Bologna Journal: Kann frau noch zurück nach Schland?

Wenn ich deutsche Nachrichten lese, kann ich mich gar nicht mehr entscheiden, von wem ich mich nach meiner Rückkehr aus dem Wahlexil an den Herd ketten lassen soll. Von einem russlanddeutschen Teilzeit-Frauenrechtler, einem deutsch-deutschen Hooligan, einem Journalisten der Springer-Presse, Politiker des AfD – CSU – Spektrums, einem Islamisten oder doch lieber von einem Z-Promi (Eva Herman, Akif Pirinçci, …)?

Sollte ich vor meiner Rückkehr sicherheitshalber einen blonden Mann ehelichen, endlich kochen lernen oder sonst etwas in der Richtung? Frau muss sich ja auch erst mal ein bisschen anpassen, bevor sie den sogenannten Schutz verdient hat, der ihr gerade von allen Seiten angeboten wird.

‚Mein‘ McFit-Brad Pitt ist ja eher so ein Homo Faber. Ich frage ihn per Sms, was zur Hölle gerade in ‚Schland abgehe. Er schreibt: „Hier ist jeder besorgt von seiner bevorzugt verhassten Bevölkerungsgruppe schäbig gesäbelt zu werden.“ Apropos, er habe sich gerade an einem Konservendosendeckel den Finger aufgeschnitten, gebe sich aber Mühe, jedwede Amputationen von Gliedmaßen zu vermeiden, bevor ich aus dem Auslandssemester zurück sei. Was war bei mir so los?

Eine Party mit durchgehend dreisprachigem Gelalle – Italienisch, Englisch, Deutsch. Der iranische Partner einer Freundin fing nach ein paar Gläsern an, rassistisch zu werden. Die meisten Iraner seien konservative Nationalisten, bestätigte er. „Und als ein Schwarzer bei mir in die WG eingezogen ist, bin ich unter einem Vorwand ausgezogen.“ Er brabbelte noch ein bisschen vor sich hin, bis seine Freundin ihn ausschimpfte.

Mit einem Typen, der Feministinnen für „ungefickte Kampflesben“ und „behindert“ für ein gutes Schimpfwort hielt, habe ich letztens Schluss gemacht. Im Internet versuchen mir Fremde mit sexueller Gewalt zu drohen. Was ist nur los mit den Leuten in letzter Zeit? Befinden wir uns im geheimnisvollen Mayakalender-Zyklus des großen Vollpfosten? In was für ein Deutschland komme ich zurück und will ich danach wirklich meine Erasmus-Freundin auf Lesbos besuchen, wo Leichen am Strand liegen, aber TouristInnen stur weiterfeiern?

In eigener Sache: Blogpause

Seit ein paar Tagen befinde ich mich im Zwangsurlaub: Bis ich wieder einen (eigenen) Computer habe, kann ich nur selten bloggen und antworte eventuell später auf Nachrichten. Immerhin funktioniert die Schreibmaschine, sodass ich später nur noch mit Texterkennungsprogramm digitalisieren anstatt alles abtippen muss. Die Auszeit passt eigentlich ganz gut, da gerade irgendwie die meisten meiner Lieblingsmusiker und -Schauspieler an Krebs sterben… und ich nicht pausenlos Nachrufe schreiben will.

See/read you soon!

mk

Bologna Journal: Be an Erasmus student, they said. It will be fun, they said.

Welcome to Political Sciences...
Foto: WG-Eigentum. Peinliche Herztasse und rosa Lampe: WG-Eigentum. Tattoos: The Sinner And The Saint. Make-Up Artist: Verzweiflung und Müdigkeit.

Falls meine LeserInnen [hey, ich hatte letztens 400 an einem Tag – war das ein Bot-Angriff?] sich fragen, warum gerade keine neuen Einträge bzw. Artikel kommen: An Ideen mangelt es nicht. Tut es nie.

Doch gerade singt in meinem Kopf die Flagge der NATO: „Oh, it’s a dirty job, but someone’s gotta do it…“

Mittlerweile bin ich mir sicher, dass es ein Anflug von Größenwahn war, der mich vor drei Monaten dazu  verleitet hat, ein Master-Seminar in Politikwissenschaft zu belegen. Die Lektüresammlung ist ein Backstein aus Oxford- und Cambridge-Texten. Ich bin Bachelor-Studentin in Kreativem Schreiben und Kulturjournalismus. Mein Gehirn ist darauf ausgerichtet, Zeug zu erfinden oder zu beschreiben, nicht abzuspeichern. Andererseits ist das Einarbeiten in fremde Themengebiete ja gerade das Geile an Journalismus und Literatur.

Vom Marshall Plan 1947 bis zur Flüchtlingskrise 2015 muss jetzt alles nicht nur rein, sondern auch sitzenbleiben wie fette, sture Punks bei der Straßenblockade. Zu spät merke ich, trotz dunkler Vorahnung, dass mein Nebenfach Kulturpolitik mich niemals auf das hier hätte vorbereiten können. Ich hätte jetzt echt gerne die Ritalin-Pillen, welche anscheinend die komplette Stufe 13 außer mir verschrieben bekommen hat, als damals vor den Abiprüfungen plötzlich alle gleichzeitig mit ADHS diagnostiziert wurden. Hach, Leistungsdruck, du süßer, du.

Obwohl die letzten Zeilen vor Selbstmitleid nur so triefen, bin ich eigentlich dankbar für diese Chance. Denn ich studiere quasi alles, was mich interessiert: Politik, Literatur, Journalismus, Kultur, Kunst, Sprachen, Geschichte… verdammt, ein Dozent hat es sogar geschafft, mich für Webdesign zu begeistern. In der Schule war Lernen Quälerei, jetzt ist es ein Geschenk. Eines, das ganz viele andere junge Menschen (vor allem Mädchen!) nicht bekommen, obwohl sie es bestimmt sehr viel mehr zu schätzen wüssten als ich und tatsächlich lernen würden, anstatt einen Blogeintrag darüber hinzuschmieren.

Im Hintergrund läuft gerade eine italienische Soap, in der eine besonders nervige Dramaqueen laut und durchgehend heult. Das Gehirn meiner Mitbewohnerin braucht Kurzurlaub, denn sie arbeitet ansonsten durchgehend an ihrem PhD in Chemie. Ich rede ihr und mir gerne ein, dass sie irgendwann Krebs heilen wird. You go, girl!

Während die Soap-Sirene also im Hintergrund heult, stolpere ich über Absätze wie diesen hier:

„In addition to gratitude for America’s security guarantee [US and Canada for NATO etc.] and the idea that some member states enjoy a ’special relationship‘ with the US, it explains why elites and public opinion in several European countries consider aligning themselves to American views and positions a normal reflex being part of their identity. It explains why practically every proposal for a common foreign policy initiative was and is reviewed by several EU member states against what could be called the ‚what do the Americans think?‘ test.“ – Keukeleire and Delreux in The Foreign Policy of the European Union (updated in 2014)

Oder diesen:

„[…] The values of solidarity, of tolerance, of inclusiveness, of compassion are an integral part of European integration. We cannot give up on them, especially now that ugly racist pulsions are surfacing again; and that fighting against poverty is becoming critically important to prevent whole societies falling prey to radical and terrorist tensions.“ – Javier Solana, 2002

„Well, that didn’t work.“ – Mkay, 2015

And with this… I’m out. Lernen und so.

PS: Ich glaube, die Dramaqueen hat soeben ihren Dramaking gefunden. Es läuft kitschige Fremdschäm-Musik. Wenn die mit Heiraten hinne machen, kann ich gleich in Ruhe weiterlesen.

Du bist nur Deko.

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Geistige Dauerunterforderung sieht auf Fotos ganz ok aus. [Wie immer: Miese Handykameraqualität statt Filter]
Zehn vor sechs. Mein Wecker klingelt. Ich bleibe den Regeln des Erasmus Student Network treu, also, liegen. Den Großteil der Nacht habe ich damit verbracht, YouTube-Videos von Hostessen auf Motorshows anzuschauen. Das lässt sich mit ein bisschen Wohlwollen als Recherche bezeichnen. Denn heute ist mein erster Tag als Hostess in Italien.
Lange habe ich überlegt, ob ich das wirklich machen soll. Ob ich das wirklich machen will. Denn ich bezeichne mich als Feministin, auch wenn ich der Emma-Redaktion mit fünfzehn mal beleidigt eine Mail geschrieben habe; auch wenn ich in Stripclubs gehe und „Pussy“ manchmal als Schimpfwort benutze. Mit dem Feminismus halte ich es wie die Autorin Chimamanda Adichie: “Feminist: A person who believes in the social, political and economic equality of the sexes”. Ich bewerfe auch Männer gerne mit fettigen zerknitterten Fake-Dollarscheinen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Kurz gesagt: Ich bin weit davon entfernt, Feminismus „eklig“ zu finden, wenn ich hier mal meine Ex-Kommilitonin zitieren darf. Also warum ausgerechnet dieser Job? Ganz einfach: Ich wollte wissen, wie das so ist. Das Schöne an meinem Beruf ist ja, dass ich jeden Beruf kennenlernen und mich in jedes Thema einarbeiten kann. Ob ausversehen backstage auf der CeBIT oder nachts um vier am Steintor. Wie fühlt es sich denn an, nur die Dekoration für ein Produkt zu sein? Wenn man den ganzen Tag angestarrt wird als sei man ebenfalls käuflich?

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M’era Luna 2015

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Kunstblut-Pop vs. Kunst: Treffen der „Partyfraktion Sodom & Gomorrha“

Am Wochenende fand zum 15. Mal das M’era Luna, eines der größten Goth-Festivals weltweit, in Hildesheim statt. Die Partyfraktion übernimmt… zum Leidwesen der Musikfans.

Gehen Sie auch immer mit echtem Vogelskelett um den Hals, 200 Gramm Corpse Paint im Gesicht, schwarzen Todesengelflügeln mit acht Metern Spannbreite, Vampirzähnen, Netzoberteil ohne was drunter und silbern angesprühtem Hirschgeweih auf dem Kopf zum Bäcker? Warum nicht? Natürlich wäre das unbequem und viel zu aufwendig, reicht doch meistens schon ein bisschen blauer Lippenstift, um hasserfüllte Blicke von Jack Wolfskin-JackenträgerInnen zu ernten. Aber die meisten Goths sind nun einmal große ÄsthetInnen, was man nicht nur an Bandnamen wie Einstürzende Neubauten oder Aesthetic Perfection sieht. Dem Klischee nach sind Goths immer schwarz angezogen, dabei haben viele bunte Haare und Kontaktlinsen, tragen Neonwesten oder aufwendig geschneiderte viktorianische Roben. Goths sind auch nicht ständig schlecht gelaunt, nur weil sie den Tod als Teil des Lebens betrachten. Beleidigt sind sie erst, wenn man ihre Kleidung als Kostümierung bezeichnet. Wir sollten den AlltagsästhetInnen dankbar sein dafür, dass sie die Welt für uns verschönern.

Spießertum, brenne!

Autor David Grashoff, bei dem Poetry Slam und Stand-Up-Comedy fließend ineinander übergehen, fackelt in einer seiner aberwitzigen Geschichten total high auf Pilzen einen Haufen Wolfskin-Jacken ab, das Erkennungssymbol des gutbürgerlichen Langweilers. Nur mit einer Spongebob-Socke bekleidet tanzt er heidnisch um das Feuer. Am Ende stellt er fest, dass die Pilze eigentlich normale Champions waren und erkennt: Er hat auch ohne Psychedelika noch die Kraft, gegen das Establishment zu kämpfen. Das bunt-schwarze Publikum lacht sich kaputt.

Noch mehr Leute als im letzten Jahr sind zum Vortag des Festivals angereist und hören sich die Lesungen in der Flughalle an. Bestsellerautor Markus Heitz ist zum fünften Mal mit von der Partie. Der Mann, der immer mehr schwitzt als alle in der Halle, liest diesmal unter anderem aus „Aera“, und der Plot ist so episch wie witzig: Alle Götter, die jemals von Menschen angerufen wurden, tauchen eines Tages auf der Erde auf. Außer: Gott, Allah und Jahwe. Die drei großen Weltreligionen werden zu Sekten degradiert, ehemals von ihnen Unterdrückte rächen sich brutal. Aera ist ein literarisches Gedankenspiel wie Michel Houellebecqs „Unterwerfung“; sogar den versoffenen Protagonisten haben beide Bücher gemeinsam. Im Gegensatz zu Michel Houellebecq hält sich Markus Heitz an das Genre der Phantastik, besser bekannt als „Genrelitertur“ Fantasy. In der deutschen Phantastik-Szene ist der kumpelhafte Umgang der Künstler mit ihren Fans Standard. So hat Heitz‘ in seiner humorvollen Religionskritik nicht nur alle durch den IS zerstörten Städte wieder aufbauen lassen, sondern auch Sodom und Gomorrha, „für die Partyfraktion“, wie er sagt. Jubel bricht aus. Heitz grinst triumphierend. „Ich wusste, dass euch das gefällt.“

Models und Designer auf der Festival-Modenschau
Die Gothic Modenschau

 „Der Zombie ist nicht gekommen, um traurig rumzustehen!“

Die Newcomer haben es immer am schwersten: Elvellon ist eine fünfköpfige Symphonic Metal – Band und sie klingen verdammt gut. Hätten sie nicht vormittags für gerade einmal zwanzig Minuten, sondern nachts aufteten können, wären sie von so manchem Goth mit dem Headliner Nightwish verwechselt worden. Die starke Stimme der Frontfrau Nele Messerschmidt ist nicht die einer unsicheren Anfängerin, sondern die einer Profi-Sängerin.

Deathstars und Combichrist haben es bereits geschafft sich einen Namen in der schwarzen Szene zu machen: Sie waren beide schon Vorbands von Rammstein. Die Aggrotech-Musiker Aesthetic Perfection aus Hollywood begeistern mit ihrem Hit „Antibody“. Bands auf der Hangar-Bühne können durchaus mit denen auf der Hauptbühne konkurrieren, so gibt es vor dem Hangar jetzt einen großen Bildschirm, weil die Halle überfüllt ist. Während deutscher Pop eher etwas peinliche Texte hervorbringt und in Übersee nicht gut ankommt, hat die Neue Deutsche Härte wieder Konjunktur. Manche Gäste haben hunderte Dollars in Flugtickets investiert, um nach Deutschland zu kommen und beim Festival dabei zu sein. Amerikanische M’era Luna-BesucherInnen lernen Deutsch, weil sie die Texte ihrer Lieblingsbands verstehen wollen.

Provokation um jeden Preis

Weil einige Bands der vielseitigen Goth-Szene gerne mit Nazisymbolik provozieren (Tyske Ludder, Nachtmahr, Ost+Front, Eisbrecher etc.), ziehen sie auch zwielichtige Fans an. Ein junger Mann mit grau gefärbtem Haar trägt an seiner Uniform falsche Orden zur Schau, sowie die Reichsflaggen-Farben und einen Anstecker der umstrittenen Band Feindflug. Bei manchen Menschen führt das Bedürfnis außergewöhnlich und besonders zu sein dazu, dass sie sich außergewöhnlich bescheuert und besonders lächerlich aufführen. In der szenetypischen Dauerprovokation gehen diese Gestalten lautlos unter, außerdem ist 2015 erstmalig die Jugendantifa Niedersachsen auf dem Festival vertreten. Die Antifa-Mitglieder riefen zum Boykott des Nachtmahr-Konzertes auf, womit sie allerdings nicht weit kamen.

Pünktlich zum Sonnenuntergang startet Rob Zombie mit effektvoller Show. „Der Zombie ist nicht hergekommen, um traurig rumzustehen“, ruft er mit Reibeisenstimme, beginnt daraufhin in die Luft zu kicken und tanzt zu einer Cover-Version von „Sex Machine“. Schon beim markanten Intro von „Living Dead Girl“ flippt die Menge aus. Die E-Gitarre klingt nach Kreissäge; einmal flackert der Gitarrenkorpus in Neonfarben wie Leuchtreklame, ein anderer ist mit Wasser gefüllt. Rob Zombie überlässt seiner Band die Bühne, klettert hinunter in die erste Reihe, brüllt: „Mars needs women, angry red women!“ Während der Zugabe starten ein paar Goths eine Polonaise, verlieren sich jedoch im Moshpit.

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Kunstblut-Pop vs. Kunst

Phillip Boa and the Voodooclub ziehen mit ihrem 1980er-Avantgarde-Pop vor allem die älteren Semester in den Hangar und in ihren Bann. Wer noch weiter in der Zeit zurückreisen möchte, ist auf dem Mittelaltermarkt gut aufgehoben, wo Minnesänger spielen, Bruder Ignatius Ablassbriefe fürs Faulenzen und andere Sünden verkauft, und der gutaussehende Schmied alle Jahre wieder von der einen oder anderen betrunkenen Goth-Maid belästigt wird. Die Mittelalter-Folkbands Tanzwut und Saltatio Mortis (lat. für Totentanz) ziehen nicht mehr von Markt zu Markt, sondern spielen inzwischen regelmäßig auf großen Festivals. Beide Bands werden immer wieder gerne zum M’era Luna eingeladen, weil ihre Musik verdammt tanzbar ist. Die eher Zartbesaiteten kommen bei Blutengel auf ihre Kosten: Wie der Name schon andeutet, scheut die Band keine Gruftieklischees und hat trotzdem – oder gerade deshalb – Erfolg. Die Bandmitglieder bezeichnen ihren Stil als Dark Pop, für Freunde der härteren Musik sind sie eher Helene Fischer mit Kunstblut.

Die legendären Einstürzenden Neubauten stoßen besonders das blutjunge Partyvolk vor den Kopf. Sie starten mit „The Garden“. Als wollte er das Publikum in Trance versetzen wiederholt Sänger Blixa Bargeld den Satz: „You will find me, if you want me, in the Garden, unless it’s pouring down with rain.“ Zu der kunstvollen Musik lässt es sich nur schwer herumhampeln, der wenige Text ist fein verstreut über den minimalistischen Beats, poetisch ohne Kitsch, hermetisch-verschlossen. Frontsänger Blixa Bargeld ruft nicht: „M’era Luna, seid ihr bereit zum Partymachen?“ oder „Wollt ihr mit uns ausrasten?“ Wer die Band nicht begreift, beschwert sich über die „Hintergrundmusik“. Tatsächlich wären die Einstürzenden Neubauten im Hangar besser aufgehoben, denn dort spielen die düsteren Bands, auf der Hauptbühne eher die, die abgefeiert werden und gar nicht so sehr verstören wollen.

Das Besondere am M’era Luna ist die Kombination aus eben diesen verschiedenen Genres und völlig unterschiedlichen Erwartungen der BesucherInnen, sowie die Mischung vergangener und futuristischer Stile. Drei Meter hohe Robo-Aliens in Schutzanzügen bahnen sich ihren Weg durch die Menge; die Kunstwerke erinnern an das Endzeitfestival Burning Man, das in der Black Rock Desert in Nevada stattfindet. Zum Ende des Burning Man wird ein riesenhafter Holzmann verbrannt und die Wüste so hinterlassen wie sie vorher war.

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Auf dem M’era Luna Festival gibt es auch eine Abschluss-Tradition: Wenn die Bands längst wieder in den Tourbussen sitzen, sammeln die FestivalbesucherInnen Wasserkanister, leere Bierdosen, Zeltstangen und anderen klangvollen Schrott zusammen. Dann beginnt das große Nachttrommeln. Nach Definition des Autors Christian van Alster, der sich bevorzugt über seine eigene Leserschaft lustig macht, sind manche Grufties so gruftig, dass sie nicht das Sonnenlicht meiden, sondern das Sonnenlicht sie. Die Musik der Goths verstummt erst, wenn die Sonne wieder aufgeht… oder ist es doch umgekehrt?

Dieser Text ist auch erschienen auf:

Der Freitag – Community

Eine andere Version als die obige ist heute in folgenden Tageszeitungen erschienen (Print und Online):

  • Hannoverschee Allgemeine Zeitung
  • Wolfsburger Allgemeine Zeitung
  • Peiner Allgemeine Zeitung
  • Göttinger Tageblatt
  • Oberhessische Presse
  • Frankenberger Zeitung

Markus Heitz: ,,Ich kann zwei Romane im Jahr schreiben, ohne zu sterben.“

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Fantasy-Autor Marlus Heitz liest aus seinem neuen Roman „Der Triumph der Zwerge“ am 3.3. in Hannover. Foto: Roberta Altmann

,,Wer war denn noch nicht auf ’ner Lesung von mir?“, fragt Markus Heitz in die Runde. Die Buchhandlung ist voll von Menschen jeden Alters und Nerd-Grads (also von null bis Shadowrun). Überraschenderweise melden sich gut Dreiviertel der Leute im Raum. „Dann tut’s mir leid für die anderen…“

Die dürfen sich seine Kurzbiografie nämlich noch einmal anhören.
„Seit ich 14 bin, fallen mir Geschichten ein. Ich kann mich nicht dagegen wehren.“ Aber: „Als Kreativer bist du ständig abhängig vom Geschmack anderer Leute.“ Darum studierte Markus Heitz erst einmal Geschichte und Germanistik auf Lehramt, später auf Magister. Er war zehn Jahre lang freier Mitarbeiter der Saarbrücker Zeitung und schrieb nebenbei an seinen ersten Romanen. Seit 2004 kann er vom Bücherschreiben leben. Doch das erfordert Disziplin. Normalerweise steht Heitz um halb acht auf und beginnt nach üblichem Bürokram gegen zehn Uhr mit dem Schreiben. Durchschnittlich fünf Seiten schreibt er an einem Tag. „Auf diese Weise kann ich innerhalb von einem Jahr zwei Romane schreiben, ohne zu sterben.“ Disziplin ist schon was Praktisches. „Und die Verlage freuen sich auch, wenn man ein Manuskript einen Monat früher abgibt. Dafür hassen einen dann aber die anderen Autoren, weil es wieder heißt: Guck mal, der Heitz hat schon abgegeben.“ Der Literaturbetrieb ist also auch ein bisschen wie Schule.

„Lesungen mache ich so wie Kinotrailer“, erklärt der Autor, bevor er loslegt. Mit lebendiger, wandelbarer Stimme liest Heitz aus seinem neuen Roman. Die Passagen sind spannend und witzig, aber wenn es gerade am spannendsten ist, kommt nur noch: „An dieser Stelle kann ich das aus dramaturgischen Gründen leider nicht weiter erläutern.“ So verkauft man Bücher.

„Danach signiere ich alles, was Sie mir hinhalten. Probieren Sie’s aus.“ Meistens signiert Markus Heitz seine Bücher, aber auch mal tätowierte Frauenrücken, Kinder, sowie Bücher, die er nicht geschrieben hat. Die Bibel zum Beispiel.

Vorher aber noch die Fragerunde: Bei den harten Nerdfragen („Wird man noch mehr über die Vergangenheit von Karmondei erfahren?“) sind alle anderen abgehängt. Fest steht, dass noch in diesem Jahr der zweite Band von „Exkarnation“ erscheinen wird. Markus Heitz hat seine nächsten Veröffentlichungen bis 2017 durchgeplant, danach wird wieder Zeit sein für eine ganz neue fiktive Welt.

Den Leuten, die meinen, Markus Heitz sei mit seinen Fantasyromanen nur dem allgegenwärtigen Herr der Ringe bzw. Hobbit – Trend gefolgt, soll gesagt sein: Markus Heitz schreibt nicht besser oder schlechter als Tolkien, sondern anders. Über Fabelwesen wurde schon geschrieben, seit Menschen überhaupt Geschichten schreiben. Heitz kennt sich wegen seines Geschichte/Germanistik-Studiums gut damit aus. Aber der Autor weiß auch:„Ohne Herr der Ringe würde es niemanden interessieren, was Orks privat so machen.“

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Foto: Roberta Altmann

 

Schreiben im Jahr 2050

Die Seminare „Zukunft der Medien“, „Soziale Poetik – Wie wollen wir schreiben?“, „Online-Journalismus“ und „Politische Literatur der Gegenwart“ haben mich dazu inspiriert, mal mehr über das Schreiben im digitalen Zeitalter nachzudenken. Es geht hierbei nicht nur um Literatur, sondern auch um hingekritzelte Notizen und allgemein das Arbeiten mit Text.

Computergenerierte Lyrik wird immer besser

Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse konnte man mit Hilfe eines Algorithmus „Brain Poetry“ verfassen: Gemessene Gehirnströme generieren Gedichte. Gedichtgeneratoren im Internet (die meisten gibt’s auf Englisch) „verfassen“ Zeilen wie:
– Good things only happen to Cher
– A wounded deer leaps highest
– Du entzückst nur schales Bier
– Those lemmings! That awkward tea!
Seiten wie „Bot or Not“ lassen die LeserInnen raten, ob es sich um von Menschen ausgedachte oder computergenerierte Gedichte handelt. Obwohl das eine ganz schön kniffelige Angelegenheit sein kann: Computerprogramme haben noch keine Dichterin und keinen Dichter ersetzt. Um pseudokreativ zu schreiben, müssen die Programme erst einmal mit Daten gefüttert werden. Dazu später mehr. Im Folgenden geht es vor allem darum, wie die Technik das Schreiben (und Lesen und Lektorieren) vereinfachen kann, anstatt es zu zerstören.

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„Literminator“-Lesung in Hildesheim, bei der computergenerierte Gedichte gegen Autorengedichte antraten – und der Computer gewann.

Smartpens: Verbindung zwischen analog und digital

Smartpens, also digitale Kugelschreiber, bekommt man heutzutage sogar bei Tchibo und ähnlichen Läden. Die billigen Versionen können nicht viel, aber wer 150 – 170€ investiert, kann einen mit Apple-Geräten kompatiblen Smartpen erstehen, der auch über Handschrifterkennungssoftware verfügt. Handschrifterkennungssoftware für den privaten Gebrauch ist noch nicht besonders weit entwickelt. Wenn man sich jedoch die Mühe macht, das Wörterbuch immer wieder zu erweitern, bedeutet das: Nie wieder Notizen abtippen, nie wieder scannen.

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Wer gerne klassisch Manuskripte schreibt, anstatt auf Tastaturen herumzuhacken oder Touchscreens zu streicheln, wird sich mit Hilfe eines Smartpens viel nervige Arbeit ersparen. Das gilt natürlich nicht nur für AutorInnen oder JournalistInnen. Studierende und Profs können zum Beispiel handschriftlich verfasste Konzepte ohne nerviges Scannen, Umwandeln etc. in eine Präsentation einbinden und viel mehr. Weil man heutzutage eigentlich nur noch Klausuren und das eigene Testament handschriftlich verfassen muss, ist ein Smartpen inklusive Software eine gute Investition. Man sollte nur darauf achten, dass man nicht versehentlich das private Tagebuch in die Cloud hochlädt. Sowas kann unter Umständen peinlicher werden als jedes Handykamera-Selbstporträt (jup, ich weigere mich, „Selfie“ als ein Wort anzuerkennen).

Drucken ist Verschwendung und Verarsche

Ein Tablet-Notebook-Hybrid ist eigentlich nichts anderes als ein ziemlich kleiner und ziemlich leichter (ca. 1 kg) Computer, dessen Tastatur sich abtrennen lässt. Nichts besonderes also. Überrascht war ich, wie bequem es sich mit diesen Teilen lesen lässt: Man kann per „Steuerung + find“ schnell einen bestimmten Begriff oder Absatz finden, was vor allem beim Lektorat oder in Seminaren viel Sucherei erspart und wenn man beim Frühstück Zeitung lesen will, muss man diese nicht über Tisch und Teller ausbreiten, bis sie mit einer Ecke im Müsli hängt.

Früher habe ich alle Seminartexte brav ausgedruckt, abgeheftet, Zeilen markiert und kommentiert. Aber dann wurde der Druckkostenzuschuss abgeschafft (bei dieser Gelegenheit noch einmal herzlichen Dank an den AStA) und ich musste plötzlich Unsummen für Druckerpatronen blechen. Bekanntlich kosten die Originalpatronen der Druckerhersteller irrwitzig viel Geld, obwohl die Druckqualität vergleichsweise mies ist. Man kann sich die Patronen natürlich auffüllen lassen oder No-Name-Marken kaufen, aber weil das den Druckerherstellern auch schon aufgefallen ist, haben sie sich was ganz Schlaues überlegt: Wer nicht mit Originalpatronen druckt, verliert die Garantie und bei den neueren Druckern werden nicht-markeneigene Patronen sogar nicht mehr erkannt und der Druckvorgang blockiert. Das ist Kundenverarsche hoch zehn, weshalb viele schon den Tintenstrahldruckern abgeschworen haben und sich teure Laserdrucker zulegen. Oder man geht eben in den Copyshop. Weil es da so schön ist und das auch gar nicht viel Zeit raubt und die Bedienung so scheißfreundlich ist.

Dabei kann man auf einem Notebook bzw. Tablet super bequem Texte lesen, markieren, kommentieren uvm. So bereite ich mich zum Beispiel auf ein Seminar vor. Während des Seminars schreibe ich in ein stinknormales Heft oder einen Block. Mit handschriftlichen Notizen kann man gut lernen, weil das böse Internet dann nicht so ablenkt (dafür gibt es allerdings auch Leechblock –> Lockdown für alle Zeitfresser-Seiten wie 9Gag,Tumblr, YouTube etc.). Hausarbeiten kann man direkt auf dem Notebook oder mit Smartpen schreiben. So drucke ich heute nur noch Texte aus, wenn es gar nicht anders geht. Manchmal will man ein Script eben mit verschiedenen Stiften vollkritzeln, irgendeinen Scheiß an den Rand malen und nicht nur durchscrollen. Wenn es nach mir ginge, gäbe es nur noch handschriftliche Texte und digitale. Außerdem sollten beide Formen nicht koexistieren, sondern eine Symbiose bilden, die durch Smartpens schon angedeutet wird. So wie Musiknerds sich ihre Lieblingsalben auf dem kratzigen Plattenspieler anhören, obwohl sie sie als MP3-Dateien auf dem Computer haben.

Wegwerfgedanken
Manche Gedanken kann man ruhig für sich behalten.

Tagebuchschreiben als Protest
gegen Datenkraken und Mitteilungssucht

Handschriftliche Texte sind ein unausgesprochenes FUCK YOU an NSA, BND & Co. Wie Winston Smith aus „1984“, der heimlich sein Tagebuch schreibt, in welchem seine Gedanken nur ihm selbst gehören und später vielleicht einmal, so hofft er, einer Generation übermittelt werden, die ohne Totalüberwachung lebt. 2014 ist die Dystopie Wirklichkeit: Facebook gibt Daten an die Polizei heraus, berichtete z.B. der Deutschlandfunk. Da reicht ein dämlicher Post wie „Boah, bin ich high“ für ’nen Akteneintrag. Google verdient sich eine goldene Nase mit deinen Daten. Man hört heutzutage immer nur „Daten“, als wären das ein paar Zahlen. Es sind aber Bewegungsprofile, Kaufverhalten, sogar die privatesten Gespräche und Emotionen, an denen die Datenkraken interessiert sind. Welches Gefühl bewirkt welches Verhalten und umgekehrt? Mit Psychologie kann man verdammt viel Kohle machen. Und mit Datenklau.

Schreib‘ doch heute mal nicht bei Facebook, dass du im Park joggen warst. Das interessiert deine Freunde nicht. Wenn du besonders stolz auf dein Abendessen bist, dann notier‘ dir das Rezept und mach‘ kein Foto davon. Das interessiert nämlich keinen. Und wenn du der Welt nur mitzuteilen hast, dass du cool bist oder schlau oder hübsch oder reich oder vegan oder verliebt, dann brauchst du dafür keine eigene Website!

Lesung mit Smartpen-Kommentaren live im Hintergrund
Lesung mit Smartpen-Kommentaren live im Hintergrund