Music in the Times of Hate: Foo Fighters am 13.11.2015 in Bologna

Foo Fighters after Bataclan Shootings

What if I say I’m totally like the others? – Rockmusik mit positiver Energie wird am dringesten gebraucht in diesen Zeiten des Hasses

Zugegeben: Die Foo Fighters fand ich immer ein bisschen spießig; mir hat da das Raue, Wilde und Wütende gefehlt, das Rockmusik eigentlich auszeichnet. Aber man sollte Bands nicht abstempeln, wenn man ihre Liveauftritte nicht kennt. Einen Tag vor dem Konzert gab es noch Karten – für 200 Euro. Ähm nein. Weil ich mich in Bologna auf dubiosen Partys herumtreibe, erhielt ich aber die Chance, kostenlos in den VIP-Bereich zu kommen. Dort sitzen (!) Leute, die sich für total wichtig halten und viel Gel in den Haaren haben. Sie tanzen nicht, die lächeln nicht, sie haben das hier alles schon tausend mal gesehn und dieses blonde Mädel, das ihnen Bier bringt, ist viel interessanter als die Band. Veranstaltungsmanager müsste man sein. Dann könnte man auch so eine Fresse ziehen und sich für was Besseres halten. Oder man wird eben… Konzertkritikerin.

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Die ItalienerInnen sind ein verrücktes Publikum, von dem jede Band nur träumen kann. Aus „Skin and Bones“ wird der Muppet Show-Song „Mahna Mahna„. Dave Grohl, der mit gebrochenem Bein auf seinem Gitarrenthron sitzt, lacht sich kaputt. Dann erzählt er von seinem ersten Auftritt in Bologna, von seiner damaligen italienischen Freundin, seinem ersten Tattoo und davon wie das Publikum in Bologna immer so richtig abgeht. Grohl hat viele Freunde in der Musiktadt Bologna. Überhaupt hat er viele Freunde, was wahrscheinlich an seiner super positiven Ausstrahlung liegt. Trotz gebrochenem Bein (die Weltournee wurde in The Broken Leg Tour umbenannt) springt er immer wieder auf. Diese Band hat so viel Energie. Nicht wütend wie Slayer, sondern voller guter Laune.

Das sind diese seltenen Momente, in denen einem auffällt, dass der VIP-Platz einen Scheiß wert ist und man sich gefälligst dafür zu schämen hat, weil eigentlich alle gleich sind (und unten im Innenraum die härtere Party abgeht).

Der Sound war besser als auf Platte, die Band hatte sichtlich Spaß und das Publikum sowieso. Es war eigentlich ein perfekter Konzertabend. Erst als man wieder draußen in der realern Welt war, strömten die Nachrichten aus Paris auf einen ein. Meine Freundin Hannah, die gerade Kunst in Paris studiert, schrieb mir eine kryptische Sms, die ich erst verstand, als ich nach einer Party gegen fünf Uhr nach Hause kam und online ging. Hannah und ich redeten via Skype. Draußen ging die Sonne auf; sie hockte in ihrem kleinen Zimmer ,,eine Straße vom Eiffelturm entfernt“ und fand die ganze Situation ,,kafkaesk“.

Die Eagles of Death Metal spielten ungefähr zur gleichen Zeit im Bataclan in Paris wie die Foo Fighters in Bologna. Die beiden Bands sind befreundet; Dave Grohl trat auch im Video zu „I want you so hard“ auf. Es ist also kein Wunder, dass die Foo Fighters den Rest ihrer Tour abgesagt haben. Das nächste Konzert nach Bologna hätte in Paris stattfinden sollen.

Bataclan in Paris
CC: Céline from Dublin, Ireland – Bataclan – Paris

Bei dem Angriff auf das Publikum der Eagles of Death Metal an diesem Freitag, dem 13. November 2015, wurden nach offiziellen Angaben 89 Menschen getötet und 200 verletzt. Die Eagles of Death Metal haben dazu ein Statement veröffentlicht. Inzwischen hat die Band angekündigt, dass sie als erste wieder im Bataclan auftreten will. Denn von Terroristen, die das freie Leben, Partys und gute Musik für Sünde halten, lassen sich die Rocker mit dem ironisch gemeinten Bandnamen und den witzigen Songs ganz bestimmt nicht mundtot machen. Die Foo Fighters legen nun eine unbestimmt lange Pause ein, doch sie werden ihre Tourtermine sicherlich auch nachholen. Dann sogar mit einem Dave Grohl auf zwei Beinen, der noch mehr rumspringen kann.

Wie schreibt man über Musik an so einem Abend? Einem Abend, der so schön war und dann so schrecklich endete?

Der beste Artikel über das Foo Fighters-Konzert erschien in der italienischen Zeitung La Repubblica, darum habe ich mal einen Teil übersetzt:

„[…] And there was almost a sense of guilt in having spent a lovely evening of music, on a night like this. But it needs not be so. Because music is life, because a concert is that moment when you cancel the distances between people and it feels a bit like we are all the same, all part of something that unites us beyond flags, religions, political ideas. Because at concerts people meet, who would otherwise never talk to each other in real life, they can laugh, cry, together, as part of the same family. As friends. For this, if we knew what was happening out there in the real world, we would have said: ‚Play it again, Dave.‘ „

 

 

Die ehrliche Konzertkritik: BRDigung (Support: SpitFire)

Wenn die Punker mit den Patrioten…

© BRDigung (Promo-Bild)
© BRDigung (Promo-Bild)

Dieser Abend im Musikzentrum ist ein bisschen wie ein Klassentreffen ehemaliger Dorfschulkinder: Die Bands SpitFire und BRDigung gehören beide zum Plattenlabel Rookies & Kings, das von Stefan Harder, Manager der umstrittenen Band Frei.Wild und Phillip Burger, Frontsänger von Frei.Wild, gegründet wurde. Die Münchner Rock- und Metalband SpitFire hat gerade ihr zweites Studioalbum „Welcome to Bones City“ veröffentlicht. Auf dem neuen Album sind auch tanzbare Songs wie „Devil’s Dance“ vertreten und mit tanzen ist natürlich pogen und moshen gemeint. Zwei betrunkene Fans eröffnen den Moshpit, schmeißen Bier und sich selbst zu Boden, laden zum Schubs-Tanz.

In dichten künstlichen Nebel und weiße Hasenmasken gehüllt, betreten Gitarrist Jonas Straeten und Bassist Alexander Steves von BRDigung die Bühne. Ihre Horrorhasen-Masken tragen sie auch im Musikvideo zum Titelsong des aktuellen Albums „In goldenen Ketten“. Das Lied handelt von der Regierung und ihrem perfiden Plan, alle Menschen so abzulenken, dass ein Widerstand gar nicht erst anfängt, und selbstverständlich von den bösen Medien, die Krieg als Frieden darstellen. Die vier Jungs von BRDigung machen auf rotzige Deutschpunker mit Vorliebe für Metalriffs und beinahe politische Texte. Doch die Nähe zu ultrapatriotischen Bands nimmt ihrem Punk-Gehabe ein wenig die Authentizität. Zudem sieht Sänger und Leadgitarrist Julian Cistecky aus und klingt wie ein Teenager, der gerade gegen seine Eltern rebelliert. Cistecky freut sich ’nen Ast ab über die gut zur Hälfte gefüllte Halle. Für März 2016 kündigt die Band ein neues Album an; es gibt viel Applaus.

Weil nach zwei Songs technische Probleme auftreten, spielt die Band zwischendurch eine ruhigere Akustikeinlage. „Ausziehen!“, schlägt jemand im Publikum als Überbrückungsstrategie vor. „Ich soll mich ausziehen?“ Cistecky schaut erst zum Publikum, dann zu den Technikern: „Scheiße, bringt bloß meine Gitarre zum Laufen!“ Als die E-Gitarre wieder funktioniert, spielt BRDigung ihren Hit „Tanz dickes Kind“. Der Moshpit besteht mittlerweile aus mehreren Dutzend Skinheads, Metallern und Punks, die einander umschubsen und in die Seiten stoßen. Zwischen den Liedern stimmen die Fans spontan einen „Oh wie ist das schön“-Chor an.

Fazit: Die Anleitung zum Spaßhaben ist einfach – Hirn aus und ab in den Moshpit, dann noch laut mitgröhlen bei „Tanz, dickes Kind“, schon hat man einen tollen Abend. Für alle, die bei Frei.Wild, den Krawallbrüdern & Co. ein mulmiges Gefühl haben: Im „Nazipunks fuck off“-Shirt zum Konzert gehen und gucken, was passiert. Es gibt ’nen Stern für den doch sehr coolen Bandnamen BRDigung und einen für die Vorband. Außerdem sollte noch eine wichtige Sache erwähnt werden, weil es IMMER NOCH nicht jeder gecheckt hat: SKINHEADS sind NICHT unbedingt und immer NAZIS! Hören nur leider manchmal die gleiche Musik. ★★✰✰✰

Die ehrliche Konzertkritik: Sweet Pain / Pussycat Boys / Thomsen

© Jens Anders
Pussycat Boys, © Jens Anders

Das Zweitbeste an Kulturjournalismus ist, dass man kostenlos auf Konzerte bekannter Bands gehen kann, für die man sonst ein kleines Vermögen ausgeben müsste. Und ja, ich erzähle immer noch jedem ungefragt, dass ich mal für 30 Sekunden mit Marilyn Manson gesprochen habe und sein Gitarrist mich angegraben hat, bis das böse Wort „Interview“ fiel und sich alle schnell vom Acker machten. Aber das Beste an Kulturjournalismus ist, dass man sich auch mal eher unbekannte Bands anschaut und überhaupt nicht weiß, was einen erwartet. Wenn es scheiße ist und das Publikum die Band ausbuht, kann man einen wunderbaren Verriss schreiben. Wenn die Band total abgeht, kann man sie guten Gewissens hypen. Auch wenn sie nur eine der Vorbands des Abends ist. So geschehen am Freitag im Musikzentrum Hannover…

Die erste Vorband, Sweet Pain, kann einem richtig leid tun. Es war noch nicht viel los, keiner war besoffen (außer vielleicht diese eine Clique stark geschminkter Oldie-Groupies, die mir zwischenzeitlich stark schwankend auf der Toilette entgegenkam). In der Printausgabe der Hannoverschen Allgemeinen vom 23. März habe ich ziemlich fies über Sweet Pain geschrieben, zum Beispiel, dass der Sänger aussieht wie Elvis, aber in der späten Phase. Und dass man echt nicht auf Englisch singen sollte, wenn man das „Th“ nicht aussprechen kann. Es klingt einfach scheiße. Beweis: „Thieves of Rock“ (http://sweet-pain.jimdo.com/media/music/) Sorry. Sie werden es schon verkraften. Immerhin ist der Sound schön dreckig, wie das bei echtem Rock sein muss.

Eine positive Überraschung war die zweite Vorband: In glänzenden Leggins, Leoprints, Cowboystiefeln und Fönwellen-Perücken zelebrieren die Pussycat Boys den Glam Rock und Hair Metal. Die Rockstarposen sind schon einstudiert, alle Klischees werden auf die Spitze getrieben. So erzählt Frontsänger „Nick Fancy“ vom Leben in Hollywood und Bassist „Leslie Rich“ von seiner Exfreundin Britney Spears. Die Hardrock Boygroup spielt Cover-Versionen von Popsongs, aber im Rock- und Metalstil. Mit im Repertoire: Die beste Version von „Oops, I did it again“, die man jemals zu Ohren bekommen wird. Und plötzlich können die ganzen coolen Metalheads den Text mitsingen. Yup, they will do it again: Am 8. Mai im LUX (Hannover, Schwarzer Bär). Wer nicht hingeht, hat einfach nur Angst, dass ihm/ihr Robbie Williams, Britney Spears & Co plötzlich gefallen könnten.

Videos auf: http://ilovepussycatboys.com/?page_id=23

Der Headliner des Abends war Thomsen, benannt nach ihrem Gründer René Thomsen (also bitte nicht verwechseln mit der beschissenen Nazi-Band Thompson). Die Power-Metal-Band hat sich Rage-Schlagzeuger André Hilgers ins Boot geholt, der auf sein Schlagzeug einprügelt, als hätte es ihn einen Hurensohn genannt. Das Ganze klingt dabei auch noch verdammt gut. Ganz ehrlich: Wann hört man sich schon freiwillig ein Schlagzeugsolo an, das unter anderem mit dem tashigen Eurodance-Hit „Cotton Eye Joe“ unterlegt ist?! Weil es mir ehrlich gesagt schwer fällt, auch nur halbwegs objektiv über langhaarige Schlagzeuger zu schreiben (ähem, ähem, Beuteschema), empfehle ich allen Metal-Fans, sich das Ganze mal selber anzuhören. Anscheinend ist der Lichttechniker an diesem Abend total besoffen, denn er blendet abwechselnd Band und Publikum. Immerhin verteilen Ventilatoren am Bühnenrand den künstlichen Nebel und lassen die Haare schön metal-mäßig wehen. Auch super: Sänger Denis Brosowski kann man verstehen. Ja, wie ein Ork rumbrüllen ist Metal, aber hohe Töne treffen und halten zu können, ohne sich dabei Lungen und Stimmbänder zu zerfetzen, auch.

 

Fazit: Ob sie nun mit Metal- und Rock-Klischees aufgeräumt, sie bestätigt oder parodiert haben, alle drei Bands haben auf ihre Weise Spaß gemacht. Nächstes Mal sollte man die Auftritte vielleicht besser timen, damit jede Band die Spielzeit bekommt, die sie braucht. ★★★★✰ und ein halber Stern für sexy Haare / Goldleggins.