Bela B auf der Lit.Cologne: Ob er schreiben kann, ist doch egal

Foto: Anna Pia Jordan-Bertinelli

Bela B hat ein Buch geschrieben. Da ich wie so viele andere mit seiner Musik aufgewachsen bin, fühlte ich mich dazu verpflichtet, seinem Debütroman „Scharnow“ eine Chance zu geben. Als eine, die selbst schon ein paar Publikationen auf dem Buckel hat und auch immer mal wieder Texte lektoriert, kritisiere ich aber innerlich an Belas Roman herum und erwarte vielleicht zu viel.

Dabei ist es doch völlig egal, ob Bela B ein guter Autor ist oder nicht. Denn er ist bereits als Musiker, Schauspieler und nicht zuletzt als Hörbuch- und Synchronsprecher erfolgreich. Vorlesen, das kann er. Die umfangreiche Elvis Presley-Biographie „Last Train to Memphis“ hat er eingelesen, John Nivens „Kill Your Friends“, den Mephisto aus „Urfaust“ gesprochen und viel mehr. Die Lit.Cologne 2019 ist deswegen auch nicht seine erste.Weiterlesen »

Forough Book in Köln: Indie-Verlage stellen sich vor

Die interkulturelle Buchhandlung Forough Book in Köln und der Verlag Parasitenpresse laden anlässlich des „Indie Book Day“ am 30. März kleine Verlage ein und stellen sie dem Publikum vor.

Für die Verleger*innen, Autor*innen und Buchhändler*innen, die ich dort treffe, ist Kunst tatsächlich wichtiger als Kommerz, was im heutigen Literaturbetrieb einerseits wahnsinnig schwer umzusetzen ist, andererseits hat es die Szene gerade aber auch bitter nötig.

Forough Book veranstaltet nicht nur Literaturevents, sondern verlegt auch Bücher von Exil-IranerInnen, deren Texte in ihrem Heimatland zensiert werden oder ganz verboten sind.

Viele gebildete Iraner*innen sind bereits zu Zeiten der Islamischen Revolution (1979) und des Iran-Irak-Krieges (1980er) nach Deutschland gekommen, wenn sie es sich leisten konnten. Ihre Kinder sind hier geboren und manche von ihnen waren noch nie im Iran, weil man bei der Einreise nicht sicher sein kann, ob man das Land auch wieder verlassen darf.

Die Kinder dieser 1980er-Generation von Exil-Iraner*innen können zwar oft gesprochenes Persisch verstehen, aber nicht das arabische Alphabet lesen. Damit ihnen die mannigfaltige persische Literatur nicht vorenthalten bleibt, gibt Forough Books auch persisch-deutsche Bücher heraus. Genau richtig für diejenigen, die zweisprachig aufgewachsen sind oder gerade eine der beiden Sprachen lernen. Ich bin jetzt jedenfalls motiviert, noch mehr Bücher von iranischen Autor*innen zu lesen.

Der Jura-Dresscode

Photo1

 

Am Jurastudium interessiert mich natürlich am meisten das internationale Recht, Copyright in Zeiten von KI und der jeden Tag aufs neue überraschende Modestil meiner KommilitonInnen. Die Russinnen kamen heute mal wieder in Seidenpyjamas und Pelzmänteln in die Vorlesung, dabei ist es nicht mal kalt. Ich finde die Style-Orgien meiner KommilitonInnen allerdings überhaupt nicht bescheuert, sondern kreativ.Weiterlesen »

Bologna für Bibliophile

Nach dem Shakespeare & Company Bookshop in Paris und dem Temple Bar Viertel in Dublin einer der besten Orte zum Schreiben, die ich je betreten habe.

IMG_20170406_1609401

Nach einigen Minuten Anmeldungsbürokratie kann man in Ruhe arbeiten und studieren. Wer mit seinen Patschehändchen an Original-Bücher von Kopernikus & Co heranwill, wird jedoch enttäuscht.

photo_2017-04-15_20-50-21

Die Universitätsstadt Bologna ist voll von wunderschönen Archiven, Bibliotheken und Lernsälen. Häufig finden Bücher- und Comicconventions statt. Wer kein Italienisch spricht, ist allerdings aufgeschmissen. Die meisten ItalienerInnen verstehen nämlich nur wenig bis gar kein Englisch, stattdessen wiederholen sie einfach lauter und schneller, was man vorher schon nicht verstanden hat.

photo_2017-04-15_20-50-33
Die antiken Bücher werden selbstverständlich nicht ausgeliehen, aber man kann einen Blick hineinwerfen, wenn man sich an die Sicherheitsvorkehrungen hält und etwas Geduld mitbringt.

photo_2017-04-15_20-51-15
Absolute Ruhe: In der Prüfungszeit ist so gut wie jedes Café in Bologna voll von paukenden Studierenden. Hier im Archiv kann man sich auch während der Klausurphase konzentrieren.

Übrigens: Die Italiener übertreiben es ein bisschen mit Ostern.

Happy Zomie Jesus Days to all readers!

Feels good to be home 💜🍷🐯

 

 

Eurocalypse Now

Ein klassisches Cover in Zeiten der Krise.
Ein klassisches Cover in Zeiten der Krise.

Wenn ich noch ein einziges verdammtes Mal ein Nachrichtenmagazin oder eine Zeitung mit folgendem Titelbild sehe, werde ich einer großen deutschen Mediengesellschaft höchstpersönlich in die Druckertinte kacken:

💩 Bankautomat mit griechischer Aufschrift, vor dem wahlweise eine alte, traurige Frau oder eine wartende Menschenmenge steht

💩 Die Akropolis in Trümmer gephotoshopped

💩 Die griechische Flagge mit einer schmelzenden oder zerbrechenden Euromünze darauf, daneben, darüber, darunter

💩 Angela Merkels bleischwere Mundwinkel über einem apokalyptischen Athen, durch dessen Erdrisse Euros fallen, gekrönt von einer zerfetzen Griechenlandflagge

WTF.Medien2
Griechenlandgrusel am Bahnhofskiosk – ein Fall für die Kategorie „Judging a Book by its Cover“

 

 

 

Leider nein, leider Nazi*

In meinem Leben herrscht gerne mal das Chaos, in meinen Bücherregalen ein striktes System. Eines für eigenen Kram, eines für Comics/Mangas/Graphic Novels und das große, spezialangefertigte, jeden Umzug enorm verkomplizierende Regal meines Vaters, in dem die Bücher wohnen.

Ganz unten stehen die Bücher, die mir irgendwie peinlich sind, obwohl ich sie mag oder mal mochte: Selbstfindungsgesabbel von Hanif Kureishi, Vollidiot von Tommy Jaud (jup, sowas fand ich mit 14 cool), die Star Wars-Saga nacherzählt, The Tribe (immerhin die Erfindung der Future-Soap!) und selbstverständlich Sailor Moon (mit den Teilen habe ich lesen gelernt).

Das Fach über den Peinlichkeiten ist allein der Forschung und der Lehre gewidmet: Wörterbücher, Studienratgeber, Crashkurs Türkisch (hab ich noch nie reingeschaut), Spanisch in 30 Tagen (fast alles verlernt), Grundwortschatz Italienisch (= „Uno quarto litro de vino rosso por favore!“ …oder so ähnlich) und dann Reclam, Reclam, Reclam, wiiiinzige Schrift.

Eine 1930er Ausgabe von Mein Kampf direkt nebenb dem BMKomplex
Anfang 2011 war die Regal-Welt noch ok

Ganz oben stehen meine Lieblingsbücher, eine Etage tiefer Bücher aus der Kategorie „Muss man mal gelesen haben“ und das fünfte Fach, ganz in der Mitte, ist die Abteilung für politische Literatur. Eine 1930er-Ausgabe von Hitlers Mein Kampf** steht abgewetzt und tiefschwarz demonstrativ neben Marx‘ grellrosa Kapital.

Seit kurzer Zeit habe ich in eben jenem Fach eine Ecke nur für Autoren und Autorinnen, die ich mal mochte, bis sie anfingen, rechtspopulistischen, menschenverarchtenden Scheißdreck zu schreiben und/oder bei Interviews von sich zu geben. Kurz nachdem Günter Grass‘ sogenanntes “Gedicht“ Was gesagt werden muss veröffentlicht wurde, wanderte die Blechtrommel gaaanz nach rechts in die Ecke. Akif Pirinçcis Katzenkrimis (z.B. Felidae) habe ich als Kind geliebt, doch als im März 2014 sein Buch Deutschland von Sinnen erschien, in dem er gegen Homosexuelle, Frauen und Migranten wettert, musste in meinem Bücherregal wieder umsortiert werden.

Wenn Freunde mich besuchen kommen, nenne ich diese Ecke liebevoll meine Naziecke. Bücher, die dort stehen, werden zum „Mein Kampftrinken“ benutzt, ein Trinkspiel, dass 2011 in meiner ersten eigenen Bude erfunden wurde. Man sucht sich z.B. einen gewissen Text der, sagen wir mal, ausländerfeindliche Tendenzen enthält und trinkt dann Shots auf die wunderbaren Wörter „Wohlstandsmigration“, „Gutmenschentum“ und „gesunder Patriotismus“. Versprochen: Nach maximal zehn Seiten ist die ganze Runde besoffen.

Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab musste ich der Schulbibliothek zurückgeben, nachdem ich es über zwei Jahre lang bei mir zu Hause gebunkert hatte. Signiert. Ich habe Herrn Sarrazin damals gefragt, ob er verstehen könne, warum so viele Leute da draußen (es gab eine große Gegendemo) sauer auf ihn sind. Daraufhin bezeichnete er die DemonstantInnen und mich, die normal Eintritt bezahlt und zugehört hatte, als Linksfaschisten. Natürlich bin ich darauf immer noch ein bisschen stolz. Wenn ein Thilo Sarrazin dich scheiße findet, hast du eigentlich alles richtig gemacht.

Nun frage ich mich natürlich, warum so viele Autoren und Autorinnen im Alter nur noch wirres Zeug sabbeln. Dass dies kein rein männliches Dreiviertel-Live-Crisis-Phänomen ist, hat Sibylle Lewitscharoff ja eindrucksvoll bewiesen.

„Was gesagt werden muss“, „Man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass…“, „Einige meiner besten Freunde sind Ausländer!“, „Ich habe nichts gegen Ausländer/Homosexuelle/Juden/Moslems/usw., aber…“ Warum bedienen sich sogenannte Intellektuelle dieser Klischeephrasen? Man fragt sich doch, ob das abebbende Denkvermögen bereits den Lebensabend ankündigt oder ob diese Ideen schon seit viel längerer Zeit durch die Köpfe der Greise geistern. Hat es etwas mit ihrer Geschichte und Generation zu tun oder ist es einfach Altersstarrsinn? Wie viele Bücher werden noch von anderen Regalfächern in die „Leider nein, leider Nazi“-Ecke umziehen müssen? Werden wir auch Arschlöcher, wenn wir alt sind?

Wie gerne hätte ich eine Antwort auf diese Fragen parat, doch leider kann man nur abwarten und hoffen, dass die Alten (z.B. Martin Walser, aber auch Henryk M. Broder) nicht weiter nach rechts rücken. Europa hat zur Zeit mehr als genug Rechtspopulismus-Müll zu bieten (in Österreich, Frankreich, Deutschland, der Ukraine, im Süden, in Skandinavien,…) und mein Bücherregal nun leider auch.

FUßNOTEN/RECHTLICHES:

*Huch, habe ich jetzt etwa bekannte Autoren mit guten Anwälten ist die rechte Ecke gestellt? Ja, das habe ich. Aber nur symbolisch in meinem privaten Regal.

**Adolf Hitlers „Mein Kampf“ ist verboten? Nicht in allen Fällen. Als ehemaliger Vorsitzender der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit e.V. (AC) hat mein Vater das Buch lesen müssen und ich habe es vor dem Mülleimer gerettet, obwohl es vermutlich keinen besseren Ort dafür gibt.

Editing everything – Die Hochglanzcover-Horrorszenarien

Das Titelbild der Spiegel-Ausgabe 39/2014 wirkt wie ein B-Movie-Filmplakat.

Ein Thema wie geschaffen für ein Blog namens CyberpunkJournalism: Dystopie drauf, Journalismus drin und der Hintergedanke gilt, mal ganz was Neues, den Verkaufszahlen.

Im obigen Fall ist das Titelthema alles andere als witzig, aber die Hochglanz-Retuschier-Apokalypse á la Zombiefilm-Kinoplakat zieht es ins Lächerliche.
Der Spiegel bedient sich mit diesem Titelbild (und vielen davor) einer ganz einfachen Verkaufsmasche, die immer funktioniert: Angst. Und wovor haben Menschen am meisten Angst? Vor Krankheiten, Krieg… und dem Fremden ganz allgemein. Aber nicht nur Angst und Unsicherheit lassen die Kassen klingeln.
Die Ärzte besangen das Phänomen so:

„(…) Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der BILD.
Und die besteht nun mal, wer wüsste das nicht,
aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht!“

Nun hat die BILD bekanntlich nicht die Weisheit gepachtet und viele andere Zeitungen und Magazine tun es ihr darum nach:

Angst vor…   Salafisten? Check. Ebola? Check.
(s.o. und frühere Ausgaben)

Hass auf…    Putin? Check. Religion? Check.
(z.B. der umstrittene Spiegel-Titel „Stoppt Putin jetzt“)

Nackte Frauen wie aufs Cover bekommen…? Medizinische Beiträge oder so, fällt bestimmt nicht auf (vergleiche dazu diverse Stern-Cover).

image

 

 

 

 

 

Sex, Doofheit und Verbrechen verkauft sich supi, am besten natürlich als unheilige Allianz. Ein Beispiel gefällig? Bitteschön: Die „Peniskuche-Affäre“ der NPD: http://www.focus.de/politik/deutschland/partybilder-werden-zum-verhaengnis-npd-general-ruecktritt-nach-peniskuchen-fotos_id_3749254.html  und http://jungle-world.com/artikel/2014/13/49582.html

Sex sells, das ist bekannt. Das war aber noch nicht alles: Ein bisschen Krieg ist verdammt gut für die Verkaufszahlen. Denn: Je näher der Krieg (oder die Krankheit) ist, desto weniger kann man ihn ignorieren (vgl. dazu auch https://cyberpunkjournalism.wordpress.com/2014/09/30/genies-und-idioten-der-literaturgeschichte-1/) und je mehr man darüber erfährt, desto verwirrter ist man. Aber zum Glück leben wir im Informationszeitalter, sodass man noch mehr lesen, hören, anschauen kann und danach noch verwirrter ist. Dann wünscht man sich nur noch eines: Eine ganz simple Antwort. Mit Schwarz und Weiß und ohne diese komplizierten Grauzonen, ohne diese grundverschiedenen Meinungen und Perspektiven.

Heutzutage kann man sich seine Wahrheit sehr bequem selbst aussuchen: Mainstreammedien sind Müll, kann man sagen, und dann glaubt man eben nur noch das, was Opa Herbert jeden Tag in seinen Verschwörungstheoretiker-Videos brabbelt. Denn es ist so schön einfach. (siehe dazu auch https://cyberpunkjournalism.wordpress.com/2014/09/30/typisierung-verschwoerungstheoretiker/)

Alternativ kann man aber auch ganz schön „alternativlos“ sein, indem man sich von einem bis zur Unkenntlichkeit retuschierten Titelbild eines Magazins oder einer Zeitung sagen lässt, vor wem man Angst haben, wen man hassen und wen bzw. was man sexy finden soll. Stern, Times & Co. tun eigentlich nichts anderes als die Glamour und der Playboy: Alle spielen mit Extremen, schmeißen mit Superlativen um sich – für ein bisschen Aufmerksamkeit. Ein ständiger Wechsel zwischen Utopie (Karriere, Kohle, Kaufkraft) vorseuseln und Dystopie (Armut, Angst & Alleinsein) beschwören, zwischen Paradies und Hölle auf Erden.

Gut, dass man – hat das Cover dem durch permanente Reizüberflutung buchstäblich genervten Gehirn erst einmal „kaufen“ signalisiert – hinter den groß aufgemachten, glänzenden Titeln dieses eher unscheinbare und unattraktive Dings findet, diesen… Inhalt.

 

Es geht um das tolle Gefühl, das Wertvollste von den Menschen zu bekommen, das sie heute haben – Aufmerksamkeit.

Und beim Schreiben müssen Sie wissen, dass es mit einem Artikel möglich ist, Menschen zu verändern. Ob es über einen Hartz-IV-Empfänger ist oder über einen Superstar. Das ist ein unglaubliches Geschenk, wenn man es richtig macht.

Dr. Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung,
† 12. Juni 2014