Iran Reisejournal – Teil 2: Kaspisches Meer

Auf ans Meer! (© Dr. Dread)

Rasht, „Stadt des Regens“, August 2017

Alien mit Hoodie statt Hijab.

Den Großteil der ersten zwei Wochen im Iran verbringen Familie, Freunde und ich im Norden. Statt Kopftuch und Mantel trage ich die meiste Zeit meinen David Bowie-Kapuzenpulli. Doof angeguckt werde ich als offensichtliche Ausländerin sowieso.

Wir verbringen ein verlängertes Wochenende in einem Ferienhaus direkt am Meer. Wochenende ist hier Donnerstag und Freitag, was mich immer noch verwirrt. Die Ferienhäuser werden vor allem für pensionierte Regierungsmitarbeiter reserviert. Überall in der Stadt und auf dem Gelände hier sieht man Schilder wie: „Schwester, das Kopftuch ist keine Einschränkung, sondern Schutz.“ Das ergibt natürlich überhaupt keinen Sinn, da Schutz eine Form von Einschränkung ist. Nur zu gerne tauscht man doch einen Teil der eigenen Freiheit für Sicherheit ein [→gesellschaftlicher Vertrag, siehe dazu → Hobbes; → Locke; → Rousseau]. Am beknacktesten sind aber die vielen Plakate und Banner, die Frauen als wehrlose Beute darstellen, zum Beispiel als Süßigkeiten oder reine Diamanten… während die Männer mit Fliegen oder sonstigen Viechern verglichen werden, anscheinend keine Selbstkontrolle kennen und allesamt den Lörres nicht in der Hose behalten können.

Ghostbusters! Nananana… nope, just another poster promoting hijab and chador.

Das Meer wurde durch Holzpfähle und LKW-Planen in Badebereiche für Männer und Frauen aufgeteilt. (Allahs Wille, angeblich. Hätte er ja selber machen können, wenn es so wichtig wäre, oder?!) Bevor M. und ich zum Frauenstrand können, werden wir von einem sehr desinteressierten Mädchen am Eingang kontrolliert. Es ist von Vorteil, keine Kamera und keinen Penis dabeizuhaben. Männer scheinen für den Islam irgendwie fies und dreckig zu sein, wie Hunde oder Schweine. Hinter der Absperrung dann das Lesbenparadies: Nackte Frauen ölen sich ein und planschen im niedrigen Wasser herum. Aber im Iran gibt es ja gaaar keine Homosexuellen, findet zumindest Ex-Präsident und Witzfigur Ahmadinedschad.

Im mickrigen Badebereich patrouillieren Bademeisterinnen wie im Schwimmbad. Sie achten darauf, dass keine über die Absperrung hinausschwimmt. Eine von ihnen belehrt mich lange auf Farsi. Ich warte geduldig, bis sie fertig ist und antworte dann mit: „Do you speak English?“

Sobald M. erklärt, dass ich Ausländerin zu Besuch im Iran bin, bildet sich eine Frauentraube um ums. Das Wasser ist so klar, dass ich Fischschwärme entdecken kann. Exotische Vögel bewegen sich beim Fischfang wie Robben hinter der Absperrung. M. wirft einen Blick hinter den Vorhang, doch die Männer sind so weit entfernt, dass sie auch Enten sein könnten. Als Ausländerin genieße ich hier Sonderrechte, werde sogar hinter die Absperrung gelassen. Die Sonderbehandlung nervt ziemlich, auch wenn sie gut gemeint ist.

Während M. mit ein paar anderen Schwimmerinnen über die Hijab-Regeln schimpft, lerne ich N. und P. kennen, zwei Teenager-Mädels aus Teheran, die sehr gut Englisch sprechen. Als Europäerin mit blauen Augen und Tattoos werde ich hier beobachtet wie ein exotisches Tier im Zoo. N. und P. wollen die Welt bereisen, wenn sie erwachsen sind. Glücklicherweise scheint die Mutter der beiden relativ liberal drauf zu sein und wird die Mädels wahrscheinlich nicht an irgendwelche alten Säcke zwangsverheiraten. Ich hoffe, dass ich N. und P. mal auf Reisen wiedersehe, zum Beispiel in Kanada, wo sie Familie haben.

IranerInnen sind so unglaublich freundlich und interessiert an Fremden. Genau das Gegenteil der Machthaber im Lande. Die Visa-Bürokratie und Faxen der Sicherheitspolizei machen AusländerInnen das Reisen absichtlich schwer; da wundert es null, dass so ein vielfältiges und spannendes Land kaum TouristInnen hat. Außerdem nervt es hart, dass frau nirgendwo alleine hingehen kann. Entweder muss eine Aufpasserin dabei sein oder der Macker. Alleinsein zu wollen wirkt auf andere kauzig und suspekt. Wie in Brave New World oder 1984.

Instant happiness: Überbiss-Bro Puppy.

An einem Abend besuchen wir M.s Nichte. Ihr Vater ist im Iran-Irak-Krieg gestorben; seitdem ist sie für M. eher wie eine Tochter. Die Nichte wohnt mit ihrem Ehemann und einem einen fluffigen, niedlich-hässlichen Terrier zusammen, obwohl Hundehaltung verboten ist. Man sieht viele Hunde am Straßenrand verenden oder völlig verwahrlost in Mülltonnen nach Essen suchen, weil sich nur wenige Menschen trauen, ihnen nahezukommen und sich um sie zu kümmern. Während F. und ich mit dem überbiss-gesichtigen, energiegeladenen Vierbeiner spielen und Tee trinken, läuft die Glotze nebenbei. Über Satellit (auch verboten, aber alle scheißen drauf) kann man hier ausländische Nachrichten, Serien und schrecklich kitschige Musikvideos schauen. Auf einem Kanal redet ein Dicker im lila Seidenhemd davon, dass er für 10 000 € quasi jedes Visum besorgen könne. „Human trafficking“, kommentiert F. trocken. Ich hatte mir Schlepper eher wie kernige, vernarbte Piraten vorgestellt und nicht wie diesen Trauerkloß, der aussieht als könne er vor Selbstverachtung schon lange nicht mehr in den Spiegel schauen. Es ist wie Teleshopping mit anschließender Kaffeefahrt ins Nirgendwo.

Traue niemals einem Typen im Satinhemd.

 

Uuuund in der nächsten Folge: Der „Elbenwald“ von Teheran; Reise nach Massal („the heaven of Iran“); wo man was zu Saufen herbekommt; warum es ratsam ist, wie Kurdinnen rumzulaufen; erstes Treffen mit der Sicherheitspolizei (yeeah); Teufelsmusik und noch viel mehr…