende immer noch nicht gecheckt zu haben scheinen: Der Streik ist vielleicht ätzend, aber sinnvoll.

Zwei Kinder klettern an einer der Säulen im Raum hoch, um besser sehen und fotografieren zu können. Viele Konzertbesucherinnen und Konzertbesucher machen Fotos und Videos mit ihren Handys. Erschreckend ist, dass sogar die Bandmitglieder zwischen den Songs verstohlen auf ihre Telefone schauen. Willkommen im Jahr 2015, wo sogar die Künstler ihre verdammten Kommunikationsplacebos nicht mal für anderthalb Stunden aus den Augen lassen können.

„Okay Hannover“, sagt Danger Dan, „Wir spielen jetzt ein Spielchen: Bildet eine Schneise in der Mitte. Ihr da geht nach links, die anderen nach rechts. Rechte Seite, ruft mal: Scheiß Zecken!” Dann rennen beide Seiten aufeinander los. Wie eine Nazidemo und Gegendemo ohne Bullen in der Mitte. Eine politische Wall of Death.
Nach dem Konzert tanzen die Leute einfach weiter. Der vertraute Geruch nach Schweiß und Gras. Aus den Boxen dröhnt Punk.

Fazit: Die Band kann natürlich nichts dafür, dass der Sound zu Beginn miserabel war. Wo ist nur der heiße Tontechniker abgeblieben? Egal, das Konzert war sehr geil, sehr politisch, es hat viel Spaß gemacht. Nächstes Mal könnten die Antilopen noch ein bisschen mehr mit dem Publikum interagieren. ★★★★✰

Die überarbeitete Fassung dieses Textes erscheint morgen in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.

Mehr Infos: http://www.antilopengang.de/

Lieblingslied des Tages:

 

**Richtigstellung**

Die Wunder der Technik! Trotzdem: Was zur Hölle war an dem Abend nur mit dem Ton los?!

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