Über Korruption und Ausbeutung im deutschen Journalismus

DSCN0629
Vom Hobby zum Beruf und zurück. Das Buch „Wege in den Traumberuf Journalismus“ habe ich ironischerweise auf der Straße gefunden.

Als ich 2016 als Praktikantin beim Meinungsmedium Der Freitag anfing, hatte ich bereits viel journalistische Erfahrung gesammelt und konnte sofort mit der Recherche für meinen ersten Artikel loslegen. Ich hatte mich für ein Praktikum beim Freitag entschieden, weil ich für eine linke Zeitung schreiben wollte. Die taz Hamburg, bei der ich mich auch beworben hatte, verlangte einen Probetag, hätte mich aber gar nicht bezahlt. Beim Freitag bekam ich einen Lohn für jeden veröffentlichten Print-Artikel. Das bedeutete für mich: Keine Online-Artikel mehr, wenig Geld für Essen ausgeben, bei Freundesfreunden auf dem Sofa schlafen, und natürlich: unbezahlte Recherchearbeit. Nach kleineren Artikeln, in denen ich nicht als Co-Autorin genannt wurde, begann ich, an einem größeren Text zu arbeiten. Ich recherchierte lange über Predictive Policing, Algorithmen und las nebenbei Minority Report. Für den Artikel wurde ich so vergütet, dass ich mein Bahn-Abo zahlen konnte. Jetzt ist es natürlich keine Neuigkeit, dass Journalistinnen inzwischen sehr schlecht bezahlt werden, außer sie werden zu Werbetexterinnen. Was mich stutzig machte ist eher, wie viel große Zeitungen von kleinen abschreiben und umgekehrt. In der Freitag-Redaktion war es kein Geheimnis, dass Beiträge von Jakob Augstein noch einmal im Spiegel verwurstet werden.

 

 

Ich wollte schon immer einmal für den Spiegel schreiben, weil das Magazin meiner Meinung nach für Qualitätsjournalismus steht. Allerdings kann man das von Spiegel Online nicht behaupten. Was der Spiegel mit Bento versucht, die Zeit mit Zett, die Welt mit ihrer Springerjugend, ZDF und ARD mit Funk… all das sind verzweifelte Verjüngungskuren der alten, reichen Säcke. Wie Schauspieler*innen, die sich Botox spritzen, um noch einmal eine Rolle zu spielen. Stattdessen werden ihre Gesichter zu Fratzen und man belächelt ihre offensichtliche Verzweiflung eher, statt sie in ihrem Beruf ernstzunehmen. 

Freie Mitarbeit, das war ein cooler Beruf neben dem Studium. Insbesondere im Kulturjournalismus. Denn Kulturjournalismus heißt auch: Freikarten für Konzerte, Theateraufführungen, Lesungen, Kinobesuche, Festivals. Für mich war es der beste Nebenjob der Welt! Ich konnte mir eine eigene Wohnung leisten, weil ich am Abend ins Capitol oder das Kulturzentrum Faust ging, nachts über die Auftritte schrieb, und dabei einen Euro pro Zeile verdiente. Man prophezeite mir eine glänzende Karriere im Lokaljournalismus, später auch deutschlandweit. Aber die Zeitungen verkauften meine Texte weiter, ohne mir Bescheid zu geben, geschweige denn etwas dafür zu zahlen. Erst jetzt, da ich mich weitestgehend aus dem Journalismus zurückgezogen habe und Jura studiere, merke ich, wie oft meine Auftraggeber illegal meine Texte wiederverwertet haben. Als freie Mitarbeiterin hatte ich keinen Vertrag, nur einen Auftrag (z.B. per Mail). Ich habe natürlich nie die Rechte an einem Text abgegeben, sondern immer nur die einmalige Nutzung vorausgesetzt.

Am schlimmsten war jedoch nicht, dass ich zum Teil für minus zwei Euro die Stunde arbeitete. Auch der Sexismus bei Lokalzeitungen – alte Männer in den Chefetagen, junge Frauen im Sekretariat – war und ist für mich kein Grund, den Journalismus aufzugeben. Im Gegenteil, der Journalismus braucht mehr Frauen in den Chefredaktionen. Was mich schließlich dazu bewegt hat, den Journalismus bis auf Weiteres hinter mir zu lassen, war die Tatsache, dass Werbetexter*innen, Influencer und PR-Expert*innen den Berufsmarkt überschwemmen. Sie schreiben entweder über ein Produkt, wofür sie eine Firma bezahlt, oder über sich selbst. Letzteres nennt man auch Befindlichkeits- oder Selfie-Journalismus. Der Artikel wird zur Eigenwerbung. „Du musst dich vermarkten“ und „Du musst dich gut verkaufen können“, bläute man uns im Bachelorstudium ein. Klingt nach Straßenstrich, oder? Wer sich nicht selbst verkauft, muss eben ein anderes Produkt bewerben. Neben einem schicken Auto zu posieren und es anzupreisen, das wird heute Journalismus genannt. Bei Bento über Tomatensoße und persönliche Wehwehchen zu faseln, ebenfalls. Am meisten Kohle machte ich als Werbetexterin. Aber ich hätte nie die Dreistigkeit besessen, mich dafür als Journalistin zu bezeichnen. Die Wahrheit ist: Luxuriöses Interior Design aus Berlin geht mir am Arsch vorbei und der Auftrag „Schreib es bitte als journalistischen Artikel“ ist Betrug. Solch ein Betrug an den Leser*innen lässt sich weder mit dem Pressekodex vereinbaren, noch mit meiner Arbeitsmoral. Auch die Anfrage eines Auftraggebers, geschützte Quellen mit Frontal-Foto preiszugeben, lässt mich daran zweifeln, ob es im deutschen Journalismus wirklich um seriöse Berichterstattung geht oder nur noch um die Clicks, Views, Likes.

 

 

In Zukunft werde ich mich mehr auf mein Studium und das literarische Schreiben konzentrieren. Nicht, dass es im Literaturbetrieb auch nur ein Fünkchen fairer zugehen würde. Ein gewisser Herr Walser bedient sich seit mindestens zehn Jahren an den literarischen Ergüssen seiner Affären, indem er die schriftliche Korrespondenz für seine späten Liebesromane ausweidet. Wer die Macht hat, das Ansehen und das Geld, kann getrost auf Quellenangaben und Urheberrecht pfeifen. Die Alten halten sich für unangreifbar. Mein Vorteil im Haifischbecken des Kulturbetriebs ist, dass ich die alte Leier schon aus dem Journalismus kenne.

Was bleibt, sind viele Erfahrungen, bei der Arbeit entdeckte Lieblingsbands… sowie die Hoffnung, dass Projekte à la Freedom of the Press Foundation oder WikiTribune die politische Aufgabe des Journalismus ernst nehmen. Die meisten Zeitungen haben bereits aufgegeben und sind zu Werbekatalogen verkommen. Ja, Journalist*innen und andere Medienmenschen tragen politische Verantwortung. „Idealistin!“ höre ich oft, als Schimpftwort gemeint. Danke für das Kompliment.

*MK out*

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s