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insomnia urbana

I. Schuhhaus Marx

Im Schaufenster des Schuhhauses Marx steht immer dasselbe staubige Paar Schuhe. Manchmal brennt im Hinterzimmer Licht und ich stelle mir vor, dass sich im Schuhhaus Marx heimlich Marxist*innen treffen, um große Pläne zu schmieden. Es geht um Theorie und um Praxis, um Wirtschaft, Soziales, Guerillataktik… Scha-hatz, gehst du mit mir Schuhe kaufen?

II. Der Vermieter

Ein Altbau sollte es sein. Wegen der Jugendstilfassade und der hohen Decken. Hoch war auch die Miete, für ein Zimmer an der Autobahn. Doch es würde nicht allein der Lärm sein, der mir den Schlaf rauben sollte.

„Meine Eltern haben das Haus direkt nach dem Krieg übernommen“, sagte der Vermieter und reichte mir die leise klingelnden Schlüssel. „Es schien niemandem gehört zu haben.“

Draußen glänzen die Stolpersteine im Regen. Ich achte darauf, dass ich niemals auf sie trete (lächerlich, denn der Fluch kam schon mit den Schlüsseln). Nachts schreibe ich Geschichten und vermisse meine Träume.

III. Ein Feuer

In Kalk-Nord brennt ein Cityroller. Ich, beruflich Flaneuse, bleibe stehen und schaue. Ein paar Jugendliche stehen ebenfalls herum und lachen. Die Stichflamme ist schön anzusehen, fast hypnotisierend. Da kommt einer und löscht das Feuer mit seinem Bier. „Schade“, denke ich und wende mich zum Gehen. Flanieren ist mein Job, den sollte ich ernster nehmen. Ich sage laut „Ach, Kalk“ und die Jugendlichen: „Isso.“

IV. Die Pyramide

Diese Kirche erinnert mich an Rom. Sie hat die Form einer Pyramide, ungefähr. In Rom und in Köln gibt es zahlreiche Kirchen und kaum Pyramiden, trotzdem sehe ich letztere viel häufiger. Vielleicht, weil der Anblick von Kirchen in Europa wenig verwundert und ich mich gerne wundere. Die Pyramide in Rom ist Grabstätte und Fashion Statement: ägyptisch war damals total en vogue. Von ihr aus fährt die Stadtbahn zum Strand mit den bunten Muscheln. Die Pyramide hier ist eine Kirche für Kultur, also eine, in die man noch geht ohne Tourist zu sein oder unironisch Christ zu sein.

Hauptstraße. Senioren sitzen auf Bänken und sprechen laut und alle gleichzeitig, also, Italienisch. Sie seien zu Gast, hatte man ihnen gesagt. Zu Gast in der eigenen Kolonie, wie soll das gehen? Die Goten haben einen eigensinnigen Humor. Ich gehe zur Pyramide, stehe davor, denn Kultur ist verboten. Und ich sage leise: „Ach Constantin, wohin nun mit all den Kirchen?“