Transmediale 2017: Kongress der postdigitalen Sidecut-TrägerInnen

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Addie Wagenknecht: XXXX.XXX (2014) Eine Skulptur, die WiFi-Daten erfasst.

Meine Mutter war ein Computer“, erzählt Kitty AI mit ihrer Heliumstimme. Die Animation eines niedlichen, lila-türkisen Kätzchens ist eine künstliche Intelligenz, die 2039 „dein absoluter Gouverneur“ sein wird oder auch der „absolute Regulator“. PolitikerInnen wird die Regierung der Zukunft nicht brauchen, denn die Algorithmen sind schlauer. Diese dystopische wie realistische Vision von Pinar Yoldas ist Teil der Ausstellung Alien Matter auf der Transmediale 2017.

Am Eröffnungsabend, dem 2. Februar, im Haus der Kulturen der Welt frage ich mich, ob die Transmediale tatsächlich ein Festival für Kunst, Medien und Digitalkultur ist oder eher Berlins größter Kongress der Sidecut-TrägerInnen und Epilepsie induzierenden Kurzfilme. Es flackert und blitzt auf den Bildschirmen und Leinwänden, dazu hört man elektronischen Krach. Ich habe noch nie so einen zurückhaltenden, peinlichen Höflichkeitsapplaus gehört wie nach den Screenings im Theatersaal. Die ZuschauerInnen wurden aber auch ziemlich gefordert: Zuckende Papierkreise wechseln die Formationen, während der Soundtrack allein aus einer Bücher zerstückelnden Kettensäge besteht. Gekreische, grelles Licht in schnellem Wechsel mit Dunkelheit und eine Schnitttechnik, die in den Augen schmerzt. So stelle ich mir einen erfolgreichen Filmabend vor… in Guantanamo Bay. Das Hipstermädchen vor mir hat keine Lust mehr auf die Videos und shoppt auf ihrem Handy hässliche, überteuert Cardigans. Ihr obligatorischer Haarknoten verdeckt zum Glück den Großteil meiner Sicht auf die Leinwand. Die Vorträge und Gesprächsrunden funktionieren glücklicherweise fast ohne Flackerlicht und Algorithmen-DJ-Set, außerdem lernt man tatsächlich etwas. Zum Beispiel in dem Penal The Origin of Androids, in dem deutlich wird, dass Menschen „von Natur aus künstlich sind“ [Koert van Mensvoort] und wir manche Techniken so vollkommen als Teil unseres Lebens akzeptiert haben, dass wir sie zu unserer Natur zählen: Ackerbau, Kleidung und kochen etwa.

pyramidtechnologyinlifeWürdet ihr lieber ohne Abwassersystem oder ohne Internet leben?“, fragt van Mensvoort ernst. Natürlich ohne Abflusssystem! Dann kann man ja einfach auf Wikihow nachlesen, wie man selber eines konstruiert und sich Youtube-Tutorials anschauen, wenn man den Text nicht kapiert. Da es auch viele Stimmen für „Leben ohne Internet“ gab, hakt van Mensvoort nach: „Wie viele von euch hätten ohne Internet noch einen Job?“ Die vielen JournalistInnen, Webmaster und WebdesignerInnen im Raum schon mal nicht.

Zu der Gesprächsrunde Situated Publishing: Writing with and for Machines erscheinen leider nicht einmal drei Dutzend ZuhörerInnen, dabei hat das Autoren- und Verlegerinnen-Kollektiv Constant aus Brüssel interessante Ansätze für das Büchermachen der Zukunft erarbeitet. Wer selbstständig sein will, muss programmieren können – so wird es wohl für viele AutorInnen in naher Zukunft aussehen. Die romantische Vorstellung vom verträumten Schriftsteller mit vollgekritzeltem Notizbuch in und Tintenflecken auf den Händen weicht dem Ideal einer Publizistin mit eigenem Ethernet und Layoutern als Publishing Jockeys, kurz PJs. Die PJ Machine wurde von der Französin Sarah Garcin entwickelt und macht das Design von Buchlayouts zum Kinderspiel.

Data Journalism ist ein weiterer Schwerpunkt der Vorträge. Jutta Weber: “How many companies collect data of customers? […] We need to gain autonomy again.” Zum Beispiel mit reversed engineering: “How does the Facebook algorithm work? We have to lean how to work with these technologies.” Eine neue, alte Aufgabe für den Journalismus also: Komplexe Themen einfach erklären, damit auf der Grundlage von Informationen gewählt, gearbeitet, gelebt werden kann. Doch Natalie Fenton, Autorin von Digital Politics Radical fügt hinzu: “The levels of trust into politics and media are historically low.” Die Vortragenden fordern die Resozialisierung der Politik, können aber auch nicht so recht sagen, wie das vonstattengehen soll. Robert Latham präsentiert seine kühne These, die Linke befinde sich noch im Anfangsstadium so wie der Kapitalismus im 12. Jahrhundert: “How many false starts can the left go through? 1968 , 1970s, Occupy, Syriza… to name a few. […] Are we in the long period of the very birth of the left? […] Just like capitalism had its birth in the trade in the medieval times e.g. in Venice, socialism began with USSR and Cuba and just started.” Latham erinnert das Publikum außerdem daran: “It’s the state’s job to take away your power.“ In der anschließenden Diskussionsrunde werden Entwürfe gestrickt wie die Politik wieder sozial werden und man den Kapitalismus demontieren kann: “We have to connect to a de-educated class”, denn “isolated groups like activists are too far away from everyday politics.”

Als der Moderator fragt, wer in diesem Raum um sein Überleben kämpfe, melden sich vereinzelt unterverdienende Irgendwas-mit-Medien-Menschen. Ich stecke zwar auch in der Freelancer-Falle, doch Überlebenskampf würde ich das nicht nennen, schließlich hatte ich bestimmt seit über drei Jahren keine Nahrungsknappheit wegen weggefallener Aufträge und ausbleibender Zahlungen mehr.

Oh, Künstler! Das ist auch eine harte Arbeit“ , sagt die buckelige chinesische Feldarbeiterin ohne Ironie, die im nächsten Screening über die Leinwand schlurft. Das Publikum im Saal lacht.

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Warum die Transmediale-KuratorInnen bereits das postdigitale Zeitalter ausgerufen haben, ist mir nicht hundertprozentig klar geworden. Doch bei den Gesprächen und Ausstellungen wurde immer wieder deutlich, wie intim das Verhältnis zwischen Mensch und Technologie mittlerweile ist. Ein Forscherteam plant einen Dreier zwischen Menschenpaar und Roboter [laut Peter-Paul Verbeek, Society for Philosophy and Technology], bildende KünstlerInnen lassen ihre Skulpturen mit WiFi-Daten interagieren [z.B. Addie Wagenknechts Beitrag zu der Ausstellung Alien Matters], AutorInnen lassen sich von Algorithmen in ihre Texte ‚reinreden‘ und Smartphones sind für manche Menschen quasi schon zu Körperteilen geworden. Es klingt ein bisschen wie der Borg-Spruch „Resistance is futile“, wenn Philosoph van Mensvoort sagt, dass wir „die Technologie als unser Schicksal akzeptieren“ sollten. Aber solange die KI wie ein von Pinar Yoldas animiertes, niedliches Kätzchen daherkommt, gibt es keinen Grund zur Beunruhigung.

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