Bedrückende Versuche einer Zeitreise

Die Boulevardisierung und Verwässerung der Erinnerugskultur schreitet voran: Das Gruselkabinett als Alternative für Deutschland?

Beschmierte Gedenktafel in Aachen, 2014. Der/die Täter/in war sicher kein/e Orwell-Leser/in.

Die ZDF-Sendung Neo Magazin Royale ist bekannt für Jan Böhmermanns kluge Blödeleien und geschickt konstruierte Kontroversen. Die Folge vom 16. November war eine Satire im Dokumentationsstil, bei der Autor und Komiker Ralf Kabelka mit seiner authentisch wirkenden Neugier als Gegengewicht zu Böhmermanns Zynismus wirkte. Es ging um einen Themenpark, der 2023 eröffnen und die Nazizeit als Freizeitevent für die ganze Familie inszenieren sollte. Der Projektleiter des sogenannten Reichsparks, gespielt von Piet Fuchs, erklärt in Werbefilmchen und Interviews seine Vision von erlebbar gemachter Geschichte. Zwar mag es zur Schadenfreude anregen, dass Neo Magazin Royale erneut ein paar Voreilige an der Nase herumführen konnte. Doch besonders bedrückend sind die echten Reportage-Sequenzen.

 Denn Kabelka und Böhmermann stellen nicht nur das fiktive Erlebnispark-Projekt vor, sondern spielen in in Rom, Manchester und Karosta in Lettland die Zeit des Nationalsozialismus nach, mit Hilfe von Komparsen, Gedenkstätten und Virtual Reality-Technik. In den Räumen einer römischen Animationsfirma betritt Kabelka ein digitales Auschwitz. In Karosta schikanieren Offizier-Darsteller die Besucher der Gefängnisschau – ein Event für Schulklassen oder Junggesellenabschiede. Auf ihren Reisen und bei den Interviews mit Projektleitern, Darstellern und einem Historiker gehen Böhmermann und Kabelka immer der Frage nach, ob diese Boulevardisierung der Naziverbrechen überhaupt noch ethisch sei. Was für die wahren Opfer Leid und Trauma bedeutet, ist für andere Fetisch oder Spaß für die ganze Familie. Wenn es blöd wird im Folterkeller, kann man ja wieder nach Hause fahren.

Die Kerker („Dungeons“) der britischen Merlin Entertainment Group präsentieren auch schon seit Jahren Misshandlungen, Folter und Enthauptungen, zu Bildungs- und Vergnügungszwecken. Solche Angstlust à la Kirmes-Geisterbahn ist ganz witzig, wenn es sich um Gräueltaten aus dem Mittelalter handelt. Zu Hexenverbrennungen, also willkürlichem Mord an Frauen, hat man heutzutage oft keinen persönlichen Bezug mehr. So kann man sich guten Gewissens mit der ganzen Schulklasse gruseln gehen. Diesem Modell folgend, wäre auch ein Reichspark eine Form von Erinnerungskultur, und zwar eine ungeschickte Verknüpfung von Bildungsauftrag, Horrorshow und Freizeitspaß. Vermarktung und Trivialisierung des Holocausts regt besonders zum Fremdschämen an, weil die Nazizeit und der Zweite Weltkrieg immer noch Risse durch unsere Gesellschaft ziehen. Die Geschichte muss nicht erlebbar gemacht werden, sie ist es noch: Als Bestandteil unseres Alltags, sei es ein Fackelmarsch von Neonazis oder nur die nächste nervige Fliegerbombenräumung im Multikulti-Viertel von Hannover. Dieser Krieg hat nicht einmal seine Halbwertszeit erreicht, da wollen AfD, die Identitären und Konsorten ihn bereits schönreden, Opfer und Täter vertauschen oder sagen uns: Schwamm drüber! Die Alternative für Deutschland soll also das sein: Nationalstolz mit selektiver Amnesie, Leitkultur statt Erinnerungskultur.

 Egal, ob man sich Genozid lieber auf Papier, Bühne, Leinwand oder Bildschirm ansieht: Man selbst sitzt bequem und gafft. Das Nachspielen wird durch die eigene Beteiligung, im Reenactment oder Egoshooter, zum Mitspielen. Man kann Täter oder Opfer darstellen und dabei versuchen, nachzuempfinden, was diese Person gefühlt haben könnte. Jedoch sind wir auch dadurch noch keine Zeitreisenden, geschweige denn Augenzeugen, sondern bleiben nichts weiter als Spielende.

Was wir gerade erleben, ist das bewusste In-Vergessenheit-Geraten einer grausamen Vergangenheit. Doch im Gegensatz zu der Verdrängung oder Verwässerung, wie es die Rechtsextremen uns als Alternative anbieten, bleibt uns das Bewusstsein und besser noch: das Wissen.

 

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