Hoffnun‘ für die Literatur: Stefanie Sargnagel & Puneh Ansari

Gleich zwei Freundinnen haben mir eine Eintrittskarte für die Lesungen meiner österreichischen Lieblingsautorinnen geschenkt. H.G. für Hannover und A.P. für Köln (im Befehlston: „MK, du musst Ende April in Köln sein, weil ich schon die Karte hab!“ ).

 Puneh Ansari ist eine Wiener Underground-Autorin. Sie schreibt vor allem auf Facebook, wie auch Stefanie Sargnagel. Ansaris Buch Hoffnun‘ ist im Verlag Mikrotext erschienen. Sie schlurft auf die Bühne und liest mit leicht kränkelnder Stimme trocken vom Blatt, Buch oder Handy ab. Am besten kommt  beim Publikum ihre Überlegung an, ob sie ein Kind bekommen solle, nur „um einen Tagesablauf zu haben“. Aber tausend Wochen ohne Drogen? Und sich alles aufreißen lassen bei der Geburt? Müsse sie sich da überhaupt schon festlegen, so im zarten Alter von Mitte dreißig? Ansari wirkt zurückhaltend, spricht langsam und bedacht, ihre Hände zittern beim Lesen. Fälschlicherweise könnte man annehmen, sie sei privat ein eher schüchternder Mensch. Dabei kann sie auch rotzbesoffen noch Israel/Palästina-Diskussionen führen und laut Sargnagel auch immer Bahnhof sowie Hotel in irgendeiner fremden Stadt wiederfinden. Den Anmachspruch „Wow, du bist Sozialistin? Ich bin Kommunistin!“ hab ich mir notiert.Weiterlesen »

Bologna für Bibliophile

Nach dem Shakespeare & Company Bookshop in Paris und dem Temple Bar Viertel in Dublin einer der besten Orte zum Schreiben, die ich je betreten habe.

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Nach einigen Minuten Anmeldungsbürokratie kann man in Ruhe arbeiten und studieren. Wer mit seinen Patschehändchen an Original-Bücher von Kopernikus & Co heranwill, wird jedoch enttäuscht.

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Die Universitätsstadt Bologna ist voll von wunderschönen Archiven, Bibliotheken und Lernsälen. Häufig finden Bücher- und Comicconventions statt. Wer kein Italienisch spricht, ist allerdings aufgeschmissen. Die meisten ItalienerInnen verstehen nämlich nur wenig bis gar kein Englisch, stattdessen wiederholen sie einfach lauter und schneller, was man vorher schon nicht verstanden hat.

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Die antiken Bücher werden selbstverständlich nicht ausgeliehen, aber man kann einen Blick hineinwerfen, wenn man sich an die Sicherheitsvorkehrungen hält und etwas Geduld mitbringt.
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Absolute Ruhe: In der Prüfungszeit ist so gut wie jedes Café in Bologna voll von paukenden Studierenden. Hier im Archiv kann man sich auch während der Klausurphase konzentrieren.

Übrigens: Die Italiener übertreiben es ein bisschen mit Ostern.

Happy Zomie Jesus Days to all readers!

Feels good to be home 💜🍷🐯

 

 

Schreiben im Jahr 2050

Die Seminare „Zukunft der Medien“, „Soziale Poetik – Wie wollen wir schreiben?“, „Online-Journalismus“ und „Politische Literatur der Gegenwart“ haben mich dazu inspiriert, mal mehr über das Schreiben im digitalen Zeitalter nachzudenken. Es geht hierbei nicht nur um Literatur, sondern auch um hingekritzelte Notizen und allgemein das Arbeiten mit Text.

Computergenerierte Lyrik wird immer besser

Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse konnte man mit Hilfe eines Algorithmus „Brain Poetry“ verfassen: Gemessene Gehirnströme generieren Gedichte. Gedichtgeneratoren im Internet (die meisten gibt’s auf Englisch) „verfassen“ Zeilen wie:
– Good things only happen to Cher
– A wounded deer leaps highest
– Du entzückst nur schales Bier
– Those lemmings! That awkward tea!
Seiten wie „Bot or Not“ lassen die LeserInnen raten, ob es sich um von Menschen ausgedachte oder computergenerierte Gedichte handelt. Obwohl das eine ganz schön kniffelige Angelegenheit sein kann: Computerprogramme haben noch keine Dichterin und keinen Dichter ersetzt. Um pseudokreativ zu schreiben, müssen die Programme erst einmal mit Daten gefüttert werden. Dazu später mehr. Im Folgenden geht es vor allem darum, wie die Technik das Schreiben (und Lesen und Lektorieren) vereinfachen kann, anstatt es zu zerstören.

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„Literminator“-Lesung in Hildesheim, bei der computergenerierte Gedichte gegen Autorengedichte antraten – und der Computer gewann.

Smartpens: Verbindung zwischen analog und digital

Smartpens, also digitale Kugelschreiber, bekommt man heutzutage sogar bei Tchibo und ähnlichen Läden. Die billigen Versionen können nicht viel, aber wer 150 – 170€ investiert, kann einen mit Apple-Geräten kompatiblen Smartpen erstehen, der auch über Handschrifterkennungssoftware verfügt. Handschrifterkennungssoftware für den privaten Gebrauch ist noch nicht besonders weit entwickelt. Wenn man sich jedoch die Mühe macht, das Wörterbuch immer wieder zu erweitern, bedeutet das: Nie wieder Notizen abtippen, nie wieder scannen.

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Wer gerne klassisch Manuskripte schreibt, anstatt auf Tastaturen herumzuhacken oder Touchscreens zu streicheln, wird sich mit Hilfe eines Smartpens viel nervige Arbeit ersparen. Das gilt natürlich nicht nur für AutorInnen oder JournalistInnen. Studierende und Profs können zum Beispiel handschriftlich verfasste Konzepte ohne nerviges Scannen, Umwandeln etc. in eine Präsentation einbinden und viel mehr. Weil man heutzutage eigentlich nur noch Klausuren und das eigene Testament handschriftlich verfassen muss, ist ein Smartpen inklusive Software eine gute Investition. Man sollte nur darauf achten, dass man nicht versehentlich das private Tagebuch in die Cloud hochlädt. Sowas kann unter Umständen peinlicher werden als jedes Handykamera-Selbstporträt (jup, ich weigere mich, „Selfie“ als ein Wort anzuerkennen).

Drucken ist Verschwendung und Verarsche

Ein Tablet-Notebook-Hybrid ist eigentlich nichts anderes als ein ziemlich kleiner und ziemlich leichter (ca. 1 kg) Computer, dessen Tastatur sich abtrennen lässt. Nichts besonderes also. Überrascht war ich, wie bequem es sich mit diesen Teilen lesen lässt: Man kann per „Steuerung + find“ schnell einen bestimmten Begriff oder Absatz finden, was vor allem beim Lektorat oder in Seminaren viel Sucherei erspart und wenn man beim Frühstück Zeitung lesen will, muss man diese nicht über Tisch und Teller ausbreiten, bis sie mit einer Ecke im Müsli hängt.

Früher habe ich alle Seminartexte brav ausgedruckt, abgeheftet, Zeilen markiert und kommentiert. Aber dann wurde der Druckkostenzuschuss abgeschafft (bei dieser Gelegenheit noch einmal herzlichen Dank an den AStA) und ich musste plötzlich Unsummen für Druckerpatronen blechen. Bekanntlich kosten die Originalpatronen der Druckerhersteller irrwitzig viel Geld, obwohl die Druckqualität vergleichsweise mies ist. Man kann sich die Patronen natürlich auffüllen lassen oder No-Name-Marken kaufen, aber weil das den Druckerherstellern auch schon aufgefallen ist, haben sie sich was ganz Schlaues überlegt: Wer nicht mit Originalpatronen druckt, verliert die Garantie und bei den neueren Druckern werden nicht-markeneigene Patronen sogar nicht mehr erkannt und der Druckvorgang blockiert. Das ist Kundenverarsche hoch zehn, weshalb viele schon den Tintenstrahldruckern abgeschworen haben und sich teure Laserdrucker zulegen. Oder man geht eben in den Copyshop. Weil es da so schön ist und das auch gar nicht viel Zeit raubt und die Bedienung so scheißfreundlich ist.

Dabei kann man auf einem Notebook bzw. Tablet super bequem Texte lesen, markieren, kommentieren uvm. So bereite ich mich zum Beispiel auf ein Seminar vor. Während des Seminars schreibe ich in ein stinknormales Heft oder einen Block. Mit handschriftlichen Notizen kann man gut lernen, weil das böse Internet dann nicht so ablenkt (dafür gibt es allerdings auch Leechblock –> Lockdown für alle Zeitfresser-Seiten wie 9Gag,Tumblr, YouTube etc.). Hausarbeiten kann man direkt auf dem Notebook oder mit Smartpen schreiben. So drucke ich heute nur noch Texte aus, wenn es gar nicht anders geht. Manchmal will man ein Script eben mit verschiedenen Stiften vollkritzeln, irgendeinen Scheiß an den Rand malen und nicht nur durchscrollen. Wenn es nach mir ginge, gäbe es nur noch handschriftliche Texte und digitale. Außerdem sollten beide Formen nicht koexistieren, sondern eine Symbiose bilden, die durch Smartpens schon angedeutet wird. So wie Musiknerds sich ihre Lieblingsalben auf dem kratzigen Plattenspieler anhören, obwohl sie sie als MP3-Dateien auf dem Computer haben.

Wegwerfgedanken
Manche Gedanken kann man ruhig für sich behalten.

Tagebuchschreiben als Protest
gegen Datenkraken und Mitteilungssucht

Handschriftliche Texte sind ein unausgesprochenes FUCK YOU an NSA, BND & Co. Wie Winston Smith aus „1984“, der heimlich sein Tagebuch schreibt, in welchem seine Gedanken nur ihm selbst gehören und später vielleicht einmal, so hofft er, einer Generation übermittelt werden, die ohne Totalüberwachung lebt. 2014 ist die Dystopie Wirklichkeit: Facebook gibt Daten an die Polizei heraus, berichtete z.B. der Deutschlandfunk. Da reicht ein dämlicher Post wie „Boah, bin ich high“ für ’nen Akteneintrag. Google verdient sich eine goldene Nase mit deinen Daten. Man hört heutzutage immer nur „Daten“, als wären das ein paar Zahlen. Es sind aber Bewegungsprofile, Kaufverhalten, sogar die privatesten Gespräche und Emotionen, an denen die Datenkraken interessiert sind. Welches Gefühl bewirkt welches Verhalten und umgekehrt? Mit Psychologie kann man verdammt viel Kohle machen. Und mit Datenklau.

Schreib‘ doch heute mal nicht bei Facebook, dass du im Park joggen warst. Das interessiert deine Freunde nicht. Wenn du besonders stolz auf dein Abendessen bist, dann notier‘ dir das Rezept und mach‘ kein Foto davon. Das interessiert nämlich keinen. Und wenn du der Welt nur mitzuteilen hast, dass du cool bist oder schlau oder hübsch oder reich oder vegan oder verliebt, dann brauchst du dafür keine eigene Website!

Lesung mit Smartpen-Kommentaren live im Hintergrund
Lesung mit Smartpen-Kommentaren live im Hintergrund