Wie man Google und Facebook loswird: Alternative Apps für Android

Während Diktatoren die Macht der Medienkonzerne fürchten, weil Menschenrechtsverletzungen heutzutage einfacher publik gemacht werden können, haben EU-BürgerInnen ein ganz anderes Problem:

Konglomerate wie Alphabet oder Facebook Inc. können es sich leisten, auf Gesetze zu pfeifen, denn sie bereichern sich unrechtmäßig an Nutzerdaten und zahlen lachhaft niedrige Steuern. Dass die EU überhaupt damit angefangen hat, an neuen Datenschutzregelungen zu arbeiten, haben wir auch den Enthüllungen von Edward Snowden & Co. zu verdanken. Um die Megakonzerne zur Einhaltung der EU-Richtlinien zu zwingen, kann man sie boykottieren. Weiterlesen »

Transmediale 2017: Kongress der postdigitalen Sidecut-TrägerInnen

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Addie Wagenknecht: XXXX.XXX (2014) Eine Skulptur, die WiFi-Daten erfasst.

Meine Mutter war ein Computer“, erzählt Kitty AI mit ihrer Heliumstimme. Die Animation eines niedlichen, lila-türkisen Kätzchens ist eine künstliche Intelligenz, die 2039 „dein absoluter Gouverneur“ sein wird oder auch der „absolute Regulator“. PolitikerInnen wird die Regierung der Zukunft nicht brauchen, denn die Algorithmen sind schlauer. Diese dystopische wie realistische Vision von Pinar Yoldas ist Teil der Ausstellung Alien Matter auf der Transmediale 2017.

Am Eröffnungsabend, dem 2. Februar, im Haus der Kulturen der Welt frage ich mich, ob die Transmediale tatsächlich ein Festival für Kunst, Medien und Digitalkultur ist oder eher Berlins größter Kongress der Sidecut-TrägerInnen und Epilepsie induzierenden Kurzfilme. Es flackert und blitzt auf den Bildschirmen und Leinwänden, dazu hört man elektronischen Krach. Ich habe noch nie so einen zurückhaltenden, peinlichen Höflichkeitsapplaus gehört wie nach den Screenings im Theatersaal. Die ZuschauerInnen wurden aber auch ziemlich gefordert: Zuckende Papierkreise wechseln die Formationen, während der Soundtrack allein aus einer Bücher zerstückelnden Kettensäge besteht. Gekreische, grelles Licht in schnellem Wechsel mit Dunkelheit und eine Schnitttechnik, die in den Augen schmerzt. So stelle ich mir einen erfolgreichen Filmabend vor… in Guantanamo Bay. Das Hipstermädchen vor mir hat keine Lust mehr auf die Videos und shoppt auf ihrem Handy hässliche, überteuert Cardigans. Ihr obligatorischer Haarknoten verdeckt zum Glück den Großteil meiner Sicht auf die Leinwand. Die Vorträge und Gesprächsrunden funktionieren glücklicherweise fast ohne Flackerlicht und Algorithmen-DJ-Set, außerdem lernt man tatsächlich etwas. Zum Beispiel in dem Penal The Origin of Androids, in dem deutlich wird, dass Menschen „von Natur aus künstlich sind“ [Koert van Mensvoort] und wir manche Techniken so vollkommen als Teil unseres Lebens akzeptiert haben, dass wir sie zu unserer Natur zählen: Ackerbau, Kleidung und kochen etwa.

pyramidtechnologyinlifeWürdet ihr lieber ohne Abwassersystem oder ohne Internet leben?“, fragt van Mensvoort ernst. Natürlich ohne Abflusssystem! Dann kann man ja einfach auf Wikihow nachlesen, wie man selber eines konstruiert und sich Youtube-Tutorials anschauen, wenn man den Text nicht kapiert. Da es auch viele Stimmen für „Leben ohne Internet“ gab, hakt van Mensvoort nach: „Wie viele von euch hätten ohne Internet noch einen Job?“ Die vielen JournalistInnen, Webmaster und WebdesignerInnen im Raum schon mal nicht.

Zu der Gesprächsrunde Situated Publishing: Writing with and for Machines erscheinen leider nicht einmal drei Dutzend ZuhörerInnen, dabei hat das Autoren- und Verlegerinnen-Kollektiv Constant aus Brüssel interessante Ansätze für das Büchermachen der Zukunft erarbeitet. Wer selbstständig sein will, muss programmieren können – so wird es wohl für viele AutorInnen in naher Zukunft aussehen. Die romantische Vorstellung vom verträumten Schriftsteller mit vollgekritzeltem Notizbuch in und Tintenflecken auf den Händen weicht dem Ideal einer Publizistin mit eigenem Ethernet und Layoutern als Publishing Jockeys, kurz PJs. Die PJ Machine wurde von der Französin Sarah Garcin entwickelt und macht das Design von Buchlayouts zum Kinderspiel.

Data Journalism ist ein weiterer Schwerpunkt der Vorträge. Jutta Weber: “How many companies collect data of customers? […] We need to gain autonomy again.” Zum Beispiel mit reversed engineering: “How does the Facebook algorithm work? We have to lean how to work with these technologies.” Eine neue, alte Aufgabe für den Journalismus also: Komplexe Themen einfach erklären, damit auf der Grundlage von Informationen gewählt, gearbeitet, gelebt werden kann. Doch Natalie Fenton, Autorin von Digital Politics Radical fügt hinzu: “The levels of trust into politics and media are historically low.” Die Vortragenden fordern die Resozialisierung der Politik, können aber auch nicht so recht sagen, wie das vonstattengehen soll. Robert Latham präsentiert seine kühne These, die Linke befinde sich noch im Anfangsstadium so wie der Kapitalismus im 12. Jahrhundert: “How many false starts can the left go through? 1968 , 1970s, Occupy, Syriza… to name a few. […] Are we in the long period of the very birth of the left? […] Just like capitalism had its birth in the trade in the medieval times e.g. in Venice, socialism began with USSR and Cuba and just started.” Latham erinnert das Publikum außerdem daran: “It’s the state’s job to take away your power.“ In der anschließenden Diskussionsrunde werden Entwürfe gestrickt wie die Politik wieder sozial werden und man den Kapitalismus demontieren kann: “We have to connect to a de-educated class”, denn “isolated groups like activists are too far away from everyday politics.”

Als der Moderator fragt, wer in diesem Raum um sein Überleben kämpfe, melden sich vereinzelt unterverdienende Irgendwas-mit-Medien-Menschen. Ich stecke zwar auch in der Freelancer-Falle, doch Überlebenskampf würde ich das nicht nennen, schließlich hatte ich bestimmt seit über drei Jahren keine Nahrungsknappheit wegen weggefallener Aufträge und ausbleibender Zahlungen mehr.

Oh, Künstler! Das ist auch eine harte Arbeit“ , sagt die buckelige chinesische Feldarbeiterin ohne Ironie, die im nächsten Screening über die Leinwand schlurft. Das Publikum im Saal lacht.

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Warum die Transmediale-KuratorInnen bereits das postdigitale Zeitalter ausgerufen haben, ist mir nicht hundertprozentig klar geworden. Doch bei den Gesprächen und Ausstellungen wurde immer wieder deutlich, wie intim das Verhältnis zwischen Mensch und Technologie mittlerweile ist. Ein Forscherteam plant einen Dreier zwischen Menschenpaar und Roboter [laut Peter-Paul Verbeek, Society for Philosophy and Technology], bildende KünstlerInnen lassen ihre Skulpturen mit WiFi-Daten interagieren [z.B. Addie Wagenknechts Beitrag zu der Ausstellung Alien Matters], AutorInnen lassen sich von Algorithmen in ihre Texte ‚reinreden‘ und Smartphones sind für manche Menschen quasi schon zu Körperteilen geworden. Es klingt ein bisschen wie der Borg-Spruch „Resistance is futile“, wenn Philosoph van Mensvoort sagt, dass wir „die Technologie als unser Schicksal akzeptieren“ sollten. Aber solange die KI wie ein von Pinar Yoldas animiertes, niedliches Kätzchen daherkommt, gibt es keinen Grund zur Beunruhigung.

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Schreiben im Jahr 2050

Die Seminare „Zukunft der Medien“, „Soziale Poetik – Wie wollen wir schreiben?“, „Online-Journalismus“ und „Politische Literatur der Gegenwart“ haben mich dazu inspiriert, mal mehr über das Schreiben im digitalen Zeitalter nachzudenken. Es geht hierbei nicht nur um Literatur, sondern auch um hingekritzelte Notizen und allgemein das Arbeiten mit Text.

Computergenerierte Lyrik wird immer besser

Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse konnte man mit Hilfe eines Algorithmus „Brain Poetry“ verfassen: Gemessene Gehirnströme generieren Gedichte. Gedichtgeneratoren im Internet (die meisten gibt’s auf Englisch) „verfassen“ Zeilen wie:
– Good things only happen to Cher
– A wounded deer leaps highest
– Du entzückst nur schales Bier
– Those lemmings! That awkward tea!
Seiten wie „Bot or Not“ lassen die LeserInnen raten, ob es sich um von Menschen ausgedachte oder computergenerierte Gedichte handelt. Obwohl das eine ganz schön kniffelige Angelegenheit sein kann: Computerprogramme haben noch keine Dichterin und keinen Dichter ersetzt. Um pseudokreativ zu schreiben, müssen die Programme erst einmal mit Daten gefüttert werden. Dazu später mehr. Im Folgenden geht es vor allem darum, wie die Technik das Schreiben (und Lesen und Lektorieren) vereinfachen kann, anstatt es zu zerstören.

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„Literminator“-Lesung in Hildesheim, bei der computergenerierte Gedichte gegen Autorengedichte antraten – und der Computer gewann.

Smartpens: Verbindung zwischen analog und digital

Smartpens, also digitale Kugelschreiber, bekommt man heutzutage sogar bei Tchibo und ähnlichen Läden. Die billigen Versionen können nicht viel, aber wer 150 – 170€ investiert, kann einen mit Apple-Geräten kompatiblen Smartpen erstehen, der auch über Handschrifterkennungssoftware verfügt. Handschrifterkennungssoftware für den privaten Gebrauch ist noch nicht besonders weit entwickelt. Wenn man sich jedoch die Mühe macht, das Wörterbuch immer wieder zu erweitern, bedeutet das: Nie wieder Notizen abtippen, nie wieder scannen.

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Wer gerne klassisch Manuskripte schreibt, anstatt auf Tastaturen herumzuhacken oder Touchscreens zu streicheln, wird sich mit Hilfe eines Smartpens viel nervige Arbeit ersparen. Das gilt natürlich nicht nur für AutorInnen oder JournalistInnen. Studierende und Profs können zum Beispiel handschriftlich verfasste Konzepte ohne nerviges Scannen, Umwandeln etc. in eine Präsentation einbinden und viel mehr. Weil man heutzutage eigentlich nur noch Klausuren und das eigene Testament handschriftlich verfassen muss, ist ein Smartpen inklusive Software eine gute Investition. Man sollte nur darauf achten, dass man nicht versehentlich das private Tagebuch in die Cloud hochlädt. Sowas kann unter Umständen peinlicher werden als jedes Handykamera-Selbstporträt (jup, ich weigere mich, „Selfie“ als ein Wort anzuerkennen).

Drucken ist Verschwendung und Verarsche

Ein Tablet-Notebook-Hybrid ist eigentlich nichts anderes als ein ziemlich kleiner und ziemlich leichter (ca. 1 kg) Computer, dessen Tastatur sich abtrennen lässt. Nichts besonderes also. Überrascht war ich, wie bequem es sich mit diesen Teilen lesen lässt: Man kann per „Steuerung + find“ schnell einen bestimmten Begriff oder Absatz finden, was vor allem beim Lektorat oder in Seminaren viel Sucherei erspart und wenn man beim Frühstück Zeitung lesen will, muss man diese nicht über Tisch und Teller ausbreiten, bis sie mit einer Ecke im Müsli hängt.

Früher habe ich alle Seminartexte brav ausgedruckt, abgeheftet, Zeilen markiert und kommentiert. Aber dann wurde der Druckkostenzuschuss abgeschafft (bei dieser Gelegenheit noch einmal herzlichen Dank an den AStA) und ich musste plötzlich Unsummen für Druckerpatronen blechen. Bekanntlich kosten die Originalpatronen der Druckerhersteller irrwitzig viel Geld, obwohl die Druckqualität vergleichsweise mies ist. Man kann sich die Patronen natürlich auffüllen lassen oder No-Name-Marken kaufen, aber weil das den Druckerherstellern auch schon aufgefallen ist, haben sie sich was ganz Schlaues überlegt: Wer nicht mit Originalpatronen druckt, verliert die Garantie und bei den neueren Druckern werden nicht-markeneigene Patronen sogar nicht mehr erkannt und der Druckvorgang blockiert. Das ist Kundenverarsche hoch zehn, weshalb viele schon den Tintenstrahldruckern abgeschworen haben und sich teure Laserdrucker zulegen. Oder man geht eben in den Copyshop. Weil es da so schön ist und das auch gar nicht viel Zeit raubt und die Bedienung so scheißfreundlich ist.

Dabei kann man auf einem Notebook bzw. Tablet super bequem Texte lesen, markieren, kommentieren uvm. So bereite ich mich zum Beispiel auf ein Seminar vor. Während des Seminars schreibe ich in ein stinknormales Heft oder einen Block. Mit handschriftlichen Notizen kann man gut lernen, weil das böse Internet dann nicht so ablenkt (dafür gibt es allerdings auch Leechblock –> Lockdown für alle Zeitfresser-Seiten wie 9Gag,Tumblr, YouTube etc.). Hausarbeiten kann man direkt auf dem Notebook oder mit Smartpen schreiben. So drucke ich heute nur noch Texte aus, wenn es gar nicht anders geht. Manchmal will man ein Script eben mit verschiedenen Stiften vollkritzeln, irgendeinen Scheiß an den Rand malen und nicht nur durchscrollen. Wenn es nach mir ginge, gäbe es nur noch handschriftliche Texte und digitale. Außerdem sollten beide Formen nicht koexistieren, sondern eine Symbiose bilden, die durch Smartpens schon angedeutet wird. So wie Musiknerds sich ihre Lieblingsalben auf dem kratzigen Plattenspieler anhören, obwohl sie sie als MP3-Dateien auf dem Computer haben.

Wegwerfgedanken
Manche Gedanken kann man ruhig für sich behalten.

Tagebuchschreiben als Protest
gegen Datenkraken und Mitteilungssucht

Handschriftliche Texte sind ein unausgesprochenes FUCK YOU an NSA, BND & Co. Wie Winston Smith aus „1984“, der heimlich sein Tagebuch schreibt, in welchem seine Gedanken nur ihm selbst gehören und später vielleicht einmal, so hofft er, einer Generation übermittelt werden, die ohne Totalüberwachung lebt. 2014 ist die Dystopie Wirklichkeit: Facebook gibt Daten an die Polizei heraus, berichtete z.B. der Deutschlandfunk. Da reicht ein dämlicher Post wie „Boah, bin ich high“ für ’nen Akteneintrag. Google verdient sich eine goldene Nase mit deinen Daten. Man hört heutzutage immer nur „Daten“, als wären das ein paar Zahlen. Es sind aber Bewegungsprofile, Kaufverhalten, sogar die privatesten Gespräche und Emotionen, an denen die Datenkraken interessiert sind. Welches Gefühl bewirkt welches Verhalten und umgekehrt? Mit Psychologie kann man verdammt viel Kohle machen. Und mit Datenklau.

Schreib‘ doch heute mal nicht bei Facebook, dass du im Park joggen warst. Das interessiert deine Freunde nicht. Wenn du besonders stolz auf dein Abendessen bist, dann notier‘ dir das Rezept und mach‘ kein Foto davon. Das interessiert nämlich keinen. Und wenn du der Welt nur mitzuteilen hast, dass du cool bist oder schlau oder hübsch oder reich oder vegan oder verliebt, dann brauchst du dafür keine eigene Website!

Lesung mit Smartpen-Kommentaren live im Hintergrund
Lesung mit Smartpen-Kommentaren live im Hintergrund