Textwerkstatt Kölner Schmiede 2018/19: Lesung im Literaturhaus

kölnerschmiedelesung (3)

Sonntag, 13.01.2019 um 18:00 Uhr

„Literaturhaus Köln | Großer Griechenmarkt 39 | 50676 Köln

Sechs Autor*innen, sechs Romane, sechs Monate gemeinsame Arbeit: Zum zweiten Mal tagte die Textwerkstatt Kölner Schmiede. Und präsentiert heute die Stimmen von morgen.

Aus rund 100 Einsendungen wählte die Kölner Schmiede sechs  Stipendiat*innen aus, im  Literaturhaus  über  ihre Texte zu diskutieren,  Einblicke  in  den  Literaturbetrieb  zu gewinnen, an ihren Poetiken zu feilen. Nun sind die Arbeiten ein intensives Halbjahr reifer – und die Werkstatt lädt zur Werkschau: Salvatore Calabrese lässt zwei Halbgeschwister das Joch einer schwäbisch-italienischen Küchendynastie tragen. Jess Cole führt eine freche Schnauze vom Volleyballfeld bis auf den Straßenstrich. Verena Keßler erkundet historische Abgründe der Stadt Demmin mit einer charismatischen Teenagerin. Mirjam Kay Mashkour schickt das Glamour-Paar einer SciFi-Welt zwischen Dystopie und Satire in die Krise. Daniel Mellem zählt den Countdown für die tragende wie tragische Gestalt der Raketenforschung herunter. Und Rina Schmeller bettet eine bewegende Beziehungsgeschichte in eine betörend karge Küstenlandschaft. Die Initiatoren, Dorian Steinhoff und Tilman Strasser, fragen nach der kniffligen Arbeit am ersten großen Projekt.

Mit freundlicher Unterstützung der Kunststiftung NRW und des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft NRW.“

Zitiert aus dem Programm des Literaturhauses.
„Wofür ist die kleine Tür?“ Tilman Strasser: „Da kommen die schlechten Autoren rein.“
kölnerschmiedelesung (1)
Die Kölner Schmiede 2018/19 (Foto aus Datenschutzgründen bearbeitet).

kölnschmiedeankünd.EDIT: Wow, volles Haus! Danke an alle, die da waren!

Hoffnun‘ für die Literatur: Stefanie Sargnagel & Puneh Ansari

Gleich zwei Freundinnen haben mir eine Eintrittskarte für die Lesungen meiner österreichischen Lieblingsautorinnen geschenkt. H.G. für Hannover und A.P. für Köln (im Befehlston: „MK, du musst Ende April in Köln sein, weil ich schon die Karte hab!“ ).

 Puneh Ansari ist eine Wiener Underground-Autorin. Sie schreibt vor allem auf Facebook, wie auch Stefanie Sargnagel. Ansaris Buch Hoffnun‘ ist im Verlag Mikrotext erschienen. Sie schlurft auf die Bühne und liest mit leicht kränkelnder Stimme trocken vom Blatt, Buch oder Handy ab. Am besten kommt  beim Publikum ihre Überlegung an, ob sie ein Kind bekommen solle, nur „um einen Tagesablauf zu haben“. Aber tausend Wochen ohne Drogen? Und sich alles aufreißen lassen bei der Geburt? Müsse sie sich da überhaupt schon festlegen, so im zarten Alter von Mitte dreißig? Ansari wirkt zurückhaltend, spricht langsam und bedacht, ihre Hände zittern beim Lesen. Fälschlicherweise könnte man annehmen, sie sei privat ein eher schüchternder Mensch. Dabei kann sie auch rotzbesoffen noch Israel/Palästina-Diskussionen führen und laut Sargnagel auch immer Bahnhof sowie Hotel in irgendeiner fremden Stadt wiederfinden. Den Anmachspruch „Wow, du bist Sozialistin? Ich bin Kommunistin!“ hab ich mir notiert.Weiterlesen »

Bologna Journal: Be an Erasmus student, they said. It will be fun, they said.

Welcome to Political Sciences...
Foto: WG-Eigentum. Peinliche Herztasse und rosa Lampe: WG-Eigentum. Tattoos: The Sinner And The Saint. Make-Up Artist: Verzweiflung und Müdigkeit.

Falls meine LeserInnen [hey, ich hatte letztens 400 an einem Tag – war das ein Bot-Angriff?] sich fragen, warum gerade keine neuen Einträge bzw. Artikel kommen: An Ideen mangelt es nicht. Tut es nie.

Doch gerade singt in meinem Kopf die Flagge der NATO: „Oh, it’s a dirty job, but someone’s gotta do it…“

Mittlerweile bin ich mir sicher, dass es ein Anflug von Größenwahn war, der mich vor drei Monaten dazu  verleitet hat, ein Master-Seminar in Politikwissenschaft zu belegen. Die Lektüresammlung ist ein Backstein aus Oxford- und Cambridge-Texten. Ich bin Bachelor-Studentin in Kreativem Schreiben und Kulturjournalismus. Mein Gehirn ist darauf ausgerichtet, Zeug zu erfinden oder zu beschreiben, nicht abzuspeichern. Andererseits ist das Einarbeiten in fremde Themengebiete ja gerade das Geile an Journalismus und Literatur.

Vom Marshall Plan 1947 bis zur Flüchtlingskrise 2015 muss jetzt alles nicht nur rein, sondern auch sitzenbleiben wie fette, sture Punks bei der Straßenblockade. Zu spät merke ich, trotz dunkler Vorahnung, dass mein Nebenfach Kulturpolitik mich niemals auf das hier hätte vorbereiten können. Ich hätte jetzt echt gerne die Ritalin-Pillen, welche anscheinend die komplette Stufe 13 außer mir verschrieben bekommen hat, als damals vor den Abiprüfungen plötzlich alle gleichzeitig mit ADHS diagnostiziert wurden. Hach, Leistungsdruck, du süßer, du.

Obwohl die letzten Zeilen vor Selbstmitleid nur so triefen, bin ich eigentlich dankbar für diese Chance. Denn ich studiere quasi alles, was mich interessiert: Politik, Literatur, Journalismus, Kultur, Kunst, Sprachen, Geschichte… verdammt, ein Dozent hat es sogar geschafft, mich für Webdesign zu begeistern. In der Schule war Lernen Quälerei, jetzt ist es ein Geschenk. Eines, das ganz viele andere junge Menschen (vor allem Mädchen!) nicht bekommen, obwohl sie es bestimmt sehr viel mehr zu schätzen wüssten als ich und tatsächlich lernen würden, anstatt einen Blogeintrag darüber hinzuschmieren.

Im Hintergrund läuft gerade eine italienische Soap, in der eine besonders nervige Dramaqueen laut und durchgehend heult. Das Gehirn meiner Mitbewohnerin braucht Kurzurlaub, denn sie arbeitet ansonsten durchgehend an ihrem PhD in Chemie. Ich rede ihr und mir gerne ein, dass sie irgendwann Krebs heilen wird. You go, girl!

Während die Soap-Sirene also im Hintergrund heult, stolpere ich über Absätze wie diesen hier:

„In addition to gratitude for America’s security guarantee [US and Canada for NATO etc.] and the idea that some member states enjoy a ’special relationship‘ with the US, it explains why elites and public opinion in several European countries consider aligning themselves to American views and positions a normal reflex being part of their identity. It explains why practically every proposal for a common foreign policy initiative was and is reviewed by several EU member states against what could be called the ‚what do the Americans think?‘ test.“ – Keukeleire and Delreux in The Foreign Policy of the European Union (updated in 2014)

Oder diesen:

„[…] The values of solidarity, of tolerance, of inclusiveness, of compassion are an integral part of European integration. We cannot give up on them, especially now that ugly racist pulsions are surfacing again; and that fighting against poverty is becoming critically important to prevent whole societies falling prey to radical and terrorist tensions.“ – Javier Solana, 2002

„Well, that didn’t work.“ – Mkay, 2015

And with this… I’m out. Lernen und so.

PS: Ich glaube, die Dramaqueen hat soeben ihren Dramaking gefunden. Es läuft kitschige Fremdschäm-Musik. Wenn die mit Heiraten hinne machen, kann ich gleich in Ruhe weiterlesen.

Schreiben im Jahr 2050

Die Seminare „Zukunft der Medien“, „Soziale Poetik – Wie wollen wir schreiben?“, „Online-Journalismus“ und „Politische Literatur der Gegenwart“ haben mich dazu inspiriert, mal mehr über das Schreiben im digitalen Zeitalter nachzudenken. Es geht hierbei nicht nur um Literatur, sondern auch um hingekritzelte Notizen und allgemein das Arbeiten mit Text.

Computergenerierte Lyrik wird immer besser

Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse konnte man mit Hilfe eines Algorithmus „Brain Poetry“ verfassen: Gemessene Gehirnströme generieren Gedichte. Gedichtgeneratoren im Internet (die meisten gibt’s auf Englisch) „verfassen“ Zeilen wie:
– Good things only happen to Cher
– A wounded deer leaps highest
– Du entzückst nur schales Bier
– Those lemmings! That awkward tea!
Seiten wie „Bot or Not“ lassen die LeserInnen raten, ob es sich um von Menschen ausgedachte oder computergenerierte Gedichte handelt. Obwohl das eine ganz schön kniffelige Angelegenheit sein kann: Computerprogramme haben noch keine Dichterin und keinen Dichter ersetzt. Um pseudokreativ zu schreiben, müssen die Programme erst einmal mit Daten gefüttert werden. Dazu später mehr. Im Folgenden geht es vor allem darum, wie die Technik das Schreiben (und Lesen und Lektorieren) vereinfachen kann, anstatt es zu zerstören.

Lesung_editiert
„Literminator“-Lesung in Hildesheim, bei der computergenerierte Gedichte gegen Autorengedichte antraten – und der Computer gewann.

Smartpens: Verbindung zwischen analog und digital

Smartpens, also digitale Kugelschreiber, bekommt man heutzutage sogar bei Tchibo und ähnlichen Läden. Die billigen Versionen können nicht viel, aber wer 150 – 170€ investiert, kann einen mit Apple-Geräten kompatiblen Smartpen erstehen, der auch über Handschrifterkennungssoftware verfügt. Handschrifterkennungssoftware für den privaten Gebrauch ist noch nicht besonders weit entwickelt. Wenn man sich jedoch die Mühe macht, das Wörterbuch immer wieder zu erweitern, bedeutet das: Nie wieder Notizen abtippen, nie wieder scannen.

DSCN1054

Wer gerne klassisch Manuskripte schreibt, anstatt auf Tastaturen herumzuhacken oder Touchscreens zu streicheln, wird sich mit Hilfe eines Smartpens viel nervige Arbeit ersparen. Das gilt natürlich nicht nur für AutorInnen oder JournalistInnen. Studierende und Profs können zum Beispiel handschriftlich verfasste Konzepte ohne nerviges Scannen, Umwandeln etc. in eine Präsentation einbinden und viel mehr. Weil man heutzutage eigentlich nur noch Klausuren und das eigene Testament handschriftlich verfassen muss, ist ein Smartpen inklusive Software eine gute Investition. Man sollte nur darauf achten, dass man nicht versehentlich das private Tagebuch in die Cloud hochlädt. Sowas kann unter Umständen peinlicher werden als jedes Handykamera-Selbstporträt (jup, ich weigere mich, „Selfie“ als ein Wort anzuerkennen).

Drucken ist Verschwendung und Verarsche

Ein Tablet-Notebook-Hybrid ist eigentlich nichts anderes als ein ziemlich kleiner und ziemlich leichter (ca. 1 kg) Computer, dessen Tastatur sich abtrennen lässt. Nichts besonderes also. Überrascht war ich, wie bequem es sich mit diesen Teilen lesen lässt: Man kann per „Steuerung + find“ schnell einen bestimmten Begriff oder Absatz finden, was vor allem beim Lektorat oder in Seminaren viel Sucherei erspart und wenn man beim Frühstück Zeitung lesen will, muss man diese nicht über Tisch und Teller ausbreiten, bis sie mit einer Ecke im Müsli hängt.

Früher habe ich alle Seminartexte brav ausgedruckt, abgeheftet, Zeilen markiert und kommentiert. Aber dann wurde der Druckkostenzuschuss abgeschafft (bei dieser Gelegenheit noch einmal herzlichen Dank an den AStA) und ich musste plötzlich Unsummen für Druckerpatronen blechen. Bekanntlich kosten die Originalpatronen der Druckerhersteller irrwitzig viel Geld, obwohl die Druckqualität vergleichsweise mies ist. Man kann sich die Patronen natürlich auffüllen lassen oder No-Name-Marken kaufen, aber weil das den Druckerherstellern auch schon aufgefallen ist, haben sie sich was ganz Schlaues überlegt: Wer nicht mit Originalpatronen druckt, verliert die Garantie und bei den neueren Druckern werden nicht-markeneigene Patronen sogar nicht mehr erkannt und der Druckvorgang blockiert. Das ist Kundenverarsche hoch zehn, weshalb viele schon den Tintenstrahldruckern abgeschworen haben und sich teure Laserdrucker zulegen. Oder man geht eben in den Copyshop. Weil es da so schön ist und das auch gar nicht viel Zeit raubt und die Bedienung so scheißfreundlich ist.

Dabei kann man auf einem Notebook bzw. Tablet super bequem Texte lesen, markieren, kommentieren uvm. So bereite ich mich zum Beispiel auf ein Seminar vor. Während des Seminars schreibe ich in ein stinknormales Heft oder einen Block. Mit handschriftlichen Notizen kann man gut lernen, weil das böse Internet dann nicht so ablenkt (dafür gibt es allerdings auch Leechblock –> Lockdown für alle Zeitfresser-Seiten wie 9Gag,Tumblr, YouTube etc.). Hausarbeiten kann man direkt auf dem Notebook oder mit Smartpen schreiben. So drucke ich heute nur noch Texte aus, wenn es gar nicht anders geht. Manchmal will man ein Script eben mit verschiedenen Stiften vollkritzeln, irgendeinen Scheiß an den Rand malen und nicht nur durchscrollen. Wenn es nach mir ginge, gäbe es nur noch handschriftliche Texte und digitale. Außerdem sollten beide Formen nicht koexistieren, sondern eine Symbiose bilden, die durch Smartpens schon angedeutet wird. So wie Musiknerds sich ihre Lieblingsalben auf dem kratzigen Plattenspieler anhören, obwohl sie sie als MP3-Dateien auf dem Computer haben.

Wegwerfgedanken
Manche Gedanken kann man ruhig für sich behalten.

Tagebuchschreiben als Protest
gegen Datenkraken und Mitteilungssucht

Handschriftliche Texte sind ein unausgesprochenes FUCK YOU an NSA, BND & Co. Wie Winston Smith aus „1984“, der heimlich sein Tagebuch schreibt, in welchem seine Gedanken nur ihm selbst gehören und später vielleicht einmal, so hofft er, einer Generation übermittelt werden, die ohne Totalüberwachung lebt. 2014 ist die Dystopie Wirklichkeit: Facebook gibt Daten an die Polizei heraus, berichtete z.B. der Deutschlandfunk. Da reicht ein dämlicher Post wie „Boah, bin ich high“ für ’nen Akteneintrag. Google verdient sich eine goldene Nase mit deinen Daten. Man hört heutzutage immer nur „Daten“, als wären das ein paar Zahlen. Es sind aber Bewegungsprofile, Kaufverhalten, sogar die privatesten Gespräche und Emotionen, an denen die Datenkraken interessiert sind. Welches Gefühl bewirkt welches Verhalten und umgekehrt? Mit Psychologie kann man verdammt viel Kohle machen. Und mit Datenklau.

Schreib‘ doch heute mal nicht bei Facebook, dass du im Park joggen warst. Das interessiert deine Freunde nicht. Wenn du besonders stolz auf dein Abendessen bist, dann notier‘ dir das Rezept und mach‘ kein Foto davon. Das interessiert nämlich keinen. Und wenn du der Welt nur mitzuteilen hast, dass du cool bist oder schlau oder hübsch oder reich oder vegan oder verliebt, dann brauchst du dafür keine eigene Website!

Lesung mit Smartpen-Kommentaren live im Hintergrund
Lesung mit Smartpen-Kommentaren live im Hintergrund

Leider nein, leider Nazi*

In meinem Leben herrscht gerne mal das Chaos, in meinen Bücherregalen ein striktes System. Eines für eigenen Kram, eines für Comics/Mangas/Graphic Novels und das große, spezialangefertigte, jeden Umzug enorm verkomplizierende Regal meines Vaters, in dem die Bücher wohnen.

Ganz unten stehen die Bücher, die mir irgendwie peinlich sind, obwohl ich sie mag oder mal mochte: Selbstfindungsgesabbel von Hanif Kureishi, Vollidiot von Tommy Jaud (jup, sowas fand ich mit 14 cool), die Star Wars-Saga nacherzählt, The Tribe (immerhin die Erfindung der Future-Soap!) und selbstverständlich Sailor Moon (mit den Teilen habe ich lesen gelernt).

Das Fach über den Peinlichkeiten ist allein der Forschung und der Lehre gewidmet: Wörterbücher, Studienratgeber, Crashkurs Türkisch (hab ich noch nie reingeschaut), Spanisch in 30 Tagen (fast alles verlernt), Grundwortschatz Italienisch (= „Uno quarto litro de vino rosso por favore!“ …oder so ähnlich) und dann Reclam, Reclam, Reclam, wiiiinzige Schrift.

Eine 1930er Ausgabe von Mein Kampf direkt nebenb dem BMKomplex
Anfang 2011 war die Regal-Welt noch ok

Ganz oben stehen meine Lieblingsbücher, eine Etage tiefer Bücher aus der Kategorie „Muss man mal gelesen haben“ und das fünfte Fach, ganz in der Mitte, ist die Abteilung für politische Literatur. Eine 1930er-Ausgabe von Hitlers Mein Kampf** steht abgewetzt und tiefschwarz demonstrativ neben Marx‘ grellrosa Kapital.

Seit kurzer Zeit habe ich in eben jenem Fach eine Ecke nur für Autoren und Autorinnen, die ich mal mochte, bis sie anfingen, rechtspopulistischen, menschenverarchtenden Scheißdreck zu schreiben und/oder bei Interviews von sich zu geben. Kurz nachdem Günter Grass‘ sogenanntes “Gedicht“ Was gesagt werden muss veröffentlicht wurde, wanderte die Blechtrommel gaaanz nach rechts in die Ecke. Akif Pirinçcis Katzenkrimis (z.B. Felidae) habe ich als Kind geliebt, doch als im März 2014 sein Buch Deutschland von Sinnen erschien, in dem er gegen Homosexuelle, Frauen und Migranten wettert, musste in meinem Bücherregal wieder umsortiert werden.

Wenn Freunde mich besuchen kommen, nenne ich diese Ecke liebevoll meine Naziecke. Bücher, die dort stehen, werden zum „Mein Kampftrinken“ benutzt, ein Trinkspiel, dass 2011 in meiner ersten eigenen Bude erfunden wurde. Man sucht sich z.B. einen gewissen Text der, sagen wir mal, ausländerfeindliche Tendenzen enthält und trinkt dann Shots auf die wunderbaren Wörter „Wohlstandsmigration“, „Gutmenschentum“ und „gesunder Patriotismus“. Versprochen: Nach maximal zehn Seiten ist die ganze Runde besoffen.

Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab musste ich der Schulbibliothek zurückgeben, nachdem ich es über zwei Jahre lang bei mir zu Hause gebunkert hatte. Signiert. Ich habe Herrn Sarrazin damals gefragt, ob er verstehen könne, warum so viele Leute da draußen (es gab eine große Gegendemo) sauer auf ihn sind. Daraufhin bezeichnete er die DemonstantInnen und mich, die normal Eintritt bezahlt und zugehört hatte, als Linksfaschisten. Natürlich bin ich darauf immer noch ein bisschen stolz. Wenn ein Thilo Sarrazin dich scheiße findet, hast du eigentlich alles richtig gemacht.

Nun frage ich mich natürlich, warum so viele Autoren und Autorinnen im Alter nur noch wirres Zeug sabbeln. Dass dies kein rein männliches Dreiviertel-Live-Crisis-Phänomen ist, hat Sibylle Lewitscharoff ja eindrucksvoll bewiesen.

„Was gesagt werden muss“, „Man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass…“, „Einige meiner besten Freunde sind Ausländer!“, „Ich habe nichts gegen Ausländer/Homosexuelle/Juden/Moslems/usw., aber…“ Warum bedienen sich sogenannte Intellektuelle dieser Klischeephrasen? Man fragt sich doch, ob das abebbende Denkvermögen bereits den Lebensabend ankündigt oder ob diese Ideen schon seit viel längerer Zeit durch die Köpfe der Greise geistern. Hat es etwas mit ihrer Geschichte und Generation zu tun oder ist es einfach Altersstarrsinn? Wie viele Bücher werden noch von anderen Regalfächern in die „Leider nein, leider Nazi“-Ecke umziehen müssen? Werden wir auch Arschlöcher, wenn wir alt sind?

Wie gerne hätte ich eine Antwort auf diese Fragen parat, doch leider kann man nur abwarten und hoffen, dass die Alten (z.B. Martin Walser, aber auch Henryk M. Broder) nicht weiter nach rechts rücken. Europa hat zur Zeit mehr als genug Rechtspopulismus-Müll zu bieten (in Österreich, Frankreich, Deutschland, der Ukraine, im Süden, in Skandinavien,…) und mein Bücherregal nun leider auch.

FUßNOTEN/RECHTLICHES:

*Huch, habe ich jetzt etwa bekannte Autoren mit guten Anwälten ist die rechte Ecke gestellt? Ja, das habe ich. Aber nur symbolisch in meinem privaten Regal.

**Adolf Hitlers „Mein Kampf“ ist verboten? Nicht in allen Fällen. Als ehemaliger Vorsitzender der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit e.V. (AC) hat mein Vater das Buch lesen müssen und ich habe es vor dem Mülleimer gerettet, obwohl es vermutlich keinen besseren Ort dafür gibt.