M’era Luna 2015

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Kunstblut-Pop vs. Kunst: Treffen der „Partyfraktion Sodom & Gomorrha“

Am Wochenende fand zum 15. Mal das M’era Luna, eines der größten Goth-Festivals weltweit, in Hildesheim statt. Die Partyfraktion übernimmt… zum Leidwesen der Musikfans.

Gehen Sie auch immer mit echtem Vogelskelett um den Hals, 200 Gramm Corpse Paint im Gesicht, schwarzen Todesengelflügeln mit acht Metern Spannbreite, Vampirzähnen, Netzoberteil ohne was drunter und silbern angesprühtem Hirschgeweih auf dem Kopf zum Bäcker? Warum nicht? Natürlich wäre das unbequem und viel zu aufwendig, reicht doch meistens schon ein bisschen blauer Lippenstift, um hasserfüllte Blicke von Jack Wolfskin-JackenträgerInnen zu ernten. Aber die meisten Goths sind nun einmal große ÄsthetInnen, was man nicht nur an Bandnamen wie Einstürzende Neubauten oder Aesthetic Perfection sieht. Dem Klischee nach sind Goths immer schwarz angezogen, dabei haben viele bunte Haare und Kontaktlinsen, tragen Neonwesten oder aufwendig geschneiderte viktorianische Roben. Goths sind auch nicht ständig schlecht gelaunt, nur weil sie den Tod als Teil des Lebens betrachten. Beleidigt sind sie erst, wenn man ihre Kleidung als Kostümierung bezeichnet. Wir sollten den AlltagsästhetInnen dankbar sein dafür, dass sie die Welt für uns verschönern.

Spießertum, brenne!

Autor David Grashoff, bei dem Poetry Slam und Stand-Up-Comedy fließend ineinander übergehen, fackelt in einer seiner aberwitzigen Geschichten total high auf Pilzen einen Haufen Wolfskin-Jacken ab, das Erkennungssymbol des gutbürgerlichen Langweilers. Nur mit einer Spongebob-Socke bekleidet tanzt er heidnisch um das Feuer. Am Ende stellt er fest, dass die Pilze eigentlich normale Champions waren und erkennt: Er hat auch ohne Psychedelika noch die Kraft, gegen das Establishment zu kämpfen. Das bunt-schwarze Publikum lacht sich kaputt.

Noch mehr Leute als im letzten Jahr sind zum Vortag des Festivals angereist und hören sich die Lesungen in der Flughalle an. Bestsellerautor Markus Heitz ist zum fünften Mal mit von der Partie. Der Mann, der immer mehr schwitzt als alle in der Halle, liest diesmal unter anderem aus „Aera“, und der Plot ist so episch wie witzig: Alle Götter, die jemals von Menschen angerufen wurden, tauchen eines Tages auf der Erde auf. Außer: Gott, Allah und Jahwe. Die drei großen Weltreligionen werden zu Sekten degradiert, ehemals von ihnen Unterdrückte rächen sich brutal. Aera ist ein literarisches Gedankenspiel wie Michel Houellebecqs „Unterwerfung“; sogar den versoffenen Protagonisten haben beide Bücher gemeinsam. Im Gegensatz zu Michel Houellebecq hält sich Markus Heitz an das Genre der Phantastik, besser bekannt als „Genrelitertur“ Fantasy. In der deutschen Phantastik-Szene ist der kumpelhafte Umgang der Künstler mit ihren Fans Standard. So hat Heitz‘ in seiner humorvollen Religionskritik nicht nur alle durch den IS zerstörten Städte wieder aufbauen lassen, sondern auch Sodom und Gomorrha, „für die Partyfraktion“, wie er sagt. Jubel bricht aus. Heitz grinst triumphierend. „Ich wusste, dass euch das gefällt.“

Models und Designer auf der Festival-Modenschau
Die Gothic Modenschau

 „Der Zombie ist nicht gekommen, um traurig rumzustehen!“

Die Newcomer haben es immer am schwersten: Elvellon ist eine fünfköpfige Symphonic Metal – Band und sie klingen verdammt gut. Hätten sie nicht vormittags für gerade einmal zwanzig Minuten, sondern nachts aufteten können, wären sie von so manchem Goth mit dem Headliner Nightwish verwechselt worden. Die starke Stimme der Frontfrau Nele Messerschmidt ist nicht die einer unsicheren Anfängerin, sondern die einer Profi-Sängerin.

Deathstars und Combichrist haben es bereits geschafft sich einen Namen in der schwarzen Szene zu machen: Sie waren beide schon Vorbands von Rammstein. Die Aggrotech-Musiker Aesthetic Perfection aus Hollywood begeistern mit ihrem Hit „Antibody“. Bands auf der Hangar-Bühne können durchaus mit denen auf der Hauptbühne konkurrieren, so gibt es vor dem Hangar jetzt einen großen Bildschirm, weil die Halle überfüllt ist. Während deutscher Pop eher etwas peinliche Texte hervorbringt und in Übersee nicht gut ankommt, hat die Neue Deutsche Härte wieder Konjunktur. Manche Gäste haben hunderte Dollars in Flugtickets investiert, um nach Deutschland zu kommen und beim Festival dabei zu sein. Amerikanische M’era Luna-BesucherInnen lernen Deutsch, weil sie die Texte ihrer Lieblingsbands verstehen wollen.

Provokation um jeden Preis

Weil einige Bands der vielseitigen Goth-Szene gerne mit Nazisymbolik provozieren (Tyske Ludder, Nachtmahr, Ost+Front, Eisbrecher etc.), ziehen sie auch zwielichtige Fans an. Ein junger Mann mit grau gefärbtem Haar trägt an seiner Uniform falsche Orden zur Schau, sowie die Reichsflaggen-Farben und einen Anstecker der umstrittenen Band Feindflug. Bei manchen Menschen führt das Bedürfnis außergewöhnlich und besonders zu sein dazu, dass sie sich außergewöhnlich bescheuert und besonders lächerlich aufführen. In der szenetypischen Dauerprovokation gehen diese Gestalten lautlos unter, außerdem ist 2015 erstmalig die Jugendantifa Niedersachsen auf dem Festival vertreten. Die Antifa-Mitglieder riefen zum Boykott des Nachtmahr-Konzertes auf, womit sie allerdings nicht weit kamen.

Pünktlich zum Sonnenuntergang startet Rob Zombie mit effektvoller Show. „Der Zombie ist nicht hergekommen, um traurig rumzustehen“, ruft er mit Reibeisenstimme, beginnt daraufhin in die Luft zu kicken und tanzt zu einer Cover-Version von „Sex Machine“. Schon beim markanten Intro von „Living Dead Girl“ flippt die Menge aus. Die E-Gitarre klingt nach Kreissäge; einmal flackert der Gitarrenkorpus in Neonfarben wie Leuchtreklame, ein anderer ist mit Wasser gefüllt. Rob Zombie überlässt seiner Band die Bühne, klettert hinunter in die erste Reihe, brüllt: „Mars needs women, angry red women!“ Während der Zugabe starten ein paar Goths eine Polonaise, verlieren sich jedoch im Moshpit.

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Kunstblut-Pop vs. Kunst

Phillip Boa and the Voodooclub ziehen mit ihrem 1980er-Avantgarde-Pop vor allem die älteren Semester in den Hangar und in ihren Bann. Wer noch weiter in der Zeit zurückreisen möchte, ist auf dem Mittelaltermarkt gut aufgehoben, wo Minnesänger spielen, Bruder Ignatius Ablassbriefe fürs Faulenzen und andere Sünden verkauft, und der gutaussehende Schmied alle Jahre wieder von der einen oder anderen betrunkenen Goth-Maid belästigt wird. Die Mittelalter-Folkbands Tanzwut und Saltatio Mortis (lat. für Totentanz) ziehen nicht mehr von Markt zu Markt, sondern spielen inzwischen regelmäßig auf großen Festivals. Beide Bands werden immer wieder gerne zum M’era Luna eingeladen, weil ihre Musik verdammt tanzbar ist. Die eher Zartbesaiteten kommen bei Blutengel auf ihre Kosten: Wie der Name schon andeutet, scheut die Band keine Gruftieklischees und hat trotzdem – oder gerade deshalb – Erfolg. Die Bandmitglieder bezeichnen ihren Stil als Dark Pop, für Freunde der härteren Musik sind sie eher Helene Fischer mit Kunstblut.

Die legendären Einstürzenden Neubauten stoßen besonders das blutjunge Partyvolk vor den Kopf. Sie starten mit „The Garden“. Als wollte er das Publikum in Trance versetzen wiederholt Sänger Blixa Bargeld den Satz: „You will find me, if you want me, in the Garden, unless it’s pouring down with rain.“ Zu der kunstvollen Musik lässt es sich nur schwer herumhampeln, der wenige Text ist fein verstreut über den minimalistischen Beats, poetisch ohne Kitsch, hermetisch-verschlossen. Frontsänger Blixa Bargeld ruft nicht: „M’era Luna, seid ihr bereit zum Partymachen?“ oder „Wollt ihr mit uns ausrasten?“ Wer die Band nicht begreift, beschwert sich über die „Hintergrundmusik“. Tatsächlich wären die Einstürzenden Neubauten im Hangar besser aufgehoben, denn dort spielen die düsteren Bands, auf der Hauptbühne eher die, die abgefeiert werden und gar nicht so sehr verstören wollen.

Das Besondere am M’era Luna ist die Kombination aus eben diesen verschiedenen Genres und völlig unterschiedlichen Erwartungen der BesucherInnen, sowie die Mischung vergangener und futuristischer Stile. Drei Meter hohe Robo-Aliens in Schutzanzügen bahnen sich ihren Weg durch die Menge; die Kunstwerke erinnern an das Endzeitfestival Burning Man, das in der Black Rock Desert in Nevada stattfindet. Zum Ende des Burning Man wird ein riesenhafter Holzmann verbrannt und die Wüste so hinterlassen wie sie vorher war.

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Auf dem M’era Luna Festival gibt es auch eine Abschluss-Tradition: Wenn die Bands längst wieder in den Tourbussen sitzen, sammeln die FestivalbesucherInnen Wasserkanister, leere Bierdosen, Zeltstangen und anderen klangvollen Schrott zusammen. Dann beginnt das große Nachttrommeln. Nach Definition des Autors Christian van Alster, der sich bevorzugt über seine eigene Leserschaft lustig macht, sind manche Grufties so gruftig, dass sie nicht das Sonnenlicht meiden, sondern das Sonnenlicht sie. Die Musik der Goths verstummt erst, wenn die Sonne wieder aufgeht… oder ist es doch umgekehrt?

Dieser Text ist auch erschienen auf:

Der Freitag – Community

Eine andere Version als die obige ist heute in folgenden Tageszeitungen erschienen (Print und Online):

  • Hannoverschee Allgemeine Zeitung
  • Wolfsburger Allgemeine Zeitung
  • Peiner Allgemeine Zeitung
  • Göttinger Tageblatt
  • Oberhessische Presse
  • Frankenberger Zeitung

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