Iran Reisejournal – Teil 3: Massal, im grünen Nordiran

Diese Diashow benötigt JavaScript.

7- 11. August:

Am Montag geht es noch auf einen Abstecher in die „Stadt des Tees“*, Lahijan, bevor wir unsere europäischen Freunde in Teheran aufgabeln werden. F. und ich erklimmen den Teufelsberg, der so heißt, weil man sich im Sommer die Fresse verbrennt, fast einen Kreislaufkollaps kriegt, und im Winter wahrscheinlich das Genick bricht, weil die Stufen vereist sind. Den ersten Abend nach der Anreise unserer Freunde verbringen wir auf dem Freiheitsplatz, wo auch die Grüne Revolution stattfand, und in einem nachts noch heimlich geöffneten Restaurant im „Elbenwald“. So nenne ich den märchenhaften Ort in Teheran, an dem sich Restaurants wie Baumhäuser zwischen Felsen, Wald und kleinen Wasserfällen übereinander stapeln. Endlich lerne ich F.s Kindheitsfreund M. persönlich kennen. M. spricht Deutsch und kämpft seit zwei Jahren mit österreichischen Behörden um sein Visum, da er schon längst von der Uni Wien angenommen wurde.

photo_2017-08-30_01-02-253.jpgphoto_2017-08-30_01-02-38

Früher frenetische Anhängerin schwarzer Emo/Skinny-Hosen, habe ich mich nun nicht nur mit den weiten Pluderhosen und dünnen Mantos arrangiert, die ich hier tragen muss, sondern genieße diesen gemütlichen Gammel-Glam, den ich gerne albern als „luftig gruftig“ bezeichne. In einem der weniger konservativen Einkaufszentren decken wir uns mit Teheran-tauglicher Kleidung ein und fressen Eisbecher, die in Italien unbezahlbar wären. Am nächsten Tag besuchen wir das Wahrzeichen der Stadt, den Milad Tower, der an den Berliner Fernsehturm erinnert. Nur die Aussicht hier ist besser, denn die Lichter der Stadt scheinen unendlich. Nachts fahren wir außerdem noch zur Nature Bridge in einem der zahlreichen Parks. Aus Protest trage ich mein Kopftuch die ganze Zeit lang so schludrig wie möglich oder auch mal gar nicht. Viele iranische Kinder und Jugendliche sprechen uns sehr höflich auf Englisch an, übersetzen ihren Eltern, wo wir herkommen und sagen: „Welcome to Iran.“

In der Partykarre rasen F., sein bester Freund M., einer der vielen Mohammads** und ich der untergehenden Sonne entgegen und feiern zu persicher Asimucke. Wie alle, die in Teheran ihre Führerscheinprüfung abgelegt haben, kann M. gleichzeitig telefonieren, das Auto zwischen den Fahrbahnen zur Musik tanzen lassen und darauf achten, dass wir nicht mit einem anderen Wagen kollidieren. Nachts kommen wir in einem Kuhkaff an, wo wir die anderen wiedertreffen, die vor uns losgefahren und auf Klettertour gewesen sind. Zu zwölft mieten wir eine ranzige Ferienbude für vier Personen. Ich schlafe im Schrank – und das ist sogar richtig gemütlich. B. hatte im Vorfeld darauf hingewiesen, dass nur kleine Rucksäcke in den Kofferraum seiner Karre passen würden. Jetzt sehen wir auch, warum: B. hat seine Musik- und Lichtanlage mitgebracht, inklusive Nebelmaschine. Auch private Feiern, bei denen nicht verheiratete Männer und Frauen zusammen zu Musik tanzen, sind in der Islamischen Republik Iran verboten. Wir tanzen zu Goa und Techno – teilweise schon im Schlafanzug, was sehr viel bequemer ist als im Partyoutfit – saufen fiesen selbstgebrannten Rosinenschnaps, B. improvisiert eine Bong. Die Kleinstädte und Dörfer hier in der Gegend haben so tolle Namen wie Schwarzer Schwanz und Schaft, was in Kombination mit „Gol“ (= Blume, umgangssprachlich auch Gras) zu eher wenig niveauvollen Unterhaltungen führt. Ich habe F. lange nicht mehr so glücklich gesehen wie beim Spackotanz mit unseren Freunden.

photo_2017-08-30_17-58-43.jpg

Am nächsten Tag ziehen wir weiter in ein kleines Ferienhaus nahe der nordiranischen Stadt Massal. Diese Gegend wird auch „der Himmel Irans“ genannt. Die sandigen Berge und Hügel des Südens weichen einem saftigen Grün. Unsere Autokarawane steht auf einer Libellen-umsurrten Wiese; die Clique sitzt ums Grillfeuer herum. Nachts heulen draußen die Wölfe und die abgemagerten Hunde bellen dann, um das schlimmste Tier Mensch aufzuwecken. Obwohl Hunde hier als genauso „unrein“ gelten wie Schweine und nur von wenigen Menschen gut behandelt werden, schützen sie das Dorf vor Angriffen und fressen eher die Abfälle der Menschen als deren frei herumblödelnde Hühner. Ein junger Hund schaut täglich vorbei und bettelt ängstlich um Fischgräten. B. wirkt die ganze Zeit bekifft und orientierungslos, aber gleichzeitig energiegeladen und abenteuerlustig. S. weckt mit seiner Tollpatschigkeit bei den Mädels „Muttergefühle“ (Zitat U.), N. und ich verstehen uns aufs Dissen von Kerlen. Ich komme mir etwas arschig vor, weil ich mich zum Schreiben zurückziehe statt mit den anderen zu feiern und dauernd müde bin. Schließlich habe ich mich so gefreut, alle wiederzusehen. Zwei Minuten nachdem ich das F. gebeichtet habe, kommt A. ins Zimmer hinein und schnaubt: „Ich will jetzt einfach nur lesen und mit keinem reden.“ Wir schlafen also im Misanthropenzimmer auf dem Boden, während der Großteil der Reisegruppe im Wohnzimmer Platz findet. J. schläft nicht gern auf Sofas, das muss ich mir merken. Er, N. und ich reden an einem Abend über Traumata und deren Behandlung. Akute Probleme bereiten aber eher die Kniebeugenklos und das ganze Auf-dem-Teppich-Gehocke. Darum kenne ich wahrscheinlich so viele IranerInnen mit Knie- und Haltungsschäden. Andererseits ist es echt heimelig, im Kreis zusammen auf dem Perserteppich zu mampfen. Weil wir keinen Ort finden, an dem wir gemeinsam schwimmen können, muss sich die Gruppe mal wieder in Männlein und Weiblein einteilen. Die Jungs plantschen halbnackt im Meer herum, während die Mädels komplett bedeckt schwimmen müssen und mehrfach von der Polizei auf nackte Haut wie etwa N.s „zu weiß leuchtende Schultern“ hingewiesen werden.

Wenn man abends auf der Holzpaletten-Veranda sitzt, frische Pfirsiche isst und entfernten Gewitterwolken lauscht, ist es so friedlich wie auf der Alm. Ab und zu kommt ein neugieriges Kalb vorbei oder ein paar Hühner zeigen den Küken wie man durch den Nachbarszaun entwischt. Seit die Internetverbindung und der Strom weg sind, lesen die Leute Bücher oder unterhalten sich. Mit großer Mühe schaffen es die lila Abendwolken, ein paar Regentropfen herauszuquetschen.

Einer der Mohammads weckt die Gruppe viel zu früh auf, weil er einen Termin in Teheran hat, von dem wir nichts wussten. Ich bitte F. darum, wenigstens A. und mich auspennen zu lassen, weil das Bad sowieso erst einmal von zehn anderen blockiert wird. Dies führt zu einer Diskussion auf Persisch, angeschrien gegen den Staubsaugerlärm – also Ziel „auspennen“ verfehlt. A. springt verwirrt auf, als müsste das Haus evakuiert werden. Während F. und B. eines der klapprigen Autos zur nächstgelegenen Werkstatt bringen, packen alle anderen ihre Rucksäcke. Wir sind gerade fertig damit, als Bullen in Zivil vorfahren. Irgendein Nachbar hat uns wohl verpfiffen, denn gestern hat B.s Boombox mal wieder alles gegeben. Die Sicherheitspolizei will unsere Reisepässe sehen. B.s Grasreste liegen noch unterm Sofa neben der Anlage, Wodka steht im Kühlschrank. Wir haben keine Zeit mehr, irgendetwas zu verstecken, weshalb M. nach draußen geht und sein ganzes diplomatisches Geschick aufwendet, um die Bullen draußen zu lassen. Der Hausbesitzer hätte bei der Polizei melden müssen, dass er ausländische Gäste hat, erklärt uns M., während er unsere Pässe einsammelt. „War einer von euch mal in Israel?“, fragt er. [Ich finde es seltsam, dass er nicht „besetztes Palästina“ sagt wie alle anderen. In iranischen Pässen steht geschrieben, dass es dem Besitzer des Dokumentes verboten ist, ins besetzte Palästina einzureisen. In Deutschland können F. und ich nicht einmal Granatäpfel einkaufen, ohne darüber zu diskutieren, ob die nun wie ausgeschildert aus Israel seien oder aus Palästina. Meiner Meinung nach war die UN-Resolution von 1947 die beste Lösung, an die man sich hätte halten sollen; seiner Meinung nach die einzige.]

Bis auf D. und mich geben alle ihre Pässe ab. D.s Pass liegt in B.s Auto und ich habe einfach keinen Bock. Die Männer sind schließlich in Zivil und ich habe deren Ausweise auch nicht gesehen. Da kann ja jeder kommen. M. richtet aus, dass sich alle vernünftig anziehen sollen. Gestern sind wohl ein paar Leute im Schlüpper durch den Garten gerannt. Der sei zwar Privatgelände, aber die Nachbarn können alles sehen. Wie sehr man sich denn an die Kultur des Gastlandes anpassen müsse, lautet die Frage, die uns immer wieder beschäftigt. Gerade wir Frauen haben es schwer, die Balance zu halten zwischen Höflichkeit und Menschenrecht, zwischen Zurückhaltung und „Dann guck halt weg, du Arsch.“ Die Sicherheitspolizei macht sich vom Acker, ohne die Wohnung durchsucht zu haben. Das verdanken wir auf jeden Fall M. und der Tatsache, dass F. und B. nicht auch noch dazustoßen, sondern später aus der Werkstatt kommen.

ChadorFakeImmigrationPolice
Euer Ernst? Die Immigrationspolizei fotomontiert mir einen Chador übers Passfoto.

Auf dem Rückweg stoppen wir bei einer Polizeistation, weil D. und ich unsere Pässe nachreichen müssen, um mehr Ärger zu vermeiden. Ein Beamter schreibt meinen Namen falsch aus dem Pass ab, der andere fordert mich auf innerhalb des Gebäudes Chador zu tragen, was ich ablehne. F. regt sich übertrieben auf wie „die Touristen, die Geld ins Land bringen und Jobs finanzieren hier behandelt werden“. Er wirft den Chador zurück und sagt mir, ich solle draußen warten, während H. meinen Pass vorzeigen geht. „So ein bisschen freier Hals und Nacken macht die schon rattig hier, ist ja widerlich“, schimpft F., als wir die Polizeistation verlassen. Es wundert mich überhaupt nicht, dass er wegen seines Protests gegen Kleidungsvorschriften damals von der Uni geworfen wurde.

CPJ_KurdischesKopftuch.png

U., A., N. und ich tragen unsere Kopftücher inzwischen wie der Religionsführer (Chameini, Chomeini, Ernie oder Bert) oder wie kurdische Frauen es traditionell tragen, nämlich als Kranz um den Kopf gebunden. Denn F. hat uns beim Frühstück erzählt, dass Kurdinnen hier gefürchtet werden, da sie oftmals bewaffnet sind. Das war uns recht sympathisch.

Auf der Rückfahrt läuft im Auto Justin fucking Bieber. Als Protest gegen die Religionsführung ist wohl jedes Mittel recht, auch der schlimmste Pop-Müll. Es gibt Imams, die ernsthaft behaupten, dass man von westlicher Musik HIV bekommt. Frauen, die ihre Kopftücher nicht vorschriftsmäßig tragen, werden übrigens jede Nacht vom Teufel vergewaltigt und nach ihrem Tod in der Hölle an den Haaren aufgehängt. Das sagt natürlich mehr über die perversen Phantasien mancher Imams aus, als über das Verhalten der Frauen.

Den Abend verbringen M., F. und ich in einer illegalen Reliun-Bar (=Schischa-Bar) in den Bergen; reden über Gott und die Welt. F. ist Atheist, ich Agnostikerin – „Also Opportunistin“, findet F. – und M. glaubt an Gott, wenn auch nicht an den Islam. „Schau dich doch mal um“, sagt er. Granatäpfel wachsen an den Bäumen am Felshang; die Sonne geht hinter den Bergen unter; der im Sommer fast ausgetrocknete Fluss schleicht sich durch die Schluchten. „Das hat doch irgendwer kreiert, vielleicht keine Person, aber eine Kraft, eine Intelligenz.“

photo_2017-08-30_01-02-341.jpg
„Das intelligente und mutige Volk Irans spielt die Hauptrolle in der globalen Zivilisation.“ Na ja, wenn Fresh Dumbledore das sagt, wird es wohl stimmen.
photo_2017-08-30_01-02-22
Die Islamische Republik erinnert einen freundlicherweise alle 200 Meter Autofahrt daran, in welchem Land man sich gerade befindet.

____________________________________________________________________________________________

*Ich empfehle TouristInnen, den schwarzen Tee unbedingt mit Wasser verdünnt zu trinken, denn sonst ist man die ganze Nacht hellwach, hat Schwindelanfälle, Brechreiz und die Zunge verbrennt man sich sowieso, da persischer Tee kochend heiß getrunken wird. Außerdem verursacht zu viel schwarzer Tee einen Eisenmangel, der zu Anämie (Blutarmut) führen kann. Ich habe das auf die harte Tour erfahren, also hört lieber auf mich.

** Mohammad, der Name des Propheten, ist der häufigste Jungen-Vorname in islamischen Ländern, vergleichbar mit Michael und Christian in Deutschland. Da der Name im Islam als heilig angesehen wird, darf man ihn nicht ändern lassen. Viele Mohammads, Muhammads und Mohammeds sind aber Atheisten und mögen ihren Namen nicht. Spitznamen wie Momo oder Hamed sind daher weit verbreitet. In Deutschland können ImmigrantInnen und Geflüchtete schon lange ihre Vor- und Nachnamen „eindeutschen“ lassen. Einerseits fördert dies die Integration, andererseits werden durch das Eindeutschen rassistische Strukturen einfach nur übertüncht, statt an der Wurzel behandelt.