Han’g’over Jam (u.a. mit Samy Deluxe, Ferris MC, Afrob, Megaloh, Weekend)

Johnny Rakete
Geburtstagskind & bekifftester Künstler des Festivals: Johnny Rakete!

 

Der erste und garantiert nicht letzte Han’g’over Jam auf der  Parkbühne:

Deutschrap mit viel Neunzigernostalgie (und null Frauenanteil, wtf)

Das erste Hannoveraner Deutschrap-Festival Han’g’over Jam fand am 27. Juni auf der Gilde Parkbühne neben der Swiss Life Hall statt. Namhafte Rapper traten auf… und chillten auch einfach mit im Publikum rum.

Text und Fotos von Mirjam Kay Kruecken

Samy Deluxe, Ferris MC, Afrob, Megaloh, Weekend und viele mehr: Der Han’g’over Jam war ein Erfolg, und Hannover Concerts hat bereits bestätigt, das Festival im nächsten Jahr zu wiederholen. So bekommt in der Musikstadt Hannover auch der deutschsprachige Rap, Hip Hop und Soul eine Bühne.
Das gesamte Festival wirkte wie eine Zeitreise in die 1990er Jahre: Das lag zum Einen am Stil der Künstler und BesucherInnen – Baseballkappen, Turnschuhe, Turnbeutel, zu viel Jeans, Tribal-Tattoos/Arschgeweihe – zum Anderen an den Tracks, die gespielt wurden. Denn oft fragten die Rapper ihr Publikum: „Wollt ihr was von den alten Sachen hören?“ Natürlich kam jedes Mal ein lautes „JA!“ als Antwort.

Egal, ob Biggy oder 2Pac, Fanta 4 oder gar Die Ärzte, es wurde viel zitiert und den Vorfahren gehuldigt. Deutschrap erblickte etwa gegen Ende der 1980er und Beginn der 1990er das Licht der Welt, dank Bands wie Element of Crime, Fanta 4 oder Fettes Brot. Die neue Generation der Deutschrapper besinnt sich auf ihre Wurzeln zurück, darum klingt der populäre deutsche Rap gerade sehr nach 1990 und sieht auch so aus.

Schon nach 14 Uhr und noch alle nüchtern, was'n da los, fragt man sich.
Schon nach 14 Uhr und noch alle nüchtern, was’n da los, fragt man sich.

Die Hannoveraner Hip Hopper Ranios und Rayk eröffnen das Festival am Nachmittag und haben dem Han’g’over einen eigenen Song gewidmet. Nach etwa einer Viertelstunde muss allerdings schon Platz gemacht werden für den nächsten Künstler: Bengio, der zusammen mit DJ Vito auftritt, dem DJ für Samy Deluxe. Trotz Taschenkontrollen am Eingang riecht das Parkbühnen-Gelände jetzt schon wie ein Coffeeshop in Amsterdam. Bengio rappt, er sei ein „besserer MC als die da, die da, schon wieda [sic] von Fanta 4 geklaut“.

Gegen 15 Uhr bringt Steasy zum ersten Mal richtig Action rein, das Gelände füllt sich. Vom Bass ist noch nicht viel zu hören, aber dafür springt Steasy energiegeladen über die Bühne und brüllt: „Das hier ist bester deutscher Poserrap!“ Johnny Rakete, der an diesem Tag seinen vierundzwanzigsten Geburtstag feiert, lässt es lieber etwas ruhiger angehen: „Den ganzen Tag nur kiffen und dann völlig fertig einschlafen“, beschreibt er seinen Alltag. „Jetzt auch noch ‘ne zweite Strophe, boah, ich hab keinen Bock.“ Johnny Rakete trägt Hornbrille, langes Haar, eine lächerlich hoch sitzende Beanie-Mütze und einen Turnbeutel auf dem Rücken, als müsse er gleich noch zum Sportunterricht. Er spielt entsetzt, als er bemerkt, dass das Publikum am Nachmittag noch nüchtern ist. „Ich versprech‘ euch heute, der betrunkenste Mensch auf diesem Festival zu sein. Wer mich irgendwo findet, darf mich behalten.“ Grinsend sagt einer im Publikum: „Der stand eben noch neben mir und hat gekifft.“ Die Atmosphäre ist friedlich, viele der Rapper, die heute auftreten, sind befreundet und alles andere als abgehoben: Johnny Rakete ist sichtlich stolz darauf, auf dem selben Festival spielen zu dürfen wie die bekannteren Kollegen. „Wenn man auf der Bühne steht und Leute deine Texte mitsingen“, schwärmt der bekiffte Hipsterjunge, „… Das ist erstens das unnormalste und zweitens das geilste Gefühl der Welt.“

Die Auftrittslängen sind streng durchgetaktet, aber Johnny Rakete erbettelt sich noch ein paar Minuten mehr, das Publikum freut’s. In der Umbaupause kommt Rapper und Festival-Host Spax auf die Bühne, um den nächsten Künstler anzusagen: Edgar Wasser, berüchtigt für seine ironischen, bissigen Texte. Eine Kostprobe: „Chauvinismus funktioniert auch umgekehrt. Ich prügle Mario Barth wieder an den Herd.“ Sein Song „Bad Boy“ Ist den Frauen in der Hip Hop-Szene gewidmet. Leider hört das heute keine von ihnen, denn auf dem Han’g’over Jam sind ausschließlich männliche Rapper vertreten. Es wird sich zeigen, ob Hannover Concerts daran im nächsten Jahr etwas ändern will. Edgar Wasser hat es jedenfalls verstanden: „Diskriminierung ist behindert.“ Seine Performance, zusammen mit DJ Explizit, liefert eine gute Mischung aus Boshaftigkeit und Intelligenz. Selbstironie kann Edgar Wasser aber auch: „Ich habe gute Vergleiche, wie ein Typ, der gute Vergleiche hat.“

Bitch, I'm fabulous: Megaloh.
Bitch, I’m fabulous! Der Live MC Megaloh, keinen Fick gebend.

Spax kündigt Weekend an, indem er aus dessen Pressetexten zitiert: „Für mich gibt es keinen Job, für mich ist jeden Tag Wochenende.“ Der Wochenendrapper und Sozialarbeiter mit dem bürgerlichen Namen Christoph Wiegand ist weder ein Gangster, noch ein Star. Mit Fans, die ihn von unten herab anhimmeln, kann er laut eigener Aussage nicht viel anfangen, denn er führt lieber ein Gespräch auf Augenhöhe. Diese Einstellung, die glücklicherweise auch von Weekends Kollegen auf dem Festival vertreten wird, sorgt dafür, dass der Han’g’over Jam mehr wie ein entspanntes Treffen vieler Freunde wirkt, und nicht wie die geplante und kontrollierte Großveranstaltung, die es tatsächlich ist. Oft stehen die Künstler während der Konzerte ihrer Freunde und Kollegen ganz normal in der Menge. Weekend rappt, er sei „der letzte Rapper, der zum Auftritt geht, ohne zu überlegen, welches Outfit er trägt“. Auch er feiert die Faulheit: „Es ist wie damals in der Schule schon, ich gegen diese fünf Minuten Snooze-Funktion.“

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Wurde bekannt mit einem Song über seine Freundin: „Schatz, du Arschloch“, Wochenendrapper Weekend.

Megaloh dagegen ist kein Chiller, sondern ein Arbeiter. „Mein Tag beginnt um vier Uhr morgens“, erklärt er. Rauchschwaden aus der Nebelmaschine, Rauchschwaden aus dem Publikum. Irgendein Vollidiot schnippt seine Kippe in einen Pappkarton mit Merchandise-Shirts. Der Karton fängt Feuer, sodass die Security ihn wegbringen muss.
Megaloh sorgt dafür, dass auch die Kopfnicker und Rumsteher endlich zu springen und zu tanzen beginnen. Der breitschultrige Bär mit der tiefen Stimme ruft: „Ihr seid geil, Hannover, in euch steckt auf jeden Fall viel Sport. Viel Sport und Hip Hop!“ Bei dem Track „Live MCs“ flippen die Leute aus. Die Zeilen fließen und sprudeln wie bei einem Wasserfall Megaloh verspricht dem Publikum: „Mein neues Album kommt bald. Ich knechte mich im Studio für euch.“ Unmittelbar nach seinem Auftritt kommt Megaloh aufs Festivalgelände, um Merchandise zu signieren, für Fotos zu posieren und mit seinen Fans zu quatschen.

„Noch mal einen Applaus für meinen Homie Megaloh, der hier gerade rasiert hat“, sagt Afrob, als er die Bühne betritt. Der Flow wird immer schneller und besser, je später der Abend. Afrob weiß: „Die Leute wollen ja immer die alten Sachen hören. Das ist okay für mich.“ Trotzdem kommen auch die Songs aus seinem aktuellen Album „Push“ nicht zu kurz. Immer wieder fordert das Publikum „ASD“, also eine gemeinsame Performance von Afrob und Sammy Deluxe. Zuerst kommt aber Megaloh noch einmal auf die Bühne, um mit Afrob zusammen zu rappen. Weil Afrob immer wieder gefragt wird, wo er denn nun wirklich herkomme – Braunschweig, Karlsruhe, Stuttgart, Italien, Eritrea und so weiter und so fort – antwortet er ein für alle Male: „Ich bin ein Schwabe.“ Die Schwaben im Publikum (sowie gealterte Fans in schlimmem 1990er-Style) feiern insbesondere die Oldschool-Tracks. Ferris MC betritt ebenfalls die Bühne und rappt mit Afrob; nach Afrobs Auftritt übernimmt Ferris.

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Jetzt werden die E-Gitarren ausgepackt. Denn Ferris MC, der auch zusammen mit Deichkind Musik macht, die erst kürzlich in Hannover auftraten, hat noch eine Band mitgebracht. Mit Bassist, Gitarrist, Keyboarder und Drummer zeigt Ferris, dass Hip Hop und Rock sich längst zu einem Lovechild vereinigt haben. Ferris springt herum und rappt auf Rock: „Euren roten Teppich übergieß‘ ich mit Benzin!“ Er fordert das Publikum zum Moshen auf, spielt „den alten Scheiß“, dann fangen ein paar betrunkene Mosher Stress an, und zwei Frauen in der ersten Reihe prügeln sich. Die Security muss ein paar Leute aus den Reihen schmeißen. Ferris dichtet den bekannten Die Ärzte-Song „Zu spät“ um: „Eines Tages werd‘ ich mich rächen, ich werd‘ die Herzen aller Rapper brechen!“

Spax, der jetzt eine Küchenuhr um den Hals trägt wie Flavour Flav, bestätigt, dass das Festival im nächsten Jahr wieder stattfinden wird. Die Konzertbesucher*innen jubeln. Dann ist es Zeit (you know what time it is, baby) für den Headliner des Abends: Samy Deluxe, mit grobgliedriger Goldkette und Silberstich im Haar. „Ich find’s toll, dass es genremäßiger immer offener wird und ich auf ‘nem Rock-Festival spielen kann“, scherzt er Rapper. Bei den Klassikern wie „Grüne Brille“ oder „Weck mich auf“ können natürlich alle mitsingen. Samy Deluxe spielt aber auch einen brandneuen Song. Außerdem holt er noch einmal den jungen Rapper Bengio auf die Bühne, der neben Samy Deluxe wie ein schüchterner Teenager wirkt, aber seine Chance nutzt, vor einem großen Publikum zu rappen. Samy Deluxe liefert sich ein Battle mit dem Schlagzeuger. Wer ist wohl schneller? Die Worte werden so schnell ins Mikro gespuckt, dass es klingt als habe man auf Vorspulen gedrückt. Obwohl das Publikum nach einer Zugabe ruft, gehen um 23 Uhr die Lichter aus, und der Abbau beginnt. Ein bisschen verwirrt trollen sich die Festivalbesucher*innen. Man hätte vielleicht noch eine Aftershowparty anschließen können, schließlich ist Samstagabend und Getränkestände gibt es hier genug.

Am Freitag, 3. Juli 2015, erscheint „Blockbasta“, das neue ASD-Album von Afrob und Samy Deluxe.

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Headliner, Freestyler, Liebhaber grobgliedriger Goldketten: Samy Deluxe.

Als meine Begleitung mir erzählt, dass Weekend während des Megaloh-Auftritts neben mir stand, verfluche ich meine Kurzsichtigkeit. Eine schnelle Internetrecherche gibt mir aber die Gewissheit, dass Weekend glücklich vergeben ist, also stelle ich jegliche Anbaggerversuche ein und konzentriere mich stattdessen auf meinen Konzertbericht bzw. meine Konzertkritik in 3 Versionen (Print, Online, Author’s Cut).

Hannoversche Allgemeine Zeitung: Han’g’ove Jam

Fazit: Na, Schiss vor Anwohnern (Welchen denn?) oder warum ist um 23 Uhr Sense? Da geht doch noch was. Die Newcomer hätte man schon ein paar Minuten länger auftreten lassen können, die Headliner auch. Und wo zum Teufel waren die Damen der Schöpfung, von denen Edgar Wasser gerappt hat? Ansonsten ein tolles Festival mit guten Acts. Vielleicht einfach mal 10€ teuer machen (von 40€ an der Abendkasse zu 50€), dafür aber auch mehr bieten. Wiederholen? Empfohlen! ★★★✰✰

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