Bedrückende Versuche einer Zeitreise

Die Boulevardisierung und Verwässerung der Erinnerugskultur schreitet voran: Das Gruselkabinett als Alternative für Deutschland?

Beschmierte Gedenktafel in Aachen, 2014. Der/die Täter/in war sicher kein/e Orwell-Leser/in.

Die ZDF-Sendung Neo Magazin Royale ist bekannt für Jan Böhmermanns kluge Blödeleien und geschickt konstruierte Kontroversen. Die Folge vom 16. November war eine Satire im Dokumentationsstil, bei der Autor und Komiker Ralf Kabelka mit seiner authentisch wirkenden Neugier als Gegengewicht zu Böhmermanns Zynismus wirkte. Es ging um einen Themenpark, der 2023 eröffnen und die Nazizeit als Freizeitevent für die ganze Familie inszenieren sollte. Der Projektleiter des sogenannten Reichsparks, gespielt von Piet Fuchs, erklärt in Werbefilmchen und Interviews seine Vision von erlebbar gemachter Geschichte. Zwar mag es zur Schadenfreude anregen, dass Neo Magazin Royale erneut ein paar Voreilige an der Nase herumführen konnte. Doch besonders bedrückend sind die echten Reportage-Sequenzen.Weiterlesen »

Ein Erasmusstudium in Zeiten von Eurofaschismus.

Seit 2 Monaten studiere ich in Italien. Über mein Erasmus-Semester soll ich einen Bericht verfassen, der standardmäßig so aufgebaut ist: Es war sehr schön, ich kann es empfehlen, ich war auf vielen Partys, ein bisschen was gelernt habe ich auch, tolles Wetter, tolles Essen, Ende. Auf CyberpunkJournalism blogge ich seit knapp 5 Jahren vor allem über Kunst, Kultur und Politik. Warum nicht auch über Kunst, Kultur und Politik in Italien? Kunst und Kultur waren schon dran. Jetzt kommt das Thema, das anscheinend viele meiner Freunde langweilt. Zu unrecht. Denn Politik ist bestenfalls nichts weiter als organisierte Realitätsbewältigung und schlimmstenfalls sture Realitätsverweigerung, die unseren Alltag bestimmt.

Während meines Auslandssemesters in Bologna lerne ich natürlich brav Vokabeln. Eine neue Vokabel, die ich gestern gelernt habe, ist: Eurofascismo. Eurofaschismus heißt der Trend, dem immer mehr Menschen in Europa folgen, genau 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Sinn der Sache ist, grob zusammengefasst: Wieder mehr Nationalismus statt ein vereintes Europa. Also einen Schritt vor und dann so viele zurück wie möglich. Gestern war ich auf dem Piazza Maggiore, wo unter anderem Matteo Salvini eine Rede hielt. Das ausgerechnet Silvio Berlusconi dem Auftritt des Lega Nord-Politikers Salvini beiwohnte, ist kein gutes Omen…

Quasi Amici - Berlusconi e Salvini - Soppressatira
„Quasi amici“ scherzte die Webseite Soppressatira: Die Zusammenarbeit von Salvini und Berlusconi erinnert an den Film „Ziemlich beste Freunde“.

Der Polizeihubschrauber war so laut, dass ich morgens davon geweckt wurde, obwohl ich in Flughafennähe wohne, also mittlerweile ziemlich lärmresistent bin. Das stundenlange Surren schuf eine unheimliche, angespannte Atmosphäre.

Ein Polizeihubschrauber überwachte die (Gegen-)Demonstrationen und sorgte dank übertriebener Lautstärke für Kriegs-Feeling. Weiterlesen »

Die drei ewigen Fragezeichen: Verschwörungstheoretiker

Da hat wohl jemand das Buch nicht gelesen: Eine Gedenktafel in Aachen wurde beschmiert, der/die unbekannte Täter/in leugnet offenbar den Zweiten Weltkrieg… und fügte ausgerechnet den Buchtitel von Orwells Anti-Totalitarismus-Klassiker hinzu, der zwischen 1946 und 1948 entstand.

 


DREI BEISPIELE TYPISCHER VERSCHWÖRUNGSTHEORETIKER


In letzter Zeit wächst die Zahl der Verschwörungstheoretiker rapide, denn sie bekommen mehr als genug Futter: Ukraine, Gaza, NSA sind die beliebtesten Themen.

Bei den vielen Verschwörungstheoretikern und -Praktikern in Foren, auf Facebook (und manchmal sogar draußen auf der Straße!) sollte man allerdings unterscheiden:

1. Da gibt es die, die sich umfassend informiert haben. Sie wollen sich gegen die Totalüberwachung durch den Staat wehren und verzweifeln daran, dass es längst keinen mehr interessiert, ob Fremde ihre privatesten Gespräche, Bilder usw. einsehen und auswerten können.
Lieblingssatz: „LIEST HIER IRGENDJEMAND AUßER MIR WIKILEAKS?!“

2. Dann gibt es die Verschwörungstheoretiker, die sich überhaupt nicht informiert haben, weil das aufwändig ist und sie ja eigentlich nichts sagen möchten, außer das genaue Gegenteil der etablierten Medien. Es ist ziemlich einfach, diese Art der Verschörungstheoretiker zu erkennen, denn sie argumentieren nicht wirklich, sondern lehnen Information im Allgemeinen ab. Meistens glauben sie nur noch sich selbst und das macht einsam – zum Glück haben sie das Internet.
Lieblingssatz: „lüge zensur lüge das ist ja wie in diesem… dingsda… buch!“

3. Die dritte Gattung der Verschwörungstheoretiker ist aber – im Gegensatz zu dem ersten, fast hilfreichen Recherche-Junkie und dem zweiten, sturköpfigen Bildungs-Allergiker – ein großes Problem:

Sie haben sich zwar umfangreich informiert, aber nicht bei den ihnen verhassten etablierten Medien, denn dort haben ja bekanntlich alle JournalistInnen entweder einen Pakt mit dem Teufel Regierung bzw. Wirtschaft geschlossen oder aber man hat die JournalistInnen einer Gehirnwäsche unterzogen, um sie lammfromm und treudoof zu machen. ReporterInnen, die live aus Kriegsgebieten berichten und dafür ihr Lebens aufs Spiel setzen, wird weniger geglaubt als HobbyjournalistInnen, die den ganzen Tag zu Hause am Computer sitzen. Denn so ist es doch: Wer wirklich kritische und unabhängige Nachrichten möchte, der informiert sich via Neopresse, Politically Incorrect News, Netzfrauen, Junge Freiheit, ZeitgeistOnline und so weiter und so fort… Da ist ehrenhafter, aufwändig recherchierter Spitzenjournalismus garantiert! Nicht.
Lieblingssatz: „Sie argumentieren wie es das Leitbild vorschreibt.“

Zugegeben, auch einige ausgebildete JournalistInnen renommierter Zeitungen und Nachrichtenmagazine halten sich nicht daran, sobald sie Geld wittern, aber man sollte vielleicht wissen, dass er noch existiert und gilt: Der Pressekodex. http://www.presserat.de/presserat/alternative-startseiten/online-recherchieren/