Hoffnun‘ für die Literatur: Stefanie Sargnagel & Puneh Ansari

Gleich zwei Freundinnen haben mir eine Eintrittskarte für die Lesungen meiner österreichischen Lieblingsautorinnen geschenkt. H.G. für Hannover und A.P. für Köln (im Befehlston: „MK, du musst Ende April in Köln sein, weil ich schon die Karte hab!“ ).

 Puneh Ansari ist eine Wiener Underground-Autorin. Sie schreibt vor allem auf Facebook, wie auch Stefanie Sargnagel. Ansaris Buch Hoffnun‘ ist im Verlag Mikrotext erschienen. Sie schlurft auf die Bühne und liest mit leicht kränkelnder Stimme trocken vom Blatt, Buch oder Handy ab. Am besten kommt  beim Publikum ihre Überlegung an, ob sie ein Kind bekommen solle, nur „um einen Tagesablauf zu haben“. Aber tausend Wochen ohne Drogen? Und sich alles aufreißen lassen bei der Geburt? Müsse sie sich da überhaupt schon festlegen, so im zarten Alter von Mitte dreißig? Ansari wirkt zurückhaltend, spricht langsam und bedacht, ihre Hände zittern beim Lesen. Fälschlicherweise könnte man annehmen, sie sei privat ein eher schüchternder Mensch. Dabei kann sie auch rotzbesoffen noch Israel/Palästina-Diskussionen führen und laut Sargnagel auch immer Bahnhof sowie Hotel in irgendeiner fremden Stadt wiederfinden. Den Anmachspruch „Wow, du bist Sozialistin? Ich bin Kommunistin!“ hab ich mir notiert.Weiterlesen »

Maschsee Meditationen

I. ,,Verbrecher Zigeuner Bande (…) ferschlepen Frauen und Vergewaltigen Sie. Zigeuner Dreck muss weck“ Hm, also wenn es auf mehreren Parkbbänken am Maschsee steht und die Rechtschreibung so sehr meinem eigenen Bildungsstand entspricht (Schule des Lebens), dann wird es ja wohl die Wahrheit sein – denken sich die besorgten Bürger.

II. Es hätte ein schöner Tag werden können. Der zugeschneite Maschsee sieht so friedlich aus. Dass mich ein Rotkehlchen seit 20 Minuten verfolgt und böse anschaut, stört mich nicht. Auch den toten Hase und seinen abgetrennten Kopf  verbuche ich eher unter morbider Ästhetik. Aber wer hat die Fascho-Vollidioten rausgelassen?

III. Morgen entscheidet sich vermutlich, ob die NPD verboten wird oder nicht. Bei der Sache kann es keine Gewinner geben, außer die Faschos. Wird die NPD nicht verboten, fühlen sich die Mitglieder in ihrem Rassismus bestärkt und fangen in diesem Wahljahr an, die AfD zu unterstützen. Wird die NPD jedoch verboten, werden die extremsten Anhänger einen (bestimmt vom Verfassungsschutz finanzierten) NSU-Ableger starten und alle anderen werden zur AfD abwandern. Es sieht nach einem guten Jahr für die Rassisten aus.

 

 

„Wir haben leider nur drei Teesorten zur Auswahl“ – Evakuierung nach Fliegerbombenfund in Hannover-Linden

EvakuierungFliegerbombeHannover
Immer noch besser als Reisegenuss

Bei Bauarbeiten in Hannover wurde eine Fliegerbombe entdeckt. Mal wieder. Hannover wurde einst so dermaßen von der US-Armee in Schutt und Asche gebombt, dass der Zweite Weltkrieg auch nach über 70 Jahren immer noch den friedlichen Alltag in der Stadt und diesmal im Multikulti-Viertel Linden stört.

Linden ist so ein tolles Viertel, da geht einem Berlin wirklich am Arsch vorbei. Die Kioskdichte ist so hoch wie sonst nirgendwo in Deutschland, die Leute sind von überall und cool drauf… und die zerstörten Häuser wurden nicht nur durch funktionale Betonklötze ersetzt, sondern durch Gebäude, denen man ansieht, dass tatsächlich ein gewisses Maß an architektonischer und ästethischer Fähigkeit hinter der Planung steckte.

Alte Menschen, die sich noch an den Krieg erinnern, und nach Deutschland geflüchtete Familien sind von der Nachricht wohl am meisten beunruhigt gewesen: Ab 20 Uhr wird evakuiert. Muss schon scheiße sein, wenn man aus einem Kriegsgebiet flieht und dann plötzlich im grünen, spießigen Deutschland wieder seine Sachen packen und aus der Wohnung raus muss.

Irgendwie war es nur den Polen in meiner Straße scheißegal, oder sie haben die Durchsage nicht verstanden. Schließlich mussten aber alle raus aus dem Gebiet. Das Problem der Polizei und des Kampfmittelbeseitigungsdienstes: Mit der Entschärfung kann erst begonnen werden, wenn die Gefahrenzone komplett evakuiert wurde. Manche Leute konnten einfach nicht ohne Hilfe ihre Wohnung verlassen und zur Sammelstelle in der Konzerthalle Swiss Live Hall gelangen. Andere waren schlichtweg ignorante Deppen und verzögerten damit die Arbeiten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes.

Ich packte ein paar unfertige Manuskripte, mein Notizbuch, Handy, Computer  Schlafsachen und Wasser in meinen Rucksack und legte meine kostbarsten Bücher aus Ermangelung eines Tresors in die Waschmaschine, dann ging ich zur Konzerthalle. Draußen traf ich einen jungen Mann aus Griechenland, der die Ansage der Polizei nicht verstanden hatte und wie viele andere glaubte, es handle sich um einen Terroranschlag. Wann lernen die Behörden hier eigentlich mal Englisch?

Durch Bauarbeiten hatte sich die 250-Kilogramm-Bombe vermutlich schon ein Stück bewegt, weshalb sie sofort entschärft werden sollte. Im Stadion an der Parkbühne warteten die BewohnerInnen des Viertels auf die erlösende Durchsage der Polizei. Nazis schimpften über die ,,scheiß Amis“, MigrantInnen fragten, was überhaupt los sei, mein Tischnachbar laberte mich voll und ich schrieb. Suppe, Kaffee, Tee, Himbeer-Eistee… die Verpflegung bot traurigerweise mehr Optionen als meine Küche hergibt. Die Organisation war alles in allem sehr… deutsch. Soll heißen: In unnötigen Detailfragen überkorrekt, während sinnvolle Punkte ignoriert wurden (wie mehrsprachige Ansagen statt mehr Auswahl beim Tee). Das erinnert mich an Bafög-Anträge.Wo seitenlang aufgelistet werden soll, welche Einnahmen der Lebenspartner hat und frau nur eine Zeile bekommt, um zu beweisen, dass sie – Überraschung – sich gar nicht von ihrem Kerl finanzieren lässt.

Der Grieche, der mich eben noch gebeten hatte, die Durchsagen für ihn zu übersetzen, fing nun auch noch an zu flirten. Ich musste raus, so schnell wie möglich. Ungebeten fing er an, mir Fotos vom schicken Haus seiner Eltern in Griechenland zu zeigen und von seinem Motorrad. Wie viele Männer immer noch denken, sie würden mit Geld irgendwen wirklich rumkriegen. Es stellte sich heraus, dass er hier im Viertel in einem griechischen Restaurant arbeitete und das Geld dann in seiner Heimat ausgab. Er ist Teil einer neuen Gastarbeiter-Generation, die die Finanzkrise durchsteht, indem sie sich mit miesen Service-Jobs im Ausland durchschlägt und im Erwachsenenalter noch die Eltern anzapft.

An der Essens- und Getränkeausgabe höre ich einen freiwilligen Helfer sagen: ,,Wir haben leider nur drei Teesorten zur Auswahl. Möchten Sie ein oder zwei Stücke Zucker?

HAZ: Fliegerbombe in Hannover Linden-Süd entschärft

Informationen zur MK Europatour ;-)

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Liebe neue und alte Freunde (ihr wisst, wer ihr seid),
hier mal die Fakten zur MK Europa Tour, damit ich das nicht jeder/m einzeln mitteilen muss:

Im September ziehe ich nach Italien und ihr seid alle herzlich eingeladen, mich zu besuchen (vor allem Anfang Oktober). Weil ich viel herumreisen möchte, ist es aber wichtig, dass ihr mir rechtzeitig mitteilt, wann ihr herkommen wollt.

Die Weihnachtsferien werde ich voraussichtlich in Norddeutschland, dem Rheinland und in Paris verbringen. Weil zu Beginn der Ferien Star Wars VII Premiere hat, wird jede und jeder, die und den ich zu dieser Zeit treffe, zum Star Wars-Schauen genötigt. Im Kostüm natürlich. Das nur als Vorwarnung.

Außerdem versuche ich seit Monaten, meinen Arsch mal nach Wien / ganz Österreich zu bewegen (Looking at you, Exel und Mimi). In Irland und Polen war ich lange nicht mehr, also wenn jemand dorthin fliegt/trampt/wasauchimmer, dann lasst es mich wissen.

Noch habe ich keine Ahnung, wann ich zurückkomme, aber ich möchte mich sehr gerne noch ein bisschen dem Studium der brotlosen Kunst auf der wunderschönen Domäne Marienburg widmen. Im Gegensatz zu ein paar verwöhnten Deppen bin ich sehr dankbar dafür, eine solche Ausbildung genießen zu dürfen, bevor ich endgültig in der Gosse lande.

Für mich ist dieses Studium und die damit verbundene Reise eine große Sache, weil ich 1. den ganzen Tag das tun kann, was ich liebe und 2. jetzt auch noch dem fiesen deutschen Winter entfliehen kann. Ja, Italien ist nicht Australien (bäh, Riesenspinnen), aber für mich ist das etwas ganz Besonderes, weil ich während meiner Schulzeit schlicht und ergreifend zu broke war, um ein bisschen mehr von Europa zu sehen. Wenn ich es zeitlich hinbekomme, besuche ich auch mal den Laierkasten und die Echse im besetzten Viertel irgendwo in Spanien ;-)

Das Erasmus-Programm ist eine tolle Sache! Mit Deutschland konnte ich mich sowieso immer nur wenig identifizieren und fühle mich als Europäerin. Vielleicht liegt es nur daran, dass ich im Grenzgebiet Belgien/Deutschland/Niederlande aufgewachsen bin, vielleicht auch an meinen deutsch-polnischen und italienischen Vorfahren. Wie dem auch sei, ich freue mich auf eure Fressen und wünsche allen eine wunderschöne Zeit, was auch immer ihr tut. [Nur falls ihr plant, für RWE oder die EZB zu arbeiten, dann wünsche ich euch einen qualvollen Tod.]

Ich hoffe, dass Grenzen irgendwann Geschichte sind. Ein Hoch auf die europäische Freizügigkeit (im politischen und kulturellen Sinne)! 💖💖💖

MK

PS.: Vielen Dank für die epische Reunion-Party in der Öko-WG! Ich weiß kaum noch was davon, aber es waren angeblich knapp 65 Leute da, wtf!?

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Lasst uns alle zusammenschmeißen, das Egmont kaufen und dort wohnen :D
Put this in the MoMA!
Put this in the MoMA!

June MK überm AC Dom

"Betting on the muse" - Charles Bukowski (gestochen von Andreas Coenen)
„Betting on the muse“ – Charles Bukowski
(gestochen von Andreas Coenen)

Die ehrliche Konzertkritik: Antilopen Gang

Antilopen Gang – Beate Zschäpe hört U2

Zu Hip Hop pogen.
Die Antilopen Gang in der Faust, Hannover, am 8. Mai 2015

Eine vereinzelte Seifenblase schwebt zur Decke der 60er-Jahre-Halle. Auf den Schultern ihres Freundes sitzend, schmeißt ein Mädchen lachend Konfetti in die Menge. Die Band brüllt (in Anlehnung an Slime): „Wir wollen keine Bullenschweine!“ und vorne schubst man sich herum, anstatt zu tanzen. Das klingt jetzt alles nach einem Punkkonzert. Aber die Antilopen Gang macht Hip Hop. Linksextremen, wütenden und witzigen Hip Hop.

Dass die beiden so unterschiedlichen Musikgenres Punk und Hip Hop fantastisch harmonieren können, haben schon Bands wie Cypress Hill in den späten 1990ern und frühen 2000er-Jahren bewiesen (z.B. rappen sie in „What’s your number?“ auf die Bassline von The Clashs „Guns of Brixton“). Die Antilopen Gang ist der Beweis dafür, dass Punk und Hip Hop sich auch in ihrer politischen Botschaft einig sein können. Das Rapper-Trio, bestehend aus Danger Dan, Panik Panzer und Koljah, tritt, mit Unterstützung ihres Schlagzeuger-DJs, im Kulturzentrum Faust auf. Anscheinend hat man dort den Soundcheck verpennt, denn zu Beginn fehlt der Bass und man versteht kaum ein Wort, aber von Song zu Song wird es besser. Zwischen den Liedern skandiert das Publikum immer wieder: „Siamo tutti Antifascisti!” und „Nie wieder Deutschland!”
Es ist der 8. Mai und die Antilopen Gang feiert 70 Jahre Kriegsende mit ihrem bekanntesten Lied „Beate Zschäpe hört U2“. Rechtspopulismus und Rechtsextremismus erstarken in Deutschland und Europa wieder, Verschwörungstheoretiker verbreiten rechtes Gedankengut. „Beate Zschäpe hört U2“ handelt von der ,,Banalität des Bösen” nach Hannah Arendt. In dem Song zündet Max Mustermann ein Flüchtlingsheim an – es könnte also jeder normale Bürger sein. Gerne spielt die Antilopen Gang auch auf NPD-Wahlwerbung an. Die drei Rapper singen in „Enkeltrick“ gemeinsam: „Wir nehmen deiner Oma die Rente weg!“
Der Schlagzeuger und DJ mit dem gewöhnungsbedürftigen Künstlernamen Müllmann Moses Cool läuft um sein monströses Instrument-Kunstwerk herum, klettert darauf, zerlegt es in Einzelteile. Das Schlagzeug besteht aus Schrott: Metallkannen und -Tonnen, Einkaufswagenteile, Schellen und Deckel.

Die Antilopen haben ihr Publikum im Griff. Sie brüllen: „Was bringt die Uni?” Das Publikum brüllt zurück: „Die Uni bringt nichts!” Die Bandmitglieder müssen es ja wissen, sie studieren schließlich selbst. Alle pogen oder reißen die Arme hoch und springen herum; Danger Dan kippt sich Wasser über Kappe und Kopf. Der Rapper fordert: „Werdet bitte alle Homos!” und erzählt, dass es viele blöde Reaktionen auf das aktuelle Musikvideo der Band gab, weil Danger Dan darin einen Mann küsst. Den Text zu „Verliebt“ haben die Antilopen absichtlich geschlechtsneutral geschrieben, damit sich theoretisch jede und jeder mit den Zeilen identifizieren kann. Der Clou des Videos: Die Traumfrauen und -Männer sind allesamt bei der Polizei, feiern aber (in Uniform) wild auf Punkkonzerten, in Kneipen und der Disko ab.

Ein Kommentar zum aktuellen Bahnstreik muss natürlich auch sein. Die Band stellt klar: „Wenn wir sagen, die Bahn ist ein Hurensohn, dann meinen wir: Der BahnVORSTAND ist ein Hurensohn!” Denn was viele genervte Bahnreisende immer noch nicht gecheckt zu haben scheinen: Der Streik ist vielleicht ätzend, aber sinnvoll.

Zwei Kinder klettern an einer der Säulen im Raum hoch, um besser sehen und fotografieren zu können. Viele Konzertbesucherinnen und Konzertbesucher machen Fotos und Videos mit ihren Handys. Erschreckend ist, dass sogar die Bandmitglieder zwischen den Songs verstohlen auf ihre Telefone schauen. Willkommen im Jahr 2015, wo sogar die Künstler ihre verdammten Kommunikationsplacebos nicht mal für anderthalb Stunden aus den Augen lassen können.

„Okay Hannover“, sagt Danger Dan, „Wir spielen jetzt ein Spielchen: Bildet eine Schneise in der Mitte. Ihr da geht nach links, die anderen nach rechts. Rechte Seite, ruft mal: Scheiß Zecken!” Dann rennen beide Seiten aufeinander los. Wie eine Nazidemo und Gegendemo ohne Bullen in der Mitte. Eine politische Wall of Death.
Nach dem Konzert tanzen die Leute einfach weiter. Der vertraute Geruch nach Schweiß und Gras. Aus den Boxen dröhnt Punk.

Fazit: Die Band kann natürlich nichts dafür, dass der Sound zu Beginn miserabel war. Wo ist nur der heiße Tontechniker abgeblieben? Egal, das Konzert war sehr geil, sehr politisch, es hat viel Spaß gemacht. Nächstes Mal könnten die Antilopen noch ein bisschen mehr mit dem Publikum interagieren. ★★★★✰

Die überarbeitete Fassung dieses Textes erscheint morgen in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.

Mehr Infos: http://www.antilopengang.de/

Lieblingslied des Tages:

 

**Richtigstellung**

Die Wunder der Technik! Trotzdem: Was zur Hölle war an dem Abend nur mit dem Ton los?!

AntilopenTweet

Die ehrliche Konzertkritik: Against Me!

Laura Jane Grace von Against Me! | Foto: Eddy Berthier
Laura Jane Grace von Against Me! | Foto: Eddy Berthier

WE DON’T NEED NO MAJOR LABELS – Against Me! | 24.04.2015 | FAUST

Die gute Nachricht: Against Me! klingen live viel besser als auf Platte. Die schlechte Nachricht: In die 60er-Jahre-Halle passen nur etwa 650 Besucher. Nach vier Jahren beehrt das Punkrockquartett wieder das Kulturzentrum Faust, und das Konzert ist ausverkauft. Draußen fragen Leute mit bunten Irokesen und Bartflechtfrisuren nach Restkarten. Es gibt zwei Vorbands: Die aus Bristol stammende Punkband Caves trifft keinen einzigen Ton – offensichtlich ist das so gewollt. Roger Harvey aus Brooklyn und seine Band wirken etwas uninspiriert. Sie klingen zwar deutlich melodischer als Caves, dabei jedoch aalglatt und mit so viel Hall als würden sie tatsächlich in einer Höhle spielen. Die Location ist wunderschön, die Leute sind entspannt. In den Umbaupausen geht man nach draußen, um das Frühlingswetter im Hof oder nebenan im Park zu genießen. Trinken, kiffen, quatschen, küssen.

Mann? Frau? Punk!

Atom Willards Schlagzeug glitzert silbern wie mit Pailletten überzogen. Im Hintergrund: Eine schwarze Flagge, auf der ein Skelett abgebildet ist, das sich selbst den Schädel abnimmt. Against Me! betritt die Bühne. Die Konzertbesucher schieben und schubsen sich bis in die Zwischenräume der Boxentürme, wollen von der Bühne ins Publikum springen oder im Moshpit pogotanzen. Wer besonders clever ist, lässt sich auf Händen von der Bühne zur Bar tragen, denn inzwischen ist es unmöglich geworden, zu Fuß dorthin zu gelangen. Frontfrau Laura Jane Grace wechselt rasend schnell die Gitarren, fährt sich durch lange Haar, lacht viel.

Natürlich spielt die Band ihren Hit „Teenage Anarchist“, den auch BesucherInnen kennen, die keine hartgesottenen Fans der Band sind. In dem Song geht es um die Jugend der Sängerin Grace, die als Punk oft mit dem Gesetz in Konflikt geriet und wegen seines Äußeren angefeindet wurde. „True Trans Soul Rebel“ und der Ohrwurm „Black me out“, den man wunderbar mitgröhlen kann, stammen beide aus dem aktuellen Album „Transgender Dysphoria Blues“. Es ist ein Konzeptalbum und die Songtexte von Grace sind so persönlich wie nie, denn es geht, wie der Albumtitel schon andeutet, um Graces Metamorphose von Mann zu Frau. Bis 2012 hieß Laura Jane Grace noch Thomas James Gabel. Den Namen „Laura“ nahm sie an, weil das der Name ist, den ihre Mutter ihr gegeben hätte, wenn Grace im Körper eines Mädchens zur Welt gekommen wäre; Grace ist schlicht und ergreifend der Nachname der Mutter, bevor sie heiratete.

Against Me! haben mit „Transgender Dysphoria Blues“ einen großen Schritt in Richtung künstlerische Freiheit getan und sich von dem Major Label Sire (Warner Music Group) verabschiedet, um auf dem eigenen Label Total Treble Music zu veröffentlichen.

„Don’t lose touch“ ist für einen Punksong ungewöhnlich tanzbar; wahrscheinlich einer der besten Songs des Abends. Das Stagediving artet ein wenig aus: Bald springen Leute auf die Bühne, um neben ihrem Idol zu stehen und wollen gar nicht mehr weg. Der pflichtbewusste Roadie schubst einen nervigen Fan von der Bühne. Auch Mitglieder der Vorbands lassen es sich nicht nehmen, noch einmal auf die Bühne zu kommen und mitzufeiern. Ich bin der Depp, der mit Block und Kugelschreiber im Moshpit untergeht und pogotanzend aufschreibt, was passiert. Das ist dann nicht wirklich lesbar. Aber man kann das Geschriebene ja im Anschluss ganz entspannt bei einem Bier (oder zwei oder drei) mit den Leuten, die man kennengelernt hat, entziffern und abtippen. Der Backstagebereich geht zum Hof raus. Man kann die Bands saufen sehen.
Fans, die Against Me! auf der Europatournee nachgereist sind, schwören, dass die Stimmung in Hannover bisher am besten war. Das glaubt man ihnen sofort.

Fazit: Ob ein Konzert gut wird oder nicht, entscheidet nicht allein die Band. Das Publikum muss auch wirklich Bock haben. Und das hatte es. Die Location ist sowieso perfekt. Die Stimmung war super. Die meisten Songs sind toll und die Texte kein typischer 3-Zeilen-lalala-Bullshit, im Gegenteil. Ich bin ab sofort Fan. ★★★★★

Eine kürzere und geschliffene Version dieses Artikels erschien am 27. April 2015 unter dem Titel „Anarchisten gegen Etikette“ in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.

„Don’t you remember when you were young and you wanted to set the world on fire?“

„Come on, black me out! I wanna piss on the walls of your house!”

 

 

 

„You’re so lost in modern art.“

 

TANZVERBOT (oder die unheimliche Akzeptanz der Hell’s Angels am Steintor)

Eduard K., Security-Chef am Steintor.
Eduard K., Security-Chef am Steintor.

Karfreitag bedeutet vielerorts: Tanzverbot für alle Christen und Nicht-Christen. Dabei ist ja eigentlich schon Samstag. Um kurz vor drei am Steintor labern mich besoffene Typen an, auf Deutsch und auf Englisch. Es sind überwiegend Männer unterwegs, o Wunder. Was ebenfalls zu erwarten war: Dass alle blöd gucken wegen des Notizblocks, auf den ich kritzele.

„Die Hell’s Angels haben es hier wirklich besser gemacht“

Die Leute haben frei und wollen feiern gehen, aber die Clubbesitzer müssen heute dafür sorgen, dass es nicht zu laut wird. Ingo Gembalies, dem zwei Kneipen am Steintor gehören, findet das natürlich ätzend. „Alle schimpfen über den Islam, aber das Christentum und die Kirche greifen doch auch ins Privatleben des Bürgers ein!“, beschwert er sich. „Meinetwegen können die Leute ja einen besinnlichen Tag haben… zu Hause.“ Dass es am Steintor nicht besinnlich zugehe, sei doch verständlich. Gembalies und seine Kollegen machen heute Verluste.

Die Kneipen Heartbreak Hotel und Rocker stehen gleich nebeneinander. Sie gehören beide Ingo Gembalies. Rocker, das ist so ein Laden, der damit beworben wird, dass Frauen kostenlose Drinks bekommen, wenn sie ihr Oberteil ausziehen. Der Übergang von Partyszene zu Rotlicht ist fließend, wie auf der Reeperbahn. Als Gembalies, der mit seinen schulterlangen Zausellocken mehr einem Hippie als einem Rocker ähnelt, im Jahr 2000 seine erste Kneipe am Steintor eröffnete, war das Rotlichtmillieu noch viel stärker vertreten. Frauen mussten zum Taxi begleitet werden, konnten nicht einfach so über die Straße laufen wie ich heute, erzählt Gembalies. „Die Hell’s Angels haben es hier wirklich besser gemacht“, findet er.

Gembalies hat mich bereits in einer E-Mail darüber informiert, dass „Türsteher“ zwar eine gängige, aber eher abfällige Formulierung sei, darum versuche ich krampfhaft, sie entgegen meiner Gewohnheit zu umgehen. Viele Leute haben Vorurteile gegenüber dem Sicherheitspersonal, dass die Einlasskontrolle macht. Warum eigentlich? Gembalies weiß es auch nicht. Darum frage ich direkt bei der Security nach. Genauer: Beim Chef der Steintor-Security.

K. hat ein freundliches Gesicht, mal abgesehen von den blauen Flecken…

Security-Personal stellt man sich meistens so vor: Bullig, wortkarg, abgestumpft, endlos genervt, das „Hau bloß ab“ ins Gesicht geschrieben. Eduard K. entspricht diesem Klischee überhaupt nicht. Er hat eine ruhige Art und ein freundliches Gesicht, mal abgesehen von den blauen Flecken, die aussehen, als seien sie schon länger da, ohne zu verblassen. K. sagt oft so etwas wie: „Das muss aber jeder für sich selbst entscheiden.“ Und er weiß genau, warum einige Leute Probleme mit Einlasskontrolleuren vor Clubs haben: „Ganz einfach, weil sie nicht reinkommen.“ Diese Leute würden spätestens dann ausfallend und aggressiv und am Ende sei natürlich immer die Security schuld.

Eduard K. ist durch den Vorschlag eines Freundes zu seinem Beruf gekommen und arbeitet nun schon 27 Jahre im Sicherheitsdienst. Jeder Club am Steintor hat sein eigenes Sicherheitspersonal. Bei den kleinen Clubs steht einer, bei den größeren sind es zwei bis vier Typen. Sie sind alle über Funkgeräte verbunden, damit sie schnell Verstärkung anfordern können. Eduard K. teilt die Funkgeräte vor Schichtbeginn aus, sorgt für die richtige Koordination. Sein Arbeitstag beginnt um 21:30 Uhr und endet morgens, so gegen 8, 9, eher 10 Uhr.

Obwohl schon vor der Tür selektiert wird, müssen pro Abend ungefähr drei bis fünf Leute rausgeschmissen werden. Einmal, erzählt K., waren vier Mann nötig, um ein Mädchen von vielleicht 50 Kilogramm festzuhalten, weil sie völlig ausflippte. „Da sieht man, was Drogen mit einem anrichten. Kann man jeden nur vor warnen“, mahnt K. mit seiner geduldigen Stimme. Wenn man jemanden gar nicht mehr los wird, muss die Polizei eingeschaltet werden. Schläger werden „fixiert“, also festgehalten oder – das kann auch schon mal vorkommen – auf einer Trage festgeschnallt.

Alle Security-Leute wissen genau, dass sie die Leute nur festhalten und nicht schlagen dürfen. Wenn sie zurückschlagen, dann in besonders schweren Fällen und nur in Notwehr. „Aber dann kann man damit rechnen, dass einen mindestens einer anzeigt.“ Ungläubig schüttelt K. den Kopf. „Wir sind dann natürlich immer die Bösen.“ Er sei sogar schon beschuldigt worden, jemanden geschlagen zu haben, als er gar nicht vor Ort war. In solchen Situationen ist K. „froh, dass es die Kameras gibt“. Es sind auch schon Leute mit Flaschen auf ihn losgegangen. „Menschen sind unberechenbar“, sagt K.

Die Sache mit der Präsenz

Eine junge, angetrunkene Frau gesellt sich zu uns und pustet den Rauch ihrer Zigarette in unsere Richtung. Eduard K. bittet sie höflich, woanders hinzugehen, um das Gespräch nicht zu stören. „Warum?“, fragt sie. „Was ist denn? Wir können uns doch alle zusammen unterhalten!“ Sie meint es offensichtlich nicht böse, hier liegt nur ein klassisches Verständnisproblem zwischen Betrunkenen und Nüchternen vor. Nach einigem Hin und Her schwirrt sie beleidigt ab und sagt im Gehen noch abfällig: „Wow, das ist echt crazy mit euch Türstehern!“

K. rollt mit den Augen. „Warum?“, beziehungsweise „Why?“ sei die häufigste Frage, die er in seinem Beruf zu hören bekomme. „Viele sagen auch ‚Was? Ich bin doch nicht betrunken!‘, müssen sich dabei aber am Türrahmen festhalten.“

Bevor die Hell’s Angels das Steintorviertel auf ihre Weise „befriedeten“, gab es häufig Messerstechereien. Seit Frank Hanebuth in Spanien im Gefängnis sitzt, wird es wieder etwas schlimmer, findet K. Er selbst habe mit den Hell’s Angels nichts am Hut, aber es sei schon auffällig, dass vor dem „Sansibar“ wieder vermehrt Leute mit Alkohol- oder Drogenproblem herumhängen. Die Hell’s Angels müssten ja auch gar nichts tun, es gehe um die Präsenz.

Apropos Präsenz: Mit der Polizei ist das auch so eine Sache. Die Beamten fahren Streife, aber nur um Präsenz zu zeigen. „Wenn du sie brauchst, sind sie nicht da“, sagt K. Seine Schlichter-Kompetenz schaltet sich aber sofort wieder ein, und er fügt hinzu: „Die haben ja auch viele andere Einsatzorte.“

„Ich hätte lieber mit fünf Kerlen Ärger als mit einer Frau, die richtig ausrastet.“

Eine kurze Funkmeldung, K. läuft zum „Eve Klub“ hinüber. Wenig später ist er wieder zurück. Kein Ärger. Er kennt das Sicherheitspersonal beim Namen, lässt sich kurz von einem Kollegen vertreten, damit er weiterreden kann. Heute ist ein ruhiger Tag, da geht das. K. betont: „Ob die Läden hier die Hell’s Angels supporten, das weiß ich nicht. Es ist mir auch nicht wichtig. Das soll jeder selber entscheiden.“

Aber wie kann er so etwas als Security-Chef nicht wissen (wollen)? Die „81“-Symbole in den Clubs und Kneipen sind ihm doch sicherlich schon aufgefallen. Die Zahl 81 steht für die Reihenfolge der Buchstaben „H“ und „A“ im Alphabet. Hell’s Angels. „Ich weiß nicht, ob man das Support nennen kann“, grübelt K. Doch warum sonst sollten Clubbetreiber damit werben? „Die Gäste fragen danach“, kommt K.s überraschende Antwort. „Die wollen Merchandise. Das ist ein Trend, eine Mode. Die wollen auch so ein Bier mit dem Symbol. Egal, ob das schmeckt. Kein Ahnung, ob das schmeckt, ich trinke kein Bier. Das ist wie Austern essen. Reiche Leute essen Austern, egal, ob’s schmeckt.“

Die betrunkene Frau von eben wankt vorbei. Eduard K. guckt leicht genervt. „Frauen sind die Schlimmsten, die wirst du auch nicht los!“ Er lacht. Manchmal, wenn eine Frau gar nicht weggehen wolle, müsse er die Polizei rufen. Die Beamten würden der Dame dann einen Platzverweis erteilen. Manche finden sich betrunken nämlich total süß und erwarten, dass man sie einfach lieben muss, egal, wie sie sich benehmen. „Wenn Frauen betrunken herumpöbeln, dann kratzen und beißen sie auch. Ich hätte lieber mit fünf Kerlen Ärger als mit einer Frau, die richtig ausrastet.“

Clubbesitzer Gembalies verabschiedet sich. Er möchte heute nicht die ganze Nacht bleiben. Als er sich auf den Weg macht, nickt K. in Richtung Einkaufsstraße und sagt: „Wir haben schon Anfragen von Dönerbuden und Friseurläden bekommen. Die müssen sich jetzt auch um Security kümmern, weil vor ihren Geschäften Drogen verkauft oder genommen werden. Eigentlich ist das ein bisschen schade. Das gab’s hier früher nicht.“ Mit „früher“ meint K. die Zeit, als Hanebuth noch in Hannover und der Chef am Steintor war.

Die Hell’s Angels werden hier nicht nur toleriert, man scheint ihnen geradezu dankbar zu sein. K. muss jetzt wieder los. Die Frage, ob einer Organisation, der unter anderem Menschenhandel vorgeworfen wird, wirklich so viel Respekt gebührt, wie Club-Angestellte und -Gäste ihr entgegenbringen, bleibt leider vorerst unbeantwortet.

Hell's Angel - Mitglied mit Original-Kutte in New York. In Deutschland sind die Kutten inzwischen verboten. Foto: SliceofNYC
Hell’s Angel – Mitglied mit Original-Kutte in New York. In Deutschland sind die Kutten inzwischen verboten. Foto: SliceofNYC