Music in the Times of Hate: Foo Fighters am 13.11.2015 in Bologna

Foo Fighters after Bataclan Shootings

What if I say I’m totally like the others? – Rockmusik mit positiver Energie wird am dringesten gebraucht in diesen Zeiten des Hasses

Zugegeben: Die Foo Fighters fand ich immer ein bisschen spießig; mir hat da das Raue, Wilde und Wütende gefehlt, das Rockmusik eigentlich auszeichnet. Aber man sollte Bands nicht abstempeln, wenn man ihre Liveauftritte nicht kennt. Einen Tag vor dem Konzert gab es noch Karten – für 200 Euro. Ähm nein. Weil ich mich in Bologna auf dubiosen Partys herumtreibe, erhielt ich aber die Chance, kostenlos in den VIP-Bereich zu kommen. Dort sitzen (!) Leute, die sich für total wichtig halten und viel Gel in den Haaren haben. Sie tanzen nicht, die lächeln nicht, sie haben das hier alles schon tausend mal gesehn und dieses blonde Mädel, das ihnen Bier bringt, ist viel interessanter als die Band. Veranstaltungsmanager müsste man sein. Dann könnte man auch so eine Fresse ziehen und sich für was Besseres halten. Oder man wird eben… Konzertkritikerin.

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Die ItalienerInnen sind ein verrücktes Publikum, von dem jede Band nur träumen kann. Aus „Skin and Bones“ wird der Muppet Show-Song „Mahna Mahna„. Dave Grohl, der mit gebrochenem Bein auf seinem Gitarrenthron sitzt, lacht sich kaputt. Dann erzählt er von seinem ersten Auftritt in Bologna, von seiner damaligen italienischen Freundin, seinem ersten Tattoo und davon wie das Publikum in Bologna immer so richtig abgeht. Grohl hat viele Freunde in der Musiktadt Bologna. Überhaupt hat er viele Freunde, was wahrscheinlich an seiner super positiven Ausstrahlung liegt. Trotz gebrochenem Bein (die Weltournee wurde in The Broken Leg Tour umbenannt) springt er immer wieder auf. Diese Band hat so viel Energie. Nicht wütend wie Slayer, sondern voller guter Laune.

Das sind diese seltenen Momente, in denen einem auffällt, dass der VIP-Platz einen Scheiß wert ist und man sich gefälligst dafür zu schämen hat, weil eigentlich alle gleich sind (und unten im Innenraum die härtere Party abgeht).

Der Sound war besser als auf Platte, die Band hatte sichtlich Spaß und das Publikum sowieso. Es war eigentlich ein perfekter Konzertabend. Erst als man wieder draußen in der realern Welt war, strömten die Nachrichten aus Paris auf einen ein. Meine Freundin Hannah, die gerade Kunst in Paris studiert, schrieb mir eine kryptische Sms, die ich erst verstand, als ich nach einer Party gegen fünf Uhr nach Hause kam und online ging. Hannah und ich redeten via Skype. Draußen ging die Sonne auf; sie hockte in ihrem kleinen Zimmer ,,eine Straße vom Eiffelturm entfernt“ und fand die ganze Situation ,,kafkaesk“.

Die Eagles of Death Metal spielten ungefähr zur gleichen Zeit im Bataclan in Paris wie die Foo Fighters in Bologna. Die beiden Bands sind befreundet; Dave Grohl trat auch im Video zu „I want you so hard“ auf. Es ist also kein Wunder, dass die Foo Fighters den Rest ihrer Tour abgesagt haben. Das nächste Konzert nach Bologna hätte in Paris stattfinden sollen.

Bataclan in Paris
CC: Céline from Dublin, Ireland – Bataclan – Paris

Bei dem Angriff auf das Publikum der Eagles of Death Metal an diesem Freitag, dem 13. November 2015, wurden nach offiziellen Angaben 89 Menschen getötet und 200 verletzt. Die Eagles of Death Metal haben dazu ein Statement veröffentlicht. Inzwischen hat die Band angekündigt, dass sie als erste wieder im Bataclan auftreten will. Denn von Terroristen, die das freie Leben, Partys und gute Musik für Sünde halten, lassen sich die Rocker mit dem ironisch gemeinten Bandnamen und den witzigen Songs ganz bestimmt nicht mundtot machen. Die Foo Fighters legen nun eine unbestimmt lange Pause ein, doch sie werden ihre Tourtermine sicherlich auch nachholen. Dann sogar mit einem Dave Grohl auf zwei Beinen, der noch mehr rumspringen kann.

Wie schreibt man über Musik an so einem Abend? Einem Abend, der so schön war und dann so schrecklich endete?

Der beste Artikel über das Foo Fighters-Konzert erschien in der italienischen Zeitung La Repubblica, darum habe ich mal einen Teil übersetzt:

„[…] And there was almost a sense of guilt in having spent a lovely evening of music, on a night like this. But it needs not be so. Because music is life, because a concert is that moment when you cancel the distances between people and it feels a bit like we are all the same, all part of something that unites us beyond flags, religions, political ideas. Because at concerts people meet, who would otherwise never talk to each other in real life, they can laugh, cry, together, as part of the same family. As friends. For this, if we knew what was happening out there in the real world, we would have said: ‚Play it again, Dave.‘ „

 

 

Die ehrliche Konzertkritik: Antilopen Gang

Antilopen Gang – Beate Zschäpe hört U2

Zu Hip Hop pogen.
Die Antilopen Gang in der Faust, Hannover, am 8. Mai 2015

Eine vereinzelte Seifenblase schwebt zur Decke der 60er-Jahre-Halle. Auf den Schultern ihres Freundes sitzend, schmeißt ein Mädchen lachend Konfetti in die Menge. Die Band brüllt (in Anlehnung an Slime): „Wir wollen keine Bullenschweine!“ und vorne schubst man sich herum, anstatt zu tanzen. Das klingt jetzt alles nach einem Punkkonzert. Aber die Antilopen Gang macht Hip Hop. Linksextremen, wütenden und witzigen Hip Hop.

Dass die beiden so unterschiedlichen Musikgenres Punk und Hip Hop fantastisch harmonieren können, haben schon Bands wie Cypress Hill in den späten 1990ern und frühen 2000er-Jahren bewiesen (z.B. rappen sie in „What’s your number?“ auf die Bassline von The Clashs „Guns of Brixton“). Die Antilopen Gang ist der Beweis dafür, dass Punk und Hip Hop sich auch in ihrer politischen Botschaft einig sein können. Das Rapper-Trio, bestehend aus Danger Dan, Panik Panzer und Koljah, tritt, mit Unterstützung ihres Schlagzeuger-DJs, im Kulturzentrum Faust auf. Anscheinend hat man dort den Soundcheck verpennt, denn zu Beginn fehlt der Bass und man versteht kaum ein Wort, aber von Song zu Song wird es besser. Zwischen den Liedern skandiert das Publikum immer wieder: „Siamo tutti Antifascisti!” und „Nie wieder Deutschland!”
Es ist der 8. Mai und die Antilopen Gang feiert 70 Jahre Kriegsende mit ihrem bekanntesten Lied „Beate Zschäpe hört U2“. Rechtspopulismus und Rechtsextremismus erstarken in Deutschland und Europa wieder, Verschwörungstheoretiker verbreiten rechtes Gedankengut. „Beate Zschäpe hört U2“ handelt von der ,,Banalität des Bösen” nach Hannah Arendt. In dem Song zündet Max Mustermann ein Flüchtlingsheim an – es könnte also jeder normale Bürger sein. Gerne spielt die Antilopen Gang auch auf NPD-Wahlwerbung an. Die drei Rapper singen in „Enkeltrick“ gemeinsam: „Wir nehmen deiner Oma die Rente weg!“
Der Schlagzeuger und DJ mit dem gewöhnungsbedürftigen Künstlernamen Müllmann Moses Cool läuft um sein monströses Instrument-Kunstwerk herum, klettert darauf, zerlegt es in Einzelteile. Das Schlagzeug besteht aus Schrott: Metallkannen und -Tonnen, Einkaufswagenteile, Schellen und Deckel.

Die Antilopen haben ihr Publikum im Griff. Sie brüllen: „Was bringt die Uni?” Das Publikum brüllt zurück: „Die Uni bringt nichts!” Die Bandmitglieder müssen es ja wissen, sie studieren schließlich selbst. Alle pogen oder reißen die Arme hoch und springen herum; Danger Dan kippt sich Wasser über Kappe und Kopf. Der Rapper fordert: „Werdet bitte alle Homos!” und erzählt, dass es viele blöde Reaktionen auf das aktuelle Musikvideo der Band gab, weil Danger Dan darin einen Mann küsst. Den Text zu „Verliebt“ haben die Antilopen absichtlich geschlechtsneutral geschrieben, damit sich theoretisch jede und jeder mit den Zeilen identifizieren kann. Der Clou des Videos: Die Traumfrauen und -Männer sind allesamt bei der Polizei, feiern aber (in Uniform) wild auf Punkkonzerten, in Kneipen und der Disko ab.

Ein Kommentar zum aktuellen Bahnstreik muss natürlich auch sein. Die Band stellt klar: „Wenn wir sagen, die Bahn ist ein Hurensohn, dann meinen wir: Der BahnVORSTAND ist ein Hurensohn!” Denn was viele genervte Bahnreisende immer noch nicht gecheckt zu haben scheinen: Der Streik ist vielleicht ätzend, aber sinnvoll.

Zwei Kinder klettern an einer der Säulen im Raum hoch, um besser sehen und fotografieren zu können. Viele Konzertbesucherinnen und Konzertbesucher machen Fotos und Videos mit ihren Handys. Erschreckend ist, dass sogar die Bandmitglieder zwischen den Songs verstohlen auf ihre Telefone schauen. Willkommen im Jahr 2015, wo sogar die Künstler ihre verdammten Kommunikationsplacebos nicht mal für anderthalb Stunden aus den Augen lassen können.

„Okay Hannover“, sagt Danger Dan, „Wir spielen jetzt ein Spielchen: Bildet eine Schneise in der Mitte. Ihr da geht nach links, die anderen nach rechts. Rechte Seite, ruft mal: Scheiß Zecken!” Dann rennen beide Seiten aufeinander los. Wie eine Nazidemo und Gegendemo ohne Bullen in der Mitte. Eine politische Wall of Death.
Nach dem Konzert tanzen die Leute einfach weiter. Der vertraute Geruch nach Schweiß und Gras. Aus den Boxen dröhnt Punk.

Fazit: Die Band kann natürlich nichts dafür, dass der Sound zu Beginn miserabel war. Wo ist nur der heiße Tontechniker abgeblieben? Egal, das Konzert war sehr geil, sehr politisch, es hat viel Spaß gemacht. Nächstes Mal könnten die Antilopen noch ein bisschen mehr mit dem Publikum interagieren. ★★★★✰

Die überarbeitete Fassung dieses Textes erscheint morgen in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.

Mehr Infos: http://www.antilopengang.de/

Lieblingslied des Tages:

 

**Richtigstellung**

Die Wunder der Technik! Trotzdem: Was zur Hölle war an dem Abend nur mit dem Ton los?!

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Die ehrliche Konzertkritik: Against Me!

Laura Jane Grace von Against Me! | Foto: Eddy Berthier
Laura Jane Grace von Against Me! | Foto: Eddy Berthier

WE DON’T NEED NO MAJOR LABELS – Against Me! | 24.04.2015 | FAUST

Die gute Nachricht: Against Me! klingen live viel besser als auf Platte. Die schlechte Nachricht: In die 60er-Jahre-Halle passen nur etwa 650 Besucher. Nach vier Jahren beehrt das Punkrockquartett wieder das Kulturzentrum Faust, und das Konzert ist ausverkauft. Draußen fragen Leute mit bunten Irokesen und Bartflechtfrisuren nach Restkarten. Es gibt zwei Vorbands: Die aus Bristol stammende Punkband Caves trifft keinen einzigen Ton – offensichtlich ist das so gewollt. Roger Harvey aus Brooklyn und seine Band wirken etwas uninspiriert. Sie klingen zwar deutlich melodischer als Caves, dabei jedoch aalglatt und mit so viel Hall als würden sie tatsächlich in einer Höhle spielen. Die Location ist wunderschön, die Leute sind entspannt. In den Umbaupausen geht man nach draußen, um das Frühlingswetter im Hof oder nebenan im Park zu genießen. Trinken, kiffen, quatschen, küssen.

Mann? Frau? Punk!

Atom Willards Schlagzeug glitzert silbern wie mit Pailletten überzogen. Im Hintergrund: Eine schwarze Flagge, auf der ein Skelett abgebildet ist, das sich selbst den Schädel abnimmt. Against Me! betritt die Bühne. Die Konzertbesucher schieben und schubsen sich bis in die Zwischenräume der Boxentürme, wollen von der Bühne ins Publikum springen oder im Moshpit pogotanzen. Wer besonders clever ist, lässt sich auf Händen von der Bühne zur Bar tragen, denn inzwischen ist es unmöglich geworden, zu Fuß dorthin zu gelangen. Frontfrau Laura Jane Grace wechselt rasend schnell die Gitarren, fährt sich durch lange Haar, lacht viel.

Natürlich spielt die Band ihren Hit „Teenage Anarchist“, den auch BesucherInnen kennen, die keine hartgesottenen Fans der Band sind. In dem Song geht es um die Jugend der Sängerin Grace, die als Punk oft mit dem Gesetz in Konflikt geriet und wegen seines Äußeren angefeindet wurde. „True Trans Soul Rebel“ und der Ohrwurm „Black me out“, den man wunderbar mitgröhlen kann, stammen beide aus dem aktuellen Album „Transgender Dysphoria Blues“. Es ist ein Konzeptalbum und die Songtexte von Grace sind so persönlich wie nie, denn es geht, wie der Albumtitel schon andeutet, um Graces Metamorphose von Mann zu Frau. Bis 2012 hieß Laura Jane Grace noch Thomas James Gabel. Den Namen „Laura“ nahm sie an, weil das der Name ist, den ihre Mutter ihr gegeben hätte, wenn Grace im Körper eines Mädchens zur Welt gekommen wäre; Grace ist schlicht und ergreifend der Nachname der Mutter, bevor sie heiratete.

Against Me! haben mit „Transgender Dysphoria Blues“ einen großen Schritt in Richtung künstlerische Freiheit getan und sich von dem Major Label Sire (Warner Music Group) verabschiedet, um auf dem eigenen Label Total Treble Music zu veröffentlichen.

„Don’t lose touch“ ist für einen Punksong ungewöhnlich tanzbar; wahrscheinlich einer der besten Songs des Abends. Das Stagediving artet ein wenig aus: Bald springen Leute auf die Bühne, um neben ihrem Idol zu stehen und wollen gar nicht mehr weg. Der pflichtbewusste Roadie schubst einen nervigen Fan von der Bühne. Auch Mitglieder der Vorbands lassen es sich nicht nehmen, noch einmal auf die Bühne zu kommen und mitzufeiern. Ich bin der Depp, der mit Block und Kugelschreiber im Moshpit untergeht und pogotanzend aufschreibt, was passiert. Das ist dann nicht wirklich lesbar. Aber man kann das Geschriebene ja im Anschluss ganz entspannt bei einem Bier (oder zwei oder drei) mit den Leuten, die man kennengelernt hat, entziffern und abtippen. Der Backstagebereich geht zum Hof raus. Man kann die Bands saufen sehen.
Fans, die Against Me! auf der Europatournee nachgereist sind, schwören, dass die Stimmung in Hannover bisher am besten war. Das glaubt man ihnen sofort.

Fazit: Ob ein Konzert gut wird oder nicht, entscheidet nicht allein die Band. Das Publikum muss auch wirklich Bock haben. Und das hatte es. Die Location ist sowieso perfekt. Die Stimmung war super. Die meisten Songs sind toll und die Texte kein typischer 3-Zeilen-lalala-Bullshit, im Gegenteil. Ich bin ab sofort Fan. ★★★★★

Eine kürzere und geschliffene Version dieses Artikels erschien am 27. April 2015 unter dem Titel „Anarchisten gegen Etikette“ in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.

„Don’t you remember when you were young and you wanted to set the world on fire?“

„Come on, black me out! I wanna piss on the walls of your house!”

 

 

 

„You’re so lost in modern art.“

 

Die ehrliche Konzertkritik: Night Demon

© Night Demon
© Night Demon

Night Demon im Lux: NOT THE TIME FOR SCHLAF

„Is it time for Schlaf?“, fragt Jarvis Leatherby, Sänger der Metal Band Night Demon. „Nein!”, antwortet das Publikum im Lux brav. Night Demon sind gerade auf Europa-Tournee und zum ersten Mal in Hannover. Die drei Jungs aus Kalifornien gründeten ihre Band im Jahr 2011, veröffentlichten 2012 eine EP und nun ist ihr erster Longplayer „Curse of the Damned” erschienen. Die elf Songs auf dem Album haben Titel wie „Screams in the Night“, „Satan“ und „Killer“. Meistens geht es darum, dass irgendjemand umgebracht wird, vorzugsweise mit einer Axt.

Night Demon haben den Heavy Metal wahrlich nicht neu erfunden, aber sie beherrschen alle klassischen Elemente dieser Musikrichtung und mischen sich daraus ihre Formel zum Erfolg. Die etwas krampfhafte Suche nach dem – eben nicht eigenen, sondern kollektiven – Metal-Stil fängt schon bei Details wie Kleider- und Wortwahl an: Entweder schwarzes T-Shirt oder oben ohne, Wolfsgeheul vom Band als Song-Intro, der Sänger sagt oft „Fuck“ und den Teufel findet die Band natürlich auch supi. Auf den Promo-Fotos für ihr Album gucken Jarvis Leatherby (Gesang/Bass), Brent Woodward (Gitarre) und Dusty Squires (Schlagzeug) betont böse. Doch auf der Bühne wirken sie manchmal wie verträumte Hippies, die einfach nur mit dem falschen Fuß aufgestanden sind.

Als junge Band mit einem 11-Lieder-Album haben Night Demon noch nicht genug Stoff, um einen ganzen Konzertabend zu füllen, aber dafür klingen ihre Cover-Versionen saucool. „Fuck it, wir spielen noch einen für euch“, gibt der Sänger den Zugaberufen nach. Jetzt wird auf Zuruf gespielt, zum Beispiel „Axe crazy“ der Band Jaguar. „Wirst du dann auch durchdrehen oder nur mit deinem Bier in der Ecke rumstehen?“, fragt Frontmann Leatherby den jungen Mann, der den Song unbedingt hören will. „Durchdrehen? Okay! Dieser Typ hier wird jetzt ausrasten! Axe crazy!“ Mit Ausrasten ist glücklicherweise Tanzen und Haareschütteln gemeint, denn eine Axt ist gerade nicht zur Hand.

Der beste eigene Song der Band ist eindeutig „Mastermind“, weil er verdammt noch mal abgeht. Das Schöne an kleinen Konzerten: Die Fans können fast Kopf an Kopf mit ihren Idolen headbangen. Sänger Leatherby bedankt sich beim Publikum, weil trotz des ätzenden Wetters an diesem „Whiplash Wednesday“ doch eine Menge Leute ins Lux gekommen sind. „Wir dachten uns zuerst, wir machen einen Aprilscherz und erscheinen einfach nicht. Aber hier sind wir!“ Nach nur einer Stunde ist das Konzert auch schon wieder vorbei. Aber die kommen bestimmt wieder. Nächstes Mal hoffentlich mit einer breiteren Palette an Songs.

Fazit: Night Demon fehlt noch die Attitüde. Zur Not tut’s vielleicht auch ’ne Axt. Oder hey, beißt doch mal ’ner Fledermaus den Kopf ab. Was auch immer. Aber lasst euch bis zum nächsten Mal was für die Show einfallen, Jungs! Spielen könnt ihr ja schon. ★★✰✰✰

Weitere Tourdaten (Europa):
3. April Gandhiplein, 3, 9501DB Stadskanaal, Netherlands
5. April K 19, Kassel, Germany
6. April McHeracles, Retie, Belgium

Die ehrliche Konzertkritik: Kool Savas

Foto: JoeJoeJoe93, lizenziert via Creative Commons
Foto: JoeJoeJoe93, lizenziert via Creative Commons

Gladiator mit Plauze  – Kool Savas am 6. März im Capitol Hannover

„Letztes Mal, als ich hier war, dachte ich, die Empore kracht ein. Ihr da oben solltet also besonders feiern, weil ihr das wahrscheinlich nicht überleben werdet!“ Der Rapper Kool Savas hat im Zuge seiner „Märtyrer“-Tour 1700 Hip Hop-Fans ins Capitol gelockt. Sein aktuelles Album „Märtyrer“ und der titelgebende Song haben laut Kool Savas nichts mit Politik oder Religion zu tun. Es geht darum, dass seine Fans von ihm verlangen, sich für die Kunst kaputt zu machen, sich für sie zu opfern.

Selbsternannter Konzertkommentator aus der Reihe hinter uns: Alter, Kool Savas ist der Beste, Junge! Ich bin schon so heiser!

Seine Songs verknüpft Savas mit Überleitungen, in denen er von der deutschen Hip Hop – Szene erzählt, die seiner Meinung nach „gebrainwashed“ ist. Hin und wieder versucht sich der Rapper auch an Philosophie: „Zeit gibt es nicht. Zeit ist eine Erfindung.“ Oder: „Wer kann mir garantieren, dass ich nicht in einem Traum bin? Niemand!“ Manchmal erinnern seine Ansagen an Komiker Mario Barth: „Wer von euch hat `ne Freundin? Nicht so viele, ne? Kennste, kennste, Frauen sind nur am Sülzen. Den ganzen Tag. Aus diesem Gelaber müsst ihr das Beste rausfiltern.“ Aber dann kriegt Kool Savas doch wieder die Kurve zu seinem eigentlichen Thema, der Musik, und erklärt: „Ich laber euch auch so voll, auf jedem neuen Album. Ihr müsst das Wichtigste rausfiltern. Sonst denke ich, ihr habt mir gar nicht zugehört.“ Süß.

Selbsternannter Konzertkommentator aus der Reihe hinter uns: Ey, ihr Frauen labert echt so viel. (Fügt unsicher hinzu:) Aber das ist gut so.

Kool Savas, dessen Künstlername ungefähr so viel bedeutet wie Kalter Krieg (savas, türk. für Krieg), ist vielseitig engagiert: Er setzt sich ein gegen Rassismus, Mobbing, Drogenkonsum und Massentierhaltung. Insbesondere seine älteren Texte passen aber nicht zu diesem Engagement, weil sie zum Teil homophobe oder frauenfeindliche Passagen beinhalten. Manche Lieder sind einfach peinlich-pubertär. Titel wie „Lutsch meinen Schwanz“ werden vom Publikum abgefeiert. Oh Wunder, sind doch die meisten Leute hier unter 25 und männlich. Viele sind schon vor Konzertbeginn betrunken und haben sich nach einer Stunde heiser geschrien. Trotzdem jubeln sie immer noch ihrem Idol „Sav“ zu und krächzen jeden Liedtext mit.

Selbsternannter Konzertkommentator aus der Reihe hinter uns: Alter, meine Stimme ist so hardcore gefickt, Junge. Kool Savas ist der Beste!

Die Fans wollen „Das Urteil“ hören, eines der bekanntesten Lieder des Rappers und brüllen danach. Doch Kool Savas will den Diss-Track heute nicht spielen. Er sei gerade ein „labiles Kerlchen“. Auch sonst zeigt sich der Rapper an diesem Abend von seiner sensiblen Seite, beziehungsweise möchte sich lieber gar nicht von der Seite zeigen: „Wenn ihr mich filmt oder fotografiert, dann bitte nur von vorne. Ich habe eine Plauze. Die kann man von vorne nicht so sehen, aber wenn ich mich zur Seite drehe, kommt das voll raus.“ Zusammen mit seiner Crew rappt Kool Savas anschließend „Gladiator“.

Selbsternannter Konzertkommentator aus der Reihe hinter uns: Ey du bist doch von der Zeitung, schreib nur Gutes über den! Sav ist der Beste, Alter!

„Ich weiß nicht, ob ich hier noch einmal auftrete“, grübelt Savas. „Ich bin jetzt vierzig. Es könnte sein, dass ich vorher sterbe.“ Die Capitol-Besucher haben den Rapper an einem, sagen wir mal, melancholischen Tag erwischt. Er fährt fort: „Für den Fall, dass ich sterbe: Ich werde immer an euch denken. Ich werde euer Schutzengel sein. Wenn ihr irgendwann besoffen Auto fahrt und den Lenker rumreißt, dann bin ich da für euch. Hannover, ich bin euer bester Freund.“ Weißes Konfetti regnet bis auf die Empore und die Pyrotechnik vernebelt den Blick. Drama, Baby, Drama. Aber das passt zu Kool Savas.

FAZIT: Der „Märtyrer“ ist eigentlich ein Kuschelbär. Dafür, dass Kool Savas anscheinend einen Emo-Tag hatte, war das Konzert doch sehr energiegeladen und witzig. Meine Begleitung, die sonst eher Rock hört, war übrigens auch positiv überrascht. Persönlich finde ich pummelige Vegetarier im Allgemeinen und deren Musik im Besonderen (z.B. „Aura“) ziemlich süß. Von daher: ★★★✰✰

Eine andere Version meiner Konzertkritik, seriöser und gekürzt, habe ich der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung gespendet. Ihr findet sie hier: http://www.haz.de/Nachrichten/Kultur/Uebersicht/Kool-Savas-mit-melancholischem-Auftritt

Die (bessere!) Print-Version erscheint am 09.03.2015