Wie man Google und Facebook loswird: Alternative Apps für Android

Während Diktatoren die Macht der Medienkonzerne fürchten, weil Menschenrechtsverletzungen heutzutage einfacher publik gemacht werden können, haben EU-BürgerInnen ein ganz anderes Problem:

Konglomerate wie Alphabet oder Facebook Inc. können es sich leisten, auf Gesetze zu pfeifen, denn sie bereichern sich unrechtmäßig an Nutzerdaten und zahlen lachhaft niedrige Steuern. Dass die EU überhaupt damit angefangen hat, an neuen Datenschutzregelungen zu arbeiten, haben wir auch den Enthüllungen von Edward Snowden & Co. zu verdanken. Um die Megakonzerne zur Einhaltung der EU-Richtlinien zu zwingen, kann man sie boykottieren. Weiterlesen »

Bedrückende Versuche einer Zeitreise

Die Boulevardisierung und Verwässerung der Erinnerugskultur schreitet voran: Das Gruselkabinett als Alternative für Deutschland?

Beschmierte Gedenktafel in Aachen, 2014. Der/die Täter/in war sicher kein/e Orwell-Leser/in.

Die ZDF-Sendung Neo Magazin Royale ist bekannt für Jan Böhmermanns kluge Blödeleien und geschickt konstruierte Kontroversen. Die Folge vom 16. November war eine Satire im Dokumentationsstil, bei der Autor und Komiker Ralf Kabelka mit seiner authentisch wirkenden Neugier als Gegengewicht zu Böhmermanns Zynismus wirkte. Es ging um einen Themenpark, der 2023 eröffnen und die Nazizeit als Freizeitevent für die ganze Familie inszenieren sollte. Der Projektleiter des sogenannten Reichsparks, gespielt von Piet Fuchs, erklärt in Werbefilmchen und Interviews seine Vision von erlebbar gemachter Geschichte. Zwar mag es zur Schadenfreude anregen, dass Neo Magazin Royale erneut ein paar Voreilige an der Nase herumführen konnte. Doch besonders bedrückend sind die echten Reportage-Sequenzen.Weiterlesen »

Why we don’t need Social Media – but Social Media needs us

A personal odyssey through the ghost land of social media

 

Dear NSA,

I’m MK, 25 years old and I would describe myself as a sociable person. But you already know that, of course. I just wanted to tell you or any other person who might read this that I quit most of my social media, because it got really annoying. This „letter to the NSA“ is not a story about how I quit social media (because that can be done in a few seconds). It’s about why I started in the first place.Weiterlesen »

You’re an alien, I’m an elf and that is totally okay.

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© Ela Aram | All clothes designed by Ela Aram | unedited

Let me start this essay on the art of having your own style with a bit of drama, ok? Back in school people laught at me. Every. Single. Day. Because of my mohawk, the glossy black plateau boots, the blue and green lipstick, my self-made clothes and the ones I bought… Even at my „elf ear“, which is an especially dumb thing to do, because I didn’t choose it like an outfit, I was born with it. This story could go on over pages and pages full of self-pity and vengeance. But honestly, I never gave a fuck about those boring people. Peer-pressure created by the kids smoking at the school gate never worked for me and I’ll tell you why.

Even the ones who kicked me down to „prove“ that I couldn’t walk in those incredibly comfortable, though very high goth plateau boots I’ve had since I turned 15. And yeah, sure, I got a tattoo at 16 for the „attention“. Like being constantly touched and screamed at by strangers „Is this real or paint?!“ is something enjoyable. (By the way: Touching tattoos doesn’t make any sense, because the ink is approx. 3 millimeters under the skin, you dumb fucks can not feel a tattoo.) I still laugh about the nazis in our village who threatened to beat me up and rape me, because of my purple punk hairstyle. Also, getting called „anorexic“ by fat girls – gets me everytime. The most ridiculous guy in high school was probably the one who made fun of my big nerdy glasses just a year before nerd-glasses became popular and he started wearing them, too. Most people are scared of looking different, so they wait until something they secretly like becomes fashionable (again) and they can pull it off without being „the weird one“.Weiterlesen »

Hauptsache irgendwas ohne Kapitalismus

„Die beste Art, sich einen Anzug zu leisten, ist zu arbeiten.“
Emmanuel Macron zu französischen Gewerkschaftern

Foto: Claude Truong-Ngoc

Dass mein Termin beim Arbeitsamt für acht Uhr angesetzt ist, halte ich für eine nachträgliche Erziehungsmaßnahme. Dabei habe ich irgendwann im Zeitmagazin gelesen, dass zwei Drittel der Menschen in Deutschland „aufgrund ihres chronobiologischen Schlaf-Wach-Rhythmus am Abend nicht früh einschlafen. […] Die meisten Eulen gehen am liebsten zwischen 23:30 und 2:00 Uhr ins Bett und würden am liebsten morgens zwischen 7:30 und 9:30 Uhr aufstehen.“

„Na, da habense aber ne Marktlücke jefunden, Frau Kampwerth“, lacht die schweinchengesichtige Sachbearbeiterin mit den türkisen Pornoschaufelnägeln aus Acryl. ,,Ne Kneipe in Kölle eröffnen, Sie sind mir ja eine.“

Ich schiebe ihr meinen Lebenslauf durch die Lücke zwischen ihrem Schreibtisch und der dicken Glasscheibe zu, die uns voneinander trennt. Es hat nur zwei stadtbekannte Amokläufe gebraucht, um die Sicherheitsvorkehrungen im hiesigen Jobcenter zu verbessern. Ein Typ war spontan ausgeflippt, der andere hatte vorsorglich eine Axt mit zum Beratungsgespräch gebracht. Mir tun die Täter und Opfer in diesen Fällen gleichermaßen leid, weil sie doch beide nichts dafür können, dass Hartz IV scheiße ist und die meiste Arbeit auch nicht besser.

Jegliche Form von Arbeit, so mein ehemaliger Philosophielehrer, ist vergütete Vergewaltigung. Der arme Herr R. hasste seinen Beruf sehr. Aber irgendwie musste man nach dem Philosophiestudium seine Brötchen verdienen. Darum quälte er mit Vorliebe die Schülerinnen und Schüler, die in der Oberstufe noch so etwas wie Persönlichkeit übrig hatten.

„Ich könnte überall eine Kneipe eröffnen, nicht nur in Köln, Hamburg oder so. Zum Beispiel war ich für mein Nebenfach Politik längere Zeit in Italien. In den Steuerkram kann ich mich einlesen und eine Barkeeperausbildung habe ich.“

„Und wat könnense sonst so?“ Sie blättert schlampig durch meinen Lebenslauf. „Studiert hamse.“

„Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus.“

Sie tut so als hätte sie mich nicht gehört.

Ich wiederhole lauter: „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus! Nebenfächer Rotwein, Hastemalblättchen und Kulturpolitik.“

Sie seufzt lange. Dann stellt sie die Frage, die jeder stellt, wenn es um meinen Bachelor geht:

„Und was macht man damit?“

„Ich habe als Journalistin gearbeitet.“

Gleichzeitig sagen wir: „Bei der Wirtschaftslage.“ In meinem Satz klingt ein bisschen Stolz durch, bei ihr eher die Einsicht, dass wir hier noch eine Weile sitzen werden.

Na los, denke ich, sag ihr schon, was sie hören will:

„Im fünften Semester habe ich ein Jobangebot von einer Werbeagentur bekommen. Ich hätte teure Designermöbel bewerben sollen, schicke Restaurants und irgendwelche neuen Apps. Die Bezahlung war auch nicht schlecht.“

„UND DA HABENSE UFFJEHÖRT?!“, jammert die Beamtin in Teilzeit und schlägt die türkiskralligen Hände über dem Kopf zusammen. Mein Lebenslauf flattert zu Boden.

„Das Ganze wäre unter dem Deckmantel Journalismus gelaufen. Sponsored Content, product placement, influencing und so. Ich kann das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.“

„Jewissen!“, jault sie auf. Idealistenpack versaute ihr zwei- bis dreimal am Tag die ersehnte Zigarettenpause. „Und was wollense nun machen, wenn nich Werbung?“

Ich denke kurz nach. Irgendwas, dass Sinn ergibt, irgendwas von Bedeutung, irgendwas… „Irgendwas ohne Kapitalismus“, sage ich schließlich.

Sie steht wortlos auf, schlägt ihren Kopf gegen die Glasscheibe, TONK, TONK, TONK. Dann setzt sie sich wieder und starrt mich schweigend an. Ihre zusammengekniffenen Augen sind jetzt winzigklein und die trockene Wimperntusche krümelt über ihr Gesicht, bis zur Nase, die wie ein Staubsauger den Schminkdreck schniefend einatmet und mit jedem genervten Seufzer wieder aus. Schließlich scheint sie eine Idee zu haben: „Se wollen inne Sozialbereich? Mit de Flüchtlinge und so? Könnense dene Deutsch beibringe.“

„Nicht nur denen.“

Erleichtert ruft sie: „Achtfuffzig die Stunde, aber ersma drei Monadde Pflichtprattikum! Den Personalussweis, bidde!“ Sie hackt ein paar Daten in den Computer, die sie falsch aus meinem Perso abschreibt, druckt den Wisch aus und reicht ihn mir.

„Haben Sie auch Arbeitsplätze, von denen man leben kann?“

„Was Sie alles woll‘n!“, lacht die Frau und gibt meinen Ausweis zurück. „Schönen Tach noch!“

Ich packe meine Sachen, stehe auf, habe meine Hand schon an der Türklinke, da drehe mich aber noch einmal zu ihr um, verfinstere meinen Blick und sage: „Sie werden schon sehen. In ein paar Jahren ist die Automatisierung der Arbeit so weit, dass Ihre Stelle komplett durch die ArbeitsagenturApp ersetzt wird. Dann werden Sie sich wünschen, Sie hätten irgendeine künstlerische Begabung, mit der Sie Ihre Zeit füllen können. Sie werden abstürzen und den Horror vacui erleben, von dem Nietzsche einst schrieb.“

„Wer?“

Wütend knalle ich die Tür hinter mir zu.

Im Wartebereich sitzt ein Besoffener mit Aldidas-Trainingsanzug über dem Bierbauch, Tränen in den Augen und Axt in der Lidl-Einkaufstasche. Ich nicke ihm freundlich zu.

Sollte dieser oder ein ein anderer Text auf der Website Ihre Gefühle verletzt haben, wenden Sie sich bitte an meinen Anwalt: anwalt_mk@spam.de

Maschsee Meditationen

I. ,,Verbrecher Zigeuner Bande (…) ferschlepen Frauen und Vergewaltigen Sie. Zigeuner Dreck muss weck“ Hm, also wenn es auf mehreren Parkbbänken am Maschsee steht und die Rechtschreibung so sehr meinem eigenen Bildungsstand entspricht (Schule des Lebens), dann wird es ja wohl die Wahrheit sein – denken sich die besorgten Bürger.

II. Es hätte ein schöner Tag werden können. Der zugeschneite Maschsee sieht so friedlich aus. Dass mich ein Rotkehlchen seit 20 Minuten verfolgt und böse anschaut, stört mich nicht. Auch den toten Hase und seinen abgetrennten Kopf  verbuche ich eher unter morbider Ästhetik. Aber wer hat die Fascho-Vollidioten rausgelassen?

III. Morgen entscheidet sich vermutlich, ob die NPD verboten wird oder nicht. Bei der Sache kann es keine Gewinner geben, außer die Faschos. Wird die NPD nicht verboten, fühlen sich die Mitglieder in ihrem Rassismus bestärkt und fangen in diesem Wahljahr an, die AfD zu unterstützen. Wird die NPD jedoch verboten, werden die extremsten Anhänger einen (bestimmt vom Verfassungsschutz finanzierten) NSU-Ableger starten und alle anderen werden zur AfD abwandern. Es sieht nach einem guten Jahr für die Rassisten aus.

 

 

„Wir haben leider nur drei Teesorten zur Auswahl“ – Evakuierung nach Fliegerbombenfund in Hannover-Linden

EvakuierungFliegerbombeHannover
Immer noch besser als Reisegenuss

Bei Bauarbeiten in Hannover wurde eine Fliegerbombe entdeckt. Mal wieder. Hannover wurde einst so dermaßen von der US-Armee in Schutt und Asche gebombt, dass der Zweite Weltkrieg auch nach über 70 Jahren immer noch den friedlichen Alltag in der Stadt und diesmal im Multikulti-Viertel Linden stört.

Linden ist so ein tolles Viertel, da geht einem Berlin wirklich am Arsch vorbei. Die Kioskdichte ist so hoch wie sonst nirgendwo in Deutschland, die Leute sind von überall und cool drauf… und die zerstörten Häuser wurden nicht nur durch funktionale Betonklötze ersetzt, sondern durch Gebäude, denen man ansieht, dass tatsächlich ein gewisses Maß an architektonischer und ästethischer Fähigkeit hinter der Planung steckte.

Alte Menschen, die sich noch an den Krieg erinnern, und nach Deutschland geflüchtete Familien sind von der Nachricht wohl am meisten beunruhigt gewesen: Ab 20 Uhr wird evakuiert. Muss schon scheiße sein, wenn man aus einem Kriegsgebiet flieht und dann plötzlich im grünen, spießigen Deutschland wieder seine Sachen packen und aus der Wohnung raus muss.

Irgendwie war es nur den Polen in meiner Straße scheißegal, oder sie haben die Durchsage nicht verstanden. Schließlich mussten aber alle raus aus dem Gebiet. Das Problem der Polizei und des Kampfmittelbeseitigungsdienstes: Mit der Entschärfung kann erst begonnen werden, wenn die Gefahrenzone komplett evakuiert wurde. Manche Leute konnten einfach nicht ohne Hilfe ihre Wohnung verlassen und zur Sammelstelle in der Konzerthalle Swiss Live Hall gelangen. Andere waren schlichtweg ignorante Deppen und verzögerten damit die Arbeiten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes.

Ich packte ein paar unfertige Manuskripte, mein Notizbuch, Handy, Computer  Schlafsachen und Wasser in meinen Rucksack und legte meine kostbarsten Bücher aus Ermangelung eines Tresors in die Waschmaschine, dann ging ich zur Konzerthalle. Draußen traf ich einen jungen Mann aus Griechenland, der die Ansage der Polizei nicht verstanden hatte und wie viele andere glaubte, es handle sich um einen Terroranschlag. Wann lernen die Behörden hier eigentlich mal Englisch?

Durch Bauarbeiten hatte sich die 250-Kilogramm-Bombe vermutlich schon ein Stück bewegt, weshalb sie sofort entschärft werden sollte. Im Stadion an der Parkbühne warteten die BewohnerInnen des Viertels auf die erlösende Durchsage der Polizei. Nazis schimpften über die ,,scheiß Amis“, MigrantInnen fragten, was überhaupt los sei, mein Tischnachbar laberte mich voll und ich schrieb. Suppe, Kaffee, Tee, Himbeer-Eistee… die Verpflegung bot traurigerweise mehr Optionen als meine Küche hergibt. Die Organisation war alles in allem sehr… deutsch. Soll heißen: In unnötigen Detailfragen überkorrekt, während sinnvolle Punkte ignoriert wurden (wie mehrsprachige Ansagen statt mehr Auswahl beim Tee). Das erinnert mich an Bafög-Anträge.Wo seitenlang aufgelistet werden soll, welche Einnahmen der Lebenspartner hat und frau nur eine Zeile bekommt, um zu beweisen, dass sie – Überraschung – sich gar nicht von ihrem Kerl finanzieren lässt.

Der Grieche, der mich eben noch gebeten hatte, die Durchsagen für ihn zu übersetzen, fing nun auch noch an zu flirten. Ich musste raus, so schnell wie möglich. Ungebeten fing er an, mir Fotos vom schicken Haus seiner Eltern in Griechenland zu zeigen und von seinem Motorrad. Wie viele Männer immer noch denken, sie würden mit Geld irgendwen wirklich rumkriegen. Es stellte sich heraus, dass er hier im Viertel in einem griechischen Restaurant arbeitete und das Geld dann in seiner Heimat ausgab. Er ist Teil einer neuen Gastarbeiter-Generation, die die Finanzkrise durchsteht, indem sie sich mit miesen Service-Jobs im Ausland durchschlägt und im Erwachsenenalter noch die Eltern anzapft.

An der Essens- und Getränkeausgabe höre ich einen freiwilligen Helfer sagen: ,,Wir haben leider nur drei Teesorten zur Auswahl. Möchten Sie ein oder zwei Stücke Zucker?

HAZ: Fliegerbombe in Hannover Linden-Süd entschärft