„Wir haben leider nur drei Teesorten zur Auswahl“ – Evakuierung nach Fliegerbombenfund in Hannover-Linden

EvakuierungFliegerbombeHannover
Immer noch besser als Reisegenuss

Bei Bauarbeiten in Hannover wurde eine Fliegerbombe entdeckt. Mal wieder. Hannover wurde einst so dermaßen von der US-Armee in Schutt und Asche gebombt, dass der Zweite Weltkrieg auch nach über 70 Jahren immer noch den friedlichen Alltag in der Stadt und diesmal im Multikulti-Viertel Linden stört.

Linden ist so ein tolles Viertel, da geht einem Berlin wirklich am Arsch vorbei. Die Kioskdichte ist so hoch wie sonst nirgendwo in Deutschland, die Leute sind von überall und cool drauf… und die zerstörten Häuser wurden nicht nur durch funktionale Betonklötze ersetzt, sondern durch Gebäude, denen man ansieht, dass tatsächlich ein gewisses Maß an architektonischer und ästethischer Fähigkeit hinter der Planung steckte.

Alte Menschen, die sich noch an den Krieg erinnern, und nach Deutschland geflüchtete Familien sind von der Nachricht wohl am meisten beunruhigt gewesen: Ab 20 Uhr wird evakuiert. Muss schon scheiße sein, wenn man aus einem Kriegsgebiet flieht und dann plötzlich im grünen, spießigen Deutschland wieder seine Sachen packen und aus der Wohnung raus muss.

Irgendwie war es nur den Polen in meiner Straße scheißegal, oder sie haben die Durchsage nicht verstanden. Schließlich mussten aber alle raus aus dem Gebiet. Das Problem der Polizei und des Kampfmittelbeseitigungsdienstes: Mit der Entschärfung kann erst begonnen werden, wenn die Gefahrenzone komplett evakuiert wurde. Manche Leute konnten einfach nicht ohne Hilfe ihre Wohnung verlassen und zur Sammelstelle in der Konzerthalle Swiss Live Hall gelangen. Andere waren schlichtweg ignorante Deppen und verzögerten damit die Arbeiten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes.

Ich packte ein paar unfertige Manuskripte, mein Notizbuch, Handy, Computer  Schlafsachen und Wasser in meinen Rucksack und legte meine kostbarsten Bücher aus Ermangelung eines Tresors in die Waschmaschine, dann ging ich zur Konzerthalle. Draußen traf ich einen jungen Mann aus Griechenland, der die Ansage der Polizei nicht verstanden hatte und wie viele andere glaubte, es handle sich um einen Terroranschlag. Wann lernen die Behörden hier eigentlich mal Englisch?

Durch Bauarbeiten hatte sich die 250-Kilogramm-Bombe vermutlich schon ein Stück bewegt, weshalb sie sofort entschärft werden sollte. Im Stadion an der Parkbühne warteten die BewohnerInnen des Viertels auf die erlösende Durchsage der Polizei. Nazis schimpften über die ,,scheiß Amis“, MigrantInnen fragten, was überhaupt los sei, mein Tischnachbar laberte mich voll und ich schrieb. Suppe, Kaffee, Tee, Himbeer-Eistee… die Verpflegung bot traurigerweise mehr Optionen als meine Küche hergibt. Die Organisation war alles in allem sehr… deutsch. Soll heißen: In unnötigen Detailfragen überkorrekt, während sinnvolle Punkte ignoriert wurden (wie mehrsprachige Ansagen statt mehr Auswahl beim Tee). Das erinnert mich an Bafög-Anträge.Wo seitenlang aufgelistet werden soll, welche Einnahmen der Lebenspartner hat und frau nur eine Zeile bekommt, um zu beweisen, dass sie – Überraschung – sich gar nicht von ihrem Kerl finanzieren lässt.

Der Grieche, der mich eben noch gebeten hatte, die Durchsagen für ihn zu übersetzen, fing nun auch noch an zu flirten. Ich musste raus, so schnell wie möglich. Ungebeten fing er an, mir Fotos vom schicken Haus seiner Eltern in Griechenland zu zeigen und von seinem Motorrad. Wie viele Männer immer noch denken, sie würden mit Geld irgendwen wirklich rumkriegen. Es stellte sich heraus, dass er hier im Viertel in einem griechischen Restaurant arbeitete und das Geld dann in seiner Heimat ausgab. Er ist Teil einer neuen Gastarbeiter-Generation, die die Finanzkrise durchsteht, indem sie sich mit miesen Service-Jobs im Ausland durchschlägt und im Erwachsenenalter noch die Eltern anzapft.

An der Essens- und Getränkeausgabe höre ich einen freiwilligen Helfer sagen: ,,Wir haben leider nur drei Teesorten zur Auswahl. Möchten Sie ein oder zwei Stücke Zucker?

HAZ: Fliegerbombe in Hannover Linden-Süd entschärft

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