Extinction Rebellion Köln -Interview: Karneval für das Klima

CC: Logo-Design von Josemel55

An Extinction Rebellion (dt. Rebellion gegen das Aussterben) scheiden sich die Geister. Denn im Vergleich zu Fridays for Future (FFF) gilt die in England gegründete Bewegung Extinction Rebellion (XR) als radikaler Flügel des Klimaaktivismus. Einerseits erhalten die AktivistInnen prominente Unterstützung, zum Beispiel von Musiker Bela B oder der Sea Watch-Kapitänin Carola Rackete. Andererseits kritisieren selbst linke Medien wie etwa die taz, dass die Bewegung auf emotionale Aktionen und Schock-Effekte setzt. Zum Beispiel legen sich AktivistInnen bei sogenannten „Die-Ins“ wie tot auf den Boden, um klar und deutlich auf das Artensterben hinzuweisen. Dass solche Protestformen nicht neu sind, sondern schon lange anderen Organisationen wie etwa Greenpeace oder Peta angewandt werden, scheint in der allgemeinen Aufregung unterzugehen. Die Kritik, XR setze neben Fakten vermehrt auf Emotionen, erscheint in einer von persönlichen Meinungen und Eindrücken getriebenen Debatte um den „richtigen“ Protest doch eher ironisch. Woher kommt die Abneigung gegen XR und sind extreme Protestformen in diesen Zeiten notwendig oder übertrieben?

Ich habe mir die Kölner Ortsgruppe der Bewegung genauer angeschaut und mit XR-Mitglied Tim gesprochen. Tim hat sich XR vor einem Jahr in England angeschlossen und lebt in Köln. Zusätzlich zu seinem Beruf im IT-Bereich fungiert er als einer der Amateur-PressesprecherInnen der XR Ortsgruppe Köln. Das Interview durfte ich leider nicht in der Tageszeitung veröffentlichen, für die ich arbeite, weil die Bewegung aus Sicht der Chefredaktion zu radikal ist, obgleich XR gewaltfrei demonstiert.

MK: Extinction Rebellion nutzt das Recht auf zivilen Ungehorsam, blockiert Verkehrswege und versucht, große mediale Aufmerksamkeit durch Aktionen und Verhaftungen zu erzeugen. Warum  reichen klassische Demonstrationen nicht?

Tim: Man hat die letzten Jahre gemerkt, dass klassische Demonstrationen auf eine Art sehr gut funktionieren. Es kommen viele Leute hin, es machen sehr viele Menschen mit. Es ist niederschwellig. Man trifft auf Gleichgesinnte. Auf der anderen Seite kann  man klassische Demonstrationen aber auch wunderschön ignorieren und braucht sich nicht damit auseinanderzusetzen. Es ist vielleicht mal eine Meldung in der Tagesschau wert, wenn es eine große [Demonstration] war. Aber politischer Druck wird so nicht aufgebaut. Daher auch der ein bisschen radikalere, teils emotionalere Ansatz. Es steckt schon im Namen: Extinction Rebellion hat als Ziel, das Aussterben zu verhindern. Das ist ein relativ klares Ziel und um das zu erreichen, bedarf es solcher Mittel.

MK: Die Soziologin und Autorin Jutta Dittfurt hat XR als esoterische Sekte bezeichnet. Was ist das seltsamste Gerücht, dass du über XR gehört hast?

Tim: Dass wir Daten sammeln würden, um sie an amerikanische Geheimdienste  weiterzugeben. Das ist ziemlich abstrus. Wir tun, was wir tun, um gute Aktionen machen zu können. Da steckte keine böse Absicht hinter.

KR: Woher könnte dieses Gerücht denn kommen?

Tim: Das Gerücht könnte daher kommen, dass ein Fragebogen, in dem gewisse Sachen abgefragt wurden, ein bisschen zu weit gegangen ist. Da wurden sehr pikante Details zur Aktionsbereitschaft einzelner AktivistInnen abgefragt. Das ist gerade in Deutschland ein schwieriges Thema. Das in Verknüpfung damit, dass man Geld von GroßspenderInnen bekommen hat, kann zu dem Anschein führen, dass irgendwelche komischen Machenschaften dahinterstecken.

MK: Ihr finanziert euch zum Beispiel über den Climate Emergeny Fund, aber auch Crowdfunding.

Tim: Bei Spenden ist immer die Frage, ob man sich davon beeinflussen lässt oder eben nicht. Und diese Beeinflussung sehe ich aktuell nicht.

MK: Mehrere XR-Ortsgruppen haben auf diese Spenden zurückgegriffen, Berlin zum Beispiel, um Protestcamps zu finanzieren. Die kleineren Ortsgruppen haben fünftausend Euro aus dem Climate Emergency Fund bekommen, um zum Beispiel Druckkosten zu decken.

Tim: Köln auch. Das sind fünftausend Euro gewesen.

MK: Aber wie kommt man darauf, dass XR eine Sekte ist? Liegt es an dem Buch „Common Sense for the 21st Century“ des XR-Mitbegründers Roger Hallam? An der Weltuntergangsrhetorik, der sich XR bei Vorträgen bedient? Oder meinst du, das ist eine Schmierkampagne?

Tim: Ich kann schon verstehen, dass der Eindruck entsteht, wenn man das Ganze oberflächlich und von außen betrachtet. Es gibt Elemente wie zum Beispiel die Red Rebel Brigade, welche rotgekleidete Menschen sind, die wortlos durch Innenstädte oder im Rahmen von Aktionen durch Menschenmengen gehen und dadurch wird eine gewisse Dramatik erzeugt. Das in Kombination damit, dass es gewisse Gruppenrituale gibt. Zum Beispiel findet vor jeder Aktion ein sogenannter Check-In statt und die Leute sagen kurz wie es ihnen geht. Aber wenn man mal in so eine Gruppe reingeht und sich anguckt, warum das gemacht wird und was der Sinn dahinter ist, dann wird klar: Hier ist jede und jeder vollkommen frei, zu tun und zu lassen, was er oder sie möchte. Wer mitmachen möchte, ist herzlich willkommen. Wer keine Lust mehr hat, geht. Das hat überhaupt keinen sektenartigen Charakter. Ich habe mir einmal die aktuelle Definition einer Sekte angeschaut. Dass da Individualfreiheiten eingeschränkt werden et cetera. Die liberalen Werte, die wir hier zum Glück in unserer Gesellschaft haben, werden durch eine Sekte unterminiert. In Extinction Rebellion sehe ich etwas genau Gegensätzliches und zwar, dass genau diese Werte gestärkt werden. Es werden einzelne Menschen dazu befähigt, kritisch zu denken und ihre Meinung öffentlich zu äußern. Insofern kann ich diesen Vorwurf zum Einen erstmal nachvollziehen, zum Anderen geht er aber total an der Realität vorbei.

MK: Jetzt haben wir viel darüber geredet, was andere über euch sagen. Aber wie würdest du Extinction Rebellion beschreiben, so wie du die Gruppe kennengelernt hast?

Tim: Eine sehr heterogene Gruppe, aus den verschiedensten sozialen Schichten. Das Ziel, womit XR eigentlich aufgebaut wurde, nämlich möglichst viele Leute unter einem Hut zusammenzukriegen, um etwas gegen die Klimakatastrophe zu tun, das funktioniert. Es finden sich die verschiedensten Menschen zusammen: Alle Altersklassen, mit Kind, ohne Kind… Ein relativ breiter Querschnitt der Bevölkerung. Und was alle eint ist eben, dass sie realisiert haben, dass wir als Menschheit ein grundlegendes Problem haben und wir es nur gemeinsam lösen können.

MK: Trotzdem hat XR Deutschland bei Weitem nicht so viele AnhängerInnen wie in England. Woran liegt das? Und wie viele AnhängerInnen hat XR Köln?

Tim: Man muss da unterscheiden zwischen Menschen, die interessiert sind und auch mal zu einer Aktion kommen. Da würde ich in Köln auf irgendetwas zwischen tausend und zweitausend Menschen schließen. Dann gibt es Menschen, die aktiv mitarbeiten, und auch da gibt es immer eine gewisse Fluktuation. Die eine hat mal mehr Zeit und Energie, der andere mal weniger. Das würde ich so bei dreihundert Menschen schätzen, natürlich in wechselnder Besetzung.

Dass es in England mehr Mitglieder gibt, hat den Hintergrund, dass die ganze Bewegung circa ein Jahr Vorbereitungsphase gehabt hat, bevor es überhaupt losging. Man hat dort das erste Mal so im Oktober oder November 2018 von XR gehört. Dem ist eine einjährige Mobilisierungsphase vorangegangen, während der das Konzept ausgearbeitet wurde, Menschen informiert und mobilisiert wurden. Als die Bewegung dann herübergeschwappt ist, gab es hier in Deutschland noch gar keine solche Mobilisierungsphase. Von den Zahlen her ist es aber relativ ähnlich, bis auf den zeitlichen Versatz. Also wenn man sich an Metriken wie Newsletter-Abonnementzahlen oder Followers in sozialen Medien orientiert, dann ist die Kurve schon eine ziemlich ähnliche.

MK: Es sind vor allem junge Frauen, Studentinnen zum Beispiel, die sich für die Umwelt einsetzen, vegan werden und auf Plastik verzichten. Statistisch gesehen hinterlassen Frauen einen kleineren ökologischen Fußabdruck. Woran könnte das deiner Meinung nach liegen?

Tim: Ich glaube, dass Frauen da einfach einen Ticken reflektierter handeln und nicht so sehr auf Machtprozesse stehen. Bei solchen Themen sind sie deswegen vorne mit dabei.

MK: Ist Klimaungerechtigkeit Klassenungerechtigkeit?

Tim: Ich hoffe, nicht. Das ist auch wo Extinction Rebellion ansetzt und sagt: Wir müssen dafür sorgen, dass es nicht zu einer weiteren Klassenungerechtigkeit führt und da setzt Extinction Rebellion mit der Forderung an: Wir brauchen Bürgerversammlungen, die die Maßnahmen zum Klimaschutz, die wir jetzt brauchen, auf demokratische Füße stellen und wo eben nicht große Lobbyverbände und andere dafür sorgen, dass es auf dem Rücken der breiten Bevölkerung ausgetragen wird. Sondern dass die Mitverursacher auch zur Verantwortung gezogen werden und somit Teil der Lösung sein können.

MK: Mitverursacher ist das Stichwort. Wir [die RedakteurInnen der Kölnischen Rundschau] berichten seit Jahren von der Rodung und den Protesten im Hambacher Forst. Nordrhein-Westfalen gehört durch seine Braunkohleindustrie im Ruhgebiet und hier in der Region – Ruhrkohle AG und RWE – mit zu den größten europäischen Klimaschädlingen. Hat die Landesregierung dadurch auch eine besondere Verantwortung?

Tim: Auf jeden Fall. Das war und ist sogar ein Schlüsselpunkt. Am Hambacher Forst wird sich noch Einiges entscheiden. Man kann da ja fast schon von einem symbolischen Punkt sprechen. Gerade die Landesregierung Nordrhein-Westfalens hat es in der letzten Zeit nicht hinbekommen, da klar Stellung zu beziehen, beziehungsweise hat Stellung bezogen, aber leider… nun ja, die falsche.

MK: Was habt ihr denn dort noch für Aktionen geplant, speziell, was RWE und die Landesregierung betrifft?

Tim: Extinction Rebellion übt Druck auf die Regierung aus, aber die Aktionsformen sind nicht direkt in den Kohlegruben, wo die Ungerechtigkeit passiert. Es ist mehr der Versuch, den Druck  auf die politische Ebene zu bringen und auf die politischen AkteurInnen zu wirken. Es sind aktuell verschiedenste Aktionen auch in Richtung Landtag geplant. Details dazu dann gerne, wenn es soweit ist.

MK: Gibt es einen ungefähren Zeitraum?

Tim: Es waren ein paar Sachen im Gespräch, die man machen könnte, aber ich glaube, eine konkrete Aktionsplanung gibt es da noch nicht. Aber es hat sich da gerade eine Gruppe zusammengefunden, die auf lokaler Ebene schauen will, was man da machen kann. Es ist allerdings auch ein Feld, was schon sehr gut abgedeckt ist. Bei RWE gibt es Ende Gelände, es gibt die Support-Strukturen im Hambacher Forst.

MK: Arbeitet ihr da zusammen`?

Tim: Ja. Es ist keine aktive Zusammenarbeit, aber man unterstützt sich gegenseitig, wo man nur kann. Viele Menschen von XR gehen auch zu Ende Gelände-Aktionen und umgekehrt. Das sind verschiedene Strategien, aber oftmals sind es ähnliche Strukturen.

MK: Wie könnte denn ein Bündnis auf Bundesebene zwischen FFF und XR aussehen?

Tim: Im Moment machen FFF ihre Aktionen und wir  unterstützen das einfach. Wenn sie uns fragen, helfen wir mit und umgekehrt. Wie solche Bündnisse konkret aussehen können, das ist eine sehr gute Frage. Die gilt es in Zukunft zu klären, damit man die Potenziale bündeln kann.

MK: Anstehende Aktionen hat XR auf jeden Fall. Tatsächlich hat XR sogar einen Karnevalsverein, die „Jecke Rebellen“. Am 11.11. beginnt die erste Karnevalssaison des Vereins.

Tim: Der Karnevalsverein wurde vor circa drei Monaten gegründet. Damit XR auch karnevalistisch aktiv werden kann. Wir sind hier in Köln und was gibt es für eine schönere Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu kommen und Spaß zu haben, als im Karneval?

MK: Der politische kölsche Straßenkarneval bietet XR ja auch ein passendes Forum, denn ein ernstes Thema humorvoll anzugehen kann dazu beitragen, den Diskurs darüber anzuregen. Was sind denn eure Pläne für Karneval?

Tim: XR befindet sich im ständigen Wachstum und im Moment befinden wir uns in einer Phase der Reflexion sowie der Integration von Menschen, die über die Massendemonstration in Berlin auf XR aufmerksam geworden sind. Dann kommt eben auch wieder das neue Planen. Im Grunde sind wir gerade noch dabei, die letzte Aktion abzuschließen und nachzubereiten. Wirklich große Aktionen kommen dann erst wieder Anfang nächsten Jahres.

MK: Am 17. November 2018 legte XR UK durch die Blockade mehrerer Brücken den Londoner Straßenverkehr lahm und taufte diesen Tag Rebellion Day. Habt ihr denn Pläne für den zweiten Rebellion Day?

Tim: Auf Kölner Ebene ist mir nichts bekannt.

MK: Du hast die Massenproteste angesprochen, die am 7. Oktober 2019 in Berlin stattgefunden haben. Warst du dabei?

Tim: Ja, ich war dabei. Es war absolut großartig. Bei der ersten Massenaktion ist direkt alles so gelaufen wie man sich das vorstellt, im Sinne von: Es war unglaublich friedlich. Die Menschen waren respektvoll miteinander und es war eine unglaublich gute Atmosphäre und Stimmung. Ich glaube, wir konnten auch unsere Message rüberbringen. Natürlich hat das noch keinen großen politischen Druck ausgelöst. Es gab wenig bis gar keine Fortschritte an der Stelle. Aber es war die erste Massenaktion und da werden noch weitere kommen.

MK: Zum Schluss eine polemische Frage. Wer ist schlimmer: Ein RWE-Mitarbeiter, der keine Umschulung macht, sondern in der Kohleindustrie bleiben möchte, oder ein Ehrenfelder Hipster, dem es egal ist, dass seine Avocados aus Südamerika eingeflogen werden?

Tim: Vom Ehrenfelder Hipster könnte man noch erwarten, dass er umdenken kann. Wenn RWEler vielleicht seit dreißig Jahren ihren Job machen, kann man auch nachvollziehen, dass sie da in einem gewissen Trott drin sind. Aber auch sie müssen sich ändern.

MK: Vielen Dank für das Gespräch.

Vortrag von XR Köln im September 2019 in Ehrenfeld.